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Zwölf Gramm
Glück.
Buch von Feridun
Zaimoglu (2004, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Teresa
Grenzmann im Münchner
Merkur, 14.04.2004:
Auf der Waagschale des Lebens
In "Zwölf Gramm Glück"
schreibt Feridun Zaimoglu über ein bisschen Liebe
Sie lieben das Leben, die Frauen und die Liebe
selbst, verstellen sich jedoch den Weg dorthin, weil sie zu selbstreflexiv,
einzelgängerisch, "zu anorganisch" sind. Ihr Pessimismus umfasst
Diesseits wie Jenseits, wie Zaimoglu die beiden Teile seines Buches nennt; auch
das Paradies ist das lange Anstehen nicht wert.
Kapitelüberschriften wie "Häute" (die Geschichte, für die er 2003
den Bachmann-Preis
erhielt), "Libidoökonomie", "Götzenliebe" oder auch
"Der Kranich auf dem Kiesel in der Pfütze" versprechen es: Zaimoglus
Sichtkreis auf die Welt ist uneingeschränkt. Im unbarmherzigen Präsens reiht
sich die unruhige Skyline seiner ungeschönten Bilder; Wichtiges steht eng an
der Seite von Gewöhnlichem.
Diskussionsthemen wie Vergewaltigung,
Religionskampf und Übertritt zum Islam, die andernorts vorsichtig abwägend
Bücher füllen, fallen bei ihm scheinbar en passant und wie
selbstverständlich, als das, was sie mitunter auch nur sind: Elemente einer
bestimmten Alltagswirklichkeit. Statt Bedeutungsschwere wählt der Autor zwölf
Gramm Glück, für jedes Kapitel eines. Das ist wenig, doch es genügt seinen
Figuren, um sich im Angesicht von Pessimismus und Atheismus und im ständigen
Kampf mit dem Freitod in Sicherheit zu wiegen.
Durchgehend bewegt Zaimoglus Buch die Frage nach dem Nicht-Verstehen zwischen
Mann und Frau, die Hilflosigkeit, die daraus resultiert und sich im Bauch mit
der Liebe vermischt. Lügen oder Liebesdienste: "Wir leben von dieser Art
von Mißverständnissen. Wir sind eine verdammte Laienspielgruppe."
Manchmal folgt ein Schulterzucken, manchmal die Rückkehr der Suizidgedanken,
immer ist irgendwo das kleine Quäntchen Glück versteckt, das so wenig auf die
Waage bringt und doch so leicht so viel wiegt. "Glaube mir, es geht ganz
schnell, daß man anfängt, sich nach einem Fremden zu sehnen."
In einer eigenwillig zwischenweltlichen Mischung aus Rosenkranz und Mobiltelefon
reichen die Geschichten vom Zauber einer normalen Annäherung über die Anrufe
einer "anonymen Telefonerotomanin" bis in stellenweise äußerst
befremdliche Welten von Gotteskriegern und Herzpredigern, auferstehenden Hexern
und Kindsoldaten. Zaimoglus Texte sind wie der Wortschwall seines
Erzähler-Ichs: "ein Erguß aus dem Herzen ohne Filter und
Schalldämpfer".
Frauen, die den Konjunktiv beherrschen, verschrobene Menschen ohne Atmosphäre,
die Welt als "Gottes Simulationskammer".
Wieder beweist sich Zaimoglu als ein
Wortkünstler im Gedankenspagat. Die präzise Beschreibung beherrschend, bringt
er es fertig, in einem Atemzug gleichzeitig die örtlichen Zollbestimmungen, das
Lächeln einer neuen Liebe und die Zusammensetzung ihres Viskose-Schals zu
behandeln. Das lässt den Leser oft in Bewunderung, aber auch schon mal in
Unverstehen für das Treiben(-lassen) im tabulosen Assoziativstil. Doch man muss
ausharren und weiterlesen, dann spült einen der Text von selbst wieder an Land.
Zum Ende nämlich folgt, nach einem letzten apokalyptischen Lebensentwurf, ein
tatsächliches und wunderschön poetisches Finale: Vielleicht hat das Dasein
mehr zu bieten als nur ein "gut", und bis dahin bleibt einem immer
noch das Philosophieren im Wartezimmer des Lebens. "Wir haben uns richtig
entschieden: was hätten wir sonst tun sollen?"
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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