1.) - 2.)

Der rasierte Mann.
Roman von
Jurij Andruchovyc (2005, Suhrkamp - Übertragung Sabine Stör) .
Besprechung von
Olga Martynova in Die Zeit vom 2.6.2005:

Huzulisches Allerlei
Der lang erwartete Roman des westukrainischen Autors Juri Andruchowytsch enttäuscht durch postmodernistische Folklore

Auf den ersten ins Deutsche übertragenen Roman dieses in Deutschland nahezu über Nacht berühmt gewordenen Essayisten aus Stanislau in Galizien hat man gespannt gewartet. Zumal der Roman Zwölf Ringe auch in der ukrainischen Heimat seines Autors Juri Andruchowytsch einen kleinen Skandal hervorgerufen hat. Mancher Lemberger Buchladen weigerte sich, ihn zu verkaufen, was naturgemäß die Verkäufe in den übrigen Buchhandlungen steigerte. Der Grund für die Aufregung war ein verhältnismäßig kurzes Kapitel über Bohdan-Ihor Antonytsch, einen Dichter der osteuropäischen Moderne der Zwischenkriegszeit, die so manchen kränklichen und schüchternen Außenseiter hervorgebracht hat, man denke an Franz Kafka, M. Blecher oder Bruno Schulz. Antonytsch war keine Ausnahme: Er wurde 1909 als Sohn eines Geistlichen in einem Karpatendorf geboren, studierte Philosophie in Lemberg, wo er bis zu seinem Tod 1937 bei seiner despotischen Tante zurückgezogen lebte. Die Zitate aus Antonytschs Werk bereichern den Roman von Juri Andruchowytsch, geben ihm Tiefe, prägen Landschaften und Gefühle. Seinen Absturz in die postmodernistische ukrainische Folklore können sie jedoch nicht verhindern.

Besonders fragwürdig ist das Zitieren aus dem Werk des bewunderten ukrainischen Vorgängers, wenn damit auf naive Weise das fiktive Leben des Dichters rekonstruiert wird. Juri Andruchowytsch erdichtet Antonytsch eine fiktive Biografie, macht aus dem ängstlichen Bücherwurm einen haltlosen Bohemien, der sich Trinkexzessen und Frauengeschichten hingibt. Das Antonytsch-Kapitel illustriert das Problem des Romans in nuce: Der Autor, der sich immer wieder mit verspielten Bemerkungen in die Geschichte einmischt, behauptet, die Biografie des Klassikers sei gemäß einer »philisterhaften Vorstellung« gefälscht worden. Doch seine eigene Version – die klischeebeladene Vita eines »verdammten Poeten« – ist eine nicht weniger »philisterhafte Vorstellung«. Kurzum, das Hauptproblem der Zwölf Ringe ist die zurechtgestutzte Banalität seiner beschriebenen Welt, die in diesem Fall als Boheme-Banalität auftritt.

Die Protagonisten des Romans werden von einem Neureichen namens Ylko Warzabytsch in das Wirtshaus »Auf dem Mond« (auch ein Antonytsch-Zitat) eingeladen, um – im Rahmen der Initiative »Die Helden des Business den Helden der Kultur« – Antonytsch zu ehren. Der Dichter starb in einer Johannisnacht, in der es in der slawischen Mythologie von bösen Geistern und Hexen nur so wimmelt. Insofern ist die Gelegenheit günstig für die Anhäufung mystischer Ereignisse und eines New-Age-Potpourris, in dessen Zentrum der Schriftsteller Artur Pepa, Gattin Roma Woronytsch und der österreichische Fotograf Karl-Joseph Zumbrunnen stehen, die ein Liebesdreieck bilden. Der betrogene Ehemann ahnt zwar nicht, dass er in dem Österreicher einen erfolgreichen Nebenbuhler hat, doch entsteht zwischen ihnen eine Rivalität, die als Spiel beginnt und unheilvoll endet: Der betrunkene Fotograf läuft davon und wird von zwei kleinen Ganoven ermordet. Warum er im Roman auch Orpheus genannt wird, bleibt unklar; auch in seinem in der ukrainischen Zeitschrift Krytyka veröffentlichten Kommentar zum Roman wusste Andruchowytsch das nicht zu beantworten.

Dieser Kommentar ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Andruchowytsch erzählt darin, wie er zur Idee des Romans kam und welche Zwischenfälle sein Schreiben begleiteten. Die essayistische Idee, die ihm zugrunde liegt, wird im Roman besonders deutlich, wenn Artur Pepa ein Buch über das karpatische Volk der Huzulen schreiben möchte. Die Faszination der Bilder, die in seinem Kopf entstehen, ist ansteckend: huzulische Schafzucht, huzulische Liebesspiele, huzulische Magie, huzulische Bräuche, alles Dinge, die zumindest für den westlichen Leser weitgehend unbekannt sind. Insbesondere wenn man den (in der UdSSR berühmten) Film Schatten der vergessenen Ahnen nicht gesehen oder den als Vorlage zum Film dienenden Roman des außerhalb der Ukraine leider völlig unbekannten Autors Mychajlo Kozjubynskyj (1864 bis 1913) nicht gelesen hat. Dieser »huzulische Roman«, als der er in Deutschland schon missverstanden wurde, wäre vielleicht lohnenswert gewesen. Der ukrainische Postmodernismus, den Andruchowytsch stattdessen zu erfinden versucht, ist es nicht. Als geborener Essayist vermag der Autor komplizierte Zusammenhänge einfach (mitunter zu einfach) darzustellen. In seinen belletristischen Werken hingegen macht er die einfachen Sachen zu kompliziert und verliert sich in einer umständlichen Romanmaschinerie.

Im Umgang mit dem Romanpersonal dominieren überdies grobe Klischees. Clip-Produzent Magierski wird mit Geiz, Gefräßigkeit und Feigheit ausgestattet, ein Umstand, der Anlass dazu gibt, »misstrauisch die Form seiner Nase zu betrachten«. Was deutlich eines der gängigsten Judenklischees bedient. Klischees sind wie Esel – wenn man sie reiten will, muss man damit rechnen, dass sie stehen bleiben oder dorthin traben, wohin man überhaupt nicht möchte. Und wir dürfen wohl annehmen, dass Andruchowytsch nicht dorthin möchte.

Für den ganzen Roman ist es durchaus charakteristisch, dass nicht immer klar ist, ob der Autor weiß, wohin er reitet. Er will zu vieles auf einmal: eine realistische Erzählung mit den Andeutungen auf aktuelle politische Geschehnisse, einen poetischen Heimatroman mit völkerkundlichen Abschweifungen, eine Liebesgeschichte und eine Phantasmagorie. Dieses Von-allem-Etwas weigert sich, zu einem homogenen oder zumindest geordneten Gemisch zu werden. Als weiteres Ärgernis kommt hinzu, dass die Übersetzung etliche Spuren einer nicht ausreichenden Redigatur aufweist. So wird das Wort »Ehebrecher« nicht für den untreuen Gatten, sondern für den Liebhaber verwendet, oder die »Massenvergewaltigung« beschreibt nicht die Vergewaltigung mehrerer Personen, sondern die Vergewaltigung einer Person durch eine Gruppe.

In Gestalt des Gastgebers Ylko Warzabytsch stören zwei einander widersprechende Bestandteile: Er ist zum einen eine Parodie auf die Neureichen mit ihren geschmacklosen Einfällen und lehnt sich zugleich zu sehr an die Figur des Satans aus Michail Bulgakows berühmten Roman Meister und Margarita an. Schon Bulgakow balancierte mit seiner zum größten Teil der Oper (mehr als der literarischen Quelle) entnommenen höllischen Edelgestalt an der Grenze zum Kitsch, doch rettete ihn eine angeborene satirische Schärfe. Andruchowytsch hingegen rutscht immer wieder von karpatischen Höhen hinab in die Ebenen des literarischen Gemeinsinns. Zu viel wird angefangen und angedeutet, fast alles ist redundant ausgeführt. Roma Woronytsch – die »Margarita« –, die den infernalen Mafioso durch ihren verzweifelten Hilferuf rührt und damit ihren Mann rettet, ist von mysteriösen Erscheinungen mehr als genug umkreist: Neben dem Mafioso tritt als weitere teuflische Figur ein verstorbener Gatte auf, ein Völkerkundler, der in der Gegend herumspukt und seiner Witwe im Traum erscheint, um sie zu vergewaltigen. Nach ungefähr der Hälfte des Buches scheint der Autor selbst ermüdet zu sein. Im Weiteren verzichtet er auf Verweise auf eigene frühere Bücher und Gespräche mit dem Leser, um sich nun ganz auf die Liebesgeschichte zu konzentrieren, die ohne besondere Überraschungen abläuft.

Die im Jahr 2003 erschienenen poetischen Essays des Autors über die Westukraine, die ein höchst romantisches Bild von dieser Terra incognita zeichnen, haben uns in eine unbekannte Weltgegend eingeführt. Die plötzliche Medienpräsenz dieses unglücklichen Staates zur Zeit der orangefarbenen Revolution tat ein Übriges, uns Andruchowytsch als Kommentator zu empfehlen. Der Roman indes enttäuscht, gemessen an der Figur jenes großen ukrainischen Schriftstellers, eines »unfreiwilligen Klassikers«, den der bärendienstliche Klappentext verspricht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0605 LYRIKwelt © O.M./Die Zeit

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2.)

Der rasierte Mann.
Roman von
Jurij Andruchovyc (2005, Suhrkamp - Übertragung Sabine Stör) .
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 22.6.2005:

Vor allem Nuss-Schnaps!
Juri Andruchowytsch, der ukrainische Schelm, erzählt in seinem Roman "Zwölf Ringe" eine postmoderne Groteske in den Karpaten

In der gefühlten Entfernung ist die Ukraine mehr als nur drei Flugstunden entfernt. Zwischen ihr und uns liegen unter anderem: Der Kalte Krieg, die Angst vor der ehemaligen Sowjetunion, die Unübersichtlichkeit der postkommunistischen Unordnung und auch die Karpaten, ein Synonym für das Fremde, das Unheimliche. Die Ukraine, das ist das fremde Territorium. Und Das letzte Territorium.

In seinem gleichnamigen Essayband aus dem Jahr 2003 hat uns der Schriftsteller Juri Andruchowytsch sowohl auf das vorbereitet, was er später in Romanform fortführen sollte, als auch auf einige Fakten aufmerksam gemacht:

"Obwohl das geographische Zentrum Europas in den Karpaten liegt", heißt es in dem Text "Carpathologia Cosmophilica", "nur etwa hundert Kilometer von Stanislau entfernt, war diese Struktur im europäischen Bewusstsein immer eine Grenze, ein Randgebiet, Peripherie verschiedener Imperien, eine Peripherie der Kulturen und der Zivilisation."

Im Zentrum dieser Peripherie, die also eigentlich selbst wiederum das Zentrum ist, in den Karpaten, hat Andruchowytsch ein Gebäude ausgemacht, "Bauwerk und Traumwerk zugleich", ein "Bruchstück jenes mythischen Lemberger-Warschauer-Wiener-Pariser Vektors": Ein ehemaliges Observatorium, heute überflüssig geworden, aufgegeben, dem Verfall überlassen.

Dort, für die Fiktion gründlich renoviert, lässt er sie alle zusammenkommen, seine seltsamen Figuren, im "Wirtshaus "Auf dem Mond" (genau so geschrieben), dem früheren Observatorium und späteren kommunistischem Sportinternat - in dem niemals so richtig Sport getrieben wurde, dafür aber ganz andere Dinge. Zwölf Ringe, das ist eine postmoderne Karpatengroteske, ein postsozialistischer Heimatroman mit surrealer Note. Es ist absurd und komisch, bizarr und unglaublich, verworren und verwirrend, was hier geschieht.

Die von der Sowjetunion missbrauchte Huzulen-Folklore

Juri Andruchowytsch zündet ein Feuerwerk von Ideen, Ansätzen, Schreibweisen und Perspektiven. Das Ergebnis ist ein in jedem Fall ungewöhnliches Leseerlebnis. Folgendes wird uns aufgetischt: Die von der Sowjetunion missbrauchte Huzulen-Folklore (der vom Autor selbst erstellte Anmerkungsapparat des Romans definiert die Huzulen als "Indianer Europas", zumindest aber als "die farbenprächtigste Volksgruppe in der Ukraine"; wer die im Buch erwähnte Sängerin Ruslana, Siegerin des European Song Contest 2004, vor Augen hat, weiß, wie pervertierte Tradition aussieht), sämtliche Klischees vom von mafiösen Strukturen kontrollierten Osten, eine ganze Menge Schnaps, Nuss-Schnaps vor allem, der 1937 in Lemberg jung verstorbene Dichter Bohdan-Ihor Antonytsch, der als allgegenwärtiges Gespenst in Zitaten durch den Text irrlichtert, ihn grundiert und strukturiert und dessen (wiederum stark stilisierten) Leben Zwölf Ringe ein eigenes, recht überflüssiges und viel zu langes Kapitel widmet, sämtliche moderne und archaische Mythen, von den Waldgeistern bis zu den Skispringern.

"Ich lebe", so schrieb Andruchowytsch in einem Aufsatz, "in einer ewig beargwöhnten und benachteiligten Weltgegend. Sie heißt Galizien. Vielleicht bleibt mir deshalb gar nichts anderes übrig als mich als Vertreter der Postmoderne auszugeben." Die historische Kontingenz dieser Landschaft nutzt Andruchowytsch, um ihr quasi eine neue Geschichte zuzuschreiben. Alles ist in gewisser Weise determiniert und doch fiktional unerforscht. Juri Andruchowytsch knüpft den Flickenteppich von Erzählmustern einfach weiter.

Es beginnt mit Zitaten aus Briefen des Fotografen Karl-Joseph Zumbrunnen, einem Österreicher mit galizischen Vorfahren, der, fasziniert von der Atmosphäre des Umbruchs, seit Beginn der Neunzigerjahre immer wieder in die Ukraine reist. Er wird schnell zum "bekannten Wiener Fotografen", seine Fotoausstellung wandert durch das Land, und Zumbrunnen beginnt eine Affäre mit der Dolmetscherin Pani Roma Woronytsch. Zumbrunnen und Pani Roma gehören zu jener merkwürdigen Gesellschaft, die eines Tages, zunächst aus der Vogelperspektive betrachtet, danach immer stärker fokussiert, mit zweistündiger Verspätung an einer kleinen Bahnstation in den Karpaten ankommen. Dort steigen sie in einen Hubschrauber und werden auf den "Mond" geflogen.

Im Hubschrauber befinden sich, neben Zumbrunnen und Pani Roma: Artur Pepa, stark trinkender Schriftsteller aus Lemberg und Panis Ehemann; seine achtzehnjährige Stieftochter Kolomeja, bekleidet mit einem sehr kurzen Rock; Lili und Marlen, zwei "Girls" (wahlweise "Puppen", "Bräute", "Pop-Sternchen", "Nutten" oder "Fachschulstudentinnen") mit schlecht gefärbten Haaren; Jartschyk Magierski, Clipproduzent und Teledesigner; schließlich ein korpulenter, feiner Herr, der einfach nur Professor Doktor heißt und als ausgewiesener Antonytsch-Spezialist gilt. Und natürlich ist Antonytsch selbst auch dabei, unsichtbar zwar, aber allgegenwärtig, ein untoter Dichter, und das mitten in den Karpaten.

Wer zunächst nicht auftaucht, ist der Initiator dieses kuriosen Zusammentreffens - Ilko Ilkowytsch Warzabytsch, mächtiger Mann im Hintergrund, einer, der im Hintergrund die Fäden zieht und mit allem handelt, was Geld bringt. Einer jener osteuropäischen Oligarchen, die - noch so ein westliches Klischee? - in Wahrheit die Geschicke der ehemals sowjetischen, nun unabhängigen Republiken leiten.

Für ihn soll Magierski einen Werbespot drehen. Und dann geht's los. Von dem Auftrag ist, ehrlich gesagt, bald nicht mehr allzu häufig die Rede außer in Form von Drehbuchentwürfen eines Trailers für "Warzabytsch's Balsam", die an Überdrehtheit schwer zu überbieten sind. Stattdessen doziert der Professor, versucht Zumbrunnen Pani Roma zu überreden, ihren Mann zu verlassen, der wiederum hat Tagträume von geradezu bestechender Drastik und Komik, während Kolomeja beginnt, die Liebe zu entdecken. Und das ist bei weitem nicht alles.

Die Ukraine - ein magischer Ort des westlichen Bewusstseins

Dem Erzähler, der sich als übergeordnete Instanz immer wieder einschaltet (und manchmal nervt), fällt ständig etwas Neues ein, ein Wortspiel, eine Assoziation, eine Abschweifung. Diesen Überschuss an Ideen, an genuin literarischer Fantasie, zusammenzubringen oder gar zu ordnen, gelingt Andruchowytsch nicht immer. Das macht die Faszination des Romans aus - dass alles erlaubt ist und der Autor sich tatsächlich auch alles erlaubt.

Ungeheuer viel wird hier gewagt, aber nicht alles gewonnen, in den starken Passagen, zumeist dann, wenn es um die Figuren geht und um die Landschaft, um das Erfinden skurriler Situationen und Konstellationen, ist Zwölf Ringe ein atemberaubend guter (und im Übrigen ausgezeichnet übersetzter) Text, kraftvoll, sprachmächtig, assoziationsreich.

Wenn Andruchowytsch seinen Helden am Morgen des ersten Tages auf Erkundungstour rund um das Observatorium schickt, verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit, Geografie und Historie: "Von Fliegen bedeckte riesige Pfützen, umgestürzte Bäume, zackige, steinhart gewordene Spurrillen von Raupenfahrzeugen (wurde hier im letzten Sommer etwa noch gearbeitet?), dann der liegengebliebene Traktor selbst, ohne Hoffnung auf Heimkehr - wenn der im Sommer mit Gras, Lianen, Blumen zuwachsen würde, käme ein brauchbares Foto für eine Kitschpostkarte heraus! - dann taucht irgendwoher Stacheldraht auf, Überreste von Pfählen, bemooste Schranken, Schilder aus Sperrholz mit warnenden Verbotssymbolen, aber nur wir, Sie und ich, nicht jedoch irgend so ein Fotografen-Spion, dürfen die aufgelassenen Raketenschächte in der Nähe erahnen, die nach Pilzen, Urin und völliger Geheimhaltung riechenden Krater, aufgerissenen Schaltpulte und auf dem Grund zerschellten Bierflaschen." In dieser Verdichtung liest man so etwas nicht oft. Einerseits.

Andererseits lässt Andruchowytsch gerade im zweiten Teil seine Charaktere am langen Arm der Zwangsoriginalität verhungern. In diesem Funkenregen an Einfällen geht die Tatsache ein wenig unter, dass manche Erzählfäden einfach unverknüpft hängen bleiben. Stattdessen läuft Zumbrunnen nach einem Saufgelage und einem Streit mit seiner Geliebten einfach in den Wald. "Dies ist die Nacht, in der ich in der Ukraine am Schnaps sterben werde", denkt er sich noch, als er sich mit Artur Pepa auf einen ungleichen Wettkampf einlässt. Zumbrunnen wird Recht behalten mit dieser Ahnung, wenn auch auf andere Weise als er es zuvor befürchtet hat.

Als es dann soweit ist, setzt Zumbrunnen an zu seinem Nachtflug nach Westeuropa. Er wird dort so nachhaltig und endgültig ankommen, wie auch Andruchowytsch die Ukraine als magischen, schauerlichen, schönen Ort in unser westlich zentriertes Bewusstsein einschreibt. Und zwar mit solcher Wucht, dass wir sie nicht so schnell wieder loswerden.

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