Zwischen
Handwerk und Inspiration.
Lyrik schreiben und veröffentlichen von Martina
Weber (2004, Federwelt Verlag).
Besprechung von Reinhold
Stumpf für die REZENSIONENwelt,
04/2005:
Von der Selbstverständlichkeit des Schwierigen
Während sich angehende Drehbuch- und Romanautoren mit einer regelrechten Creative-Writing-Industrie auseinandersetzen müssen, gibt es für die große Zahl der Lyriker kaum vernünftige Schreibratgeber. Dabei haben beinahe alle Schreiberlinge mit Gedichten angefangen, wobei die meisten natürlich niemals publiziert wurden. Vielleicht ist das auch gut so. Wir wissen weiter, dass um ein Vielfaches mehr Menschen Gedichte schreiben als lesen geschweige denn kaufen. Meistens schaffen auch diese "Kleinode" kaum den Weg über den Bekanntenkreis der Verfasser hinaus, was in den meisten Fällen auch kein großer Verlust für die Literaturgeschichte ist. Der Grund ist einfach: Die wenigsten dieser "Dichter" wissen, was ein Gedicht überhaupt ist. Woher auch? Sie machen sich ja nicht einmal die Mühe, wenigstens die Grundlagen dessen, was sie versuchen zu verfertigen, zu erlernen. Umso mehr verwundert es, warum so viele Schreibende sich ausgerechnet die schwierigste Form der Literatur, nämlich die Lyrik, auf beinahe selbstverständliche Weise zutrauen. Die Ergebnisse sind dementsprechend.
Mit dem regelmäßigen Lesen von Gedichten und der aktiven Beschäftigung mit selbigen ist schon viel gewonnen, das ist der einhellige Tenor von Autoren, die es zu Publikationen gebracht haben und natürlich auch von Verlegern. Vielleicht aber könnten unsere Poeten wirklich bessere Gedichte schreiben, hätten sie wie die Kollegen von Film und Belletristik gut strukturierte Schreibratgeber parat. Warum es solche in der Lyriksparte kaum gibt, obwohl weit mehr Menschen Gedichte schreiben als Drehbücher oder Romane, hat vor allem zwei Gründe: Erstens ist das wirtschaftliche Interesse, Lyriker zu fördern eher gering, weil mit Lyrik nichts zu verdienen ist. Zweitens stellt die Lyrik tatsächlich einen Sonderfall in der Frage "Kann man Schreiben lernen?" dar. Das erste Argument ließe sich entkräften, in dem auf die potentiellen Käufer der Lyrikratgeber verwiesen würde. Im zweiten Fall haben wir es tatsächlich mit einer komplexen Thematik zu tun, die mehr als andere literarische Formen zwischen den Polen Handwerk und Inspiration gespannt ist.
Martina Weber (Jahrgang 1966) war sich dieser Herausforderung offensichtlich bewusst, als sie dieses kleine Kompendium für angehende Lyriker zusammen gestellt hat. Sie hat sich auf die einzig mögliche Art und Weise der Aufgabe gestellt und diese mit überraschender Leichtigkeit gemeistert. Wer ein kompaktes Handbuch zum Verfassen von Lyrik herausgeben möchte, muss sowohl das handwerkliche Fundament als auch die Anregungen zum Umgang mit Inspiration liefern können. Genau das macht die Herausgeberin.
Wenn sich der freie Vers längst durchgesetzt hat, bedeutet das nicht, dass damit sämtliche Regeln des Handwerks gestorben sind. Schließlich kann die Regeln nur brechen, wer sie zuvor beherrscht hat. In fünf Lektionen liefert Martina Weber in klarer, leichter Sprache aber umso prägnanter die Grundregeln und das Fundament des Gedichtes. Die handwerkliche Fertigkeit hilft, zumindest formal ein solides Gedicht zustande zu bringen. Wer über diese Basis nicht verfügt, wird auch die großartigsten Inspirationen kaum umsetzen können. Das gilt besonders für den freien Vers, denn Freiheit darf vor allem in der Lyrik nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Dem Leser wird anschaulich und auf völlig unprätentiöse Weise vermittelt, was das Grundwesen eines Gedichtes ist, wie Verse aussehen können, was Metaphern sind und wie sie sinnvoll eingesetzt werden. Die Kunst des Reimens wird ebenso beleuchtet wie der Umgang mit Metrum und Rhythmus, Taktarten und Versmaßen. Nach jeder Lektion gibt Martina Weber Animationen zum eigenen Üben.
Schwieriger wird es bei der Vermittlung dessen, was ein Gedicht inhaltlich auszeichnet. Hier greift die Herausgeberin auf die Erfahrungen deutschsprachiger Gegenwartslyriker zurück, die in gehaltvollen Essays darüber reflektieren, was Inspiration ist, wie sie gefangen und zu einem Gedicht geformt werden kann. Norbert Hummelt versucht dabei, beim angehenden Lyriker den Sinn für Romantik zu entfachen. Kerstin Hensel gibt hingegen Ratschläge für die Freunde freier Verse und weist in diesem Zusammenhang auf die Gefahren der Faulheit und Beliebigkeit hin. Inger Christensen richtet die Aufmerksamkeit auf das Mystische, das dem Prozess des Gedichteschreibens ebenso innewohnt wie jedem guten Gedicht. Im Beitrag von Kurt Drawert erfahren wir dann alles, was den "Mehrwert" eines Gedichtes ausmacht, schließlich ist ein Gedicht ja mehr als die Summe seiner formalen Teile. Er erklärt die spezielle Funktion der Sprache im Gedicht und versucht zu vermitteln, was "Dichte" ist und wie sie entsteht. Ein Gedicht ist ja immer etwas Verdichtetes. Besonders wichtig ist das Erlernen von Distanz zum Werk, was vor allem Anfänger oft nicht begreifen wollen. Gerade in dieser Diszipliniertheit aber unterscheidet sich der Lyriker vom Dilettanten. Anton G. Leitner, der Herausgeber der Zeitschrift "Das Gedicht" gibt dem angehenden Dichter in seinem Essay zahlreiche nützliche und amüsante Hinweise zur gegenwärtigen "Branche" der Lyrik und einer möglichen Zukunft.
Bei aller Kompaktheit fehlt meiner Meinung nach ein wichtiges Konzept. Es behandelt das Wesen des image, also der komplexen Darstellung eines Augenblicks, das die Gedichte des großen Ezra Pound nicht nur auszeichnete, sondern das er selbst auch in einigen Essays beleuchtete. Seine Ausführungen dazu sind zusammen mit einer repräsentativen Gedichtauswahl in einem Lesebuch bei Suhrkamp veröffentlicht (Ezra Pound: Lesebuch. suhrkamp taschenbuch 2775, 1985).
Als Abschluss des ersten Teiles hat Martina Weber noch einen kleinen aber feinen Praxisteil zusammengestellt. Dass ihr Buch "nur" ein Einstieg in das Schreiben von Gedichten sein kann, weiß sie selbst. Sie gibt daher gewissenhaft ausgesuchte und gut kommentierte Literaturtipps für das weitere Studium. Hier finden sich sowohl handwerkliche Bücher als auch poetologische und theoretische Diskussionen und Reflexionen sowie Gedichtanthologien. Wer einige davon bereits in seinem Regal entdecken kann, hat zusammen mit Ezra Pound schon das Wichtigste, was man über das Gedichteschreiben lesen kann, intus.
Der zweite und wesentlich kürzere Teil des Buches gibt Auskunft über Veröffentlichungsmöglichkeiten, den Umgang mit Zeitschriften, Wettbewerben und Verlagen. Martina Weber hat die wichtigsten Adressen des Lyrikbetriebes parat und gibt sogar Tipps zum Verlagsvertrag.
Dass es bis dahin ein weiter und anstrengender Weg ist, sollte jedem, der ernsthaft Gedichte schreiben möchte längst klar geworden sein. Dieses Buch wird jedenfalls eine großartige Hilfe sein.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © Reinhold Stumpf