Zwei
schwarze Jäger.
Roman von Brigitte Kronauer (2009,
Klett-Cotta).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der
Frankfurter Rundschau, 17.9.2009:
Das Sterben der Katze, betont vom Gesang der Vögel, die man nicht sieht: Immer wieder ist man von der allegorischen Eleganz Brigitte Kronauers berührt. Wie es gelingt, aus verschatteten Biographien künstlerischen Weltzugang zu inszenieren, statt die Dinge nur geschehen zu lassen. Die Vorstellungswelt übertrumpft die erkannte Welt, wieweit Ursache und Geschehen, Imagination und Ausdruck auch auseinander liegen. Nie wird die Gewissheit verdrängt, dass wir nicht voraussetzungslos sprechen und über Kunst schon gar nicht.
Auch der neue Roman "Zwei schwarze Jäger" lebt von einer unterwandernden Wirkung, alles hat einmal für immer stattgefunden. Hier setzt der Maler Fritz Grosse die Legende gegen den metaphysischen Mangel an verbindenden Sinn: "Die Dinge wollen Glanz und Volumen von Legenden erhalten. Die Gegenwart genügt nie, sagen wir: genügt nur in Ausnahmefällen, so, wie dem einen vermutlich immer die Musik zu den Ereignissen und dem Frommen in allen Dingen Gott fehlt." Und alle auf der langen Besetzungsliste scheinen zu wissen, dass zur Entstehung von Legenden nicht Tugend, sondern Sünde unabdingbar ist. Sie haben Eskapaden unterschiedlicher Façon, eine hat schon gemordet.Die zwergwüchsige Wally Mülleis lebt in der
Gegenwärtigkeit von Verlorenem, zu dem der Vertraute ihrer Kindheit, der
Weltreisende und Hallodri Oom Henk, einen bösartigen Keim gelegt hat. Ewig Kind,
auch mit fünfzig. Das hat nichts vom liebenswürdigen Gedenken verfehlten
Verlangens, von inszenierter Lebensuntüchtigkeit, das ist die nackte Not. Mit
dreißig eine Liebesnacht und eine verhuschte Blaue Stunde mit einer
Unfallsbekanntschaft. Das war alles. Das wahre Leben läuft vorüber, zum Greifen
nahe. Als ihre vermögenden Eltern sterben, sieht sie sich mit fünfunddreißig als
Vollwaise. Sie verkauft die elterliche Waldvilla und zieht in die "Nähe
richtiger Familien", in eine feine, stille Straße.
Drei Jahre später begeht sie ihren ersten Mord, "schnell wie der Blitz", so
vollendet wie auch einen zweiten. Aber es sind nicht nur die Vakanzen ihres
Lebens, die sie zu schockierenden Taten treiben, es ist auch ein Erschrecken
über die moderne Gutbürgerlichkeit.
Forsetzung nächste Seite
"Ich hätte mit Oom Henks Dolch weder das Mädchen noch den Behinderten erstochen,
wenn mich die anschwellende Heuchelei der Häuser nicht dazu getrieben hätte."
Die Taten sind von ihren Gründen getrennt, die Wünsche von ihren Zielen. Einen
dritten Mordversuch bricht sie ab, weil das Opfer Oom Henk zu ähnlich sieht.
Aber "Durst und Hunger nach blutiger Vollstreckung" sind geweckt, es bleibt nur,
sich "selbst zu richten", so wie es in den Büchern der Kindheit steht.
Nur der Nachbarin Helene Pilz gesteht Wally ihre Antwort
auf das "Grauen der Welt": "Meine Taten stehen wie unabhängige Wesen, wie
gepackte Koffer neben mir." Helene weiß, alles kann sich in sein Gegenteil
verwandeln - und wird schweigen. Sie hat für den jüngeren Belami Tom einst Mann
und Kind verlassen, heute sitzt sie als herbstliche Schönheit im Rollstuhl, ein
Schatten früherer Triumphe. Wie heraus aus Bitternis, Einsamkeit und
Entgeisterung? Wie das "erotische Zittern" bändigen? Auch diese Frau wird sich
wehren. Als der Galan von einst "mütterlichen" Zuspruch sucht, verwandelt sich
Helene in eine Mme de Merteuil.
Gegen das tägliche Ungenügen, die schleichende Verwirrung aller Grundsätze tritt
auch Steuerberaterin Jeckchen an. Sie hat im Liebes- und Lebenskampf den Maler
Fritz Grosse einer befreundeten Zahnärztin entwunden. Aber in Erwartung dieses
Konstruktivisten auf dem Bahnhof Altona, diesem "Kontrast zur schönen
Naturgestalt", lassen sich ihre Allmachtsphantasien nicht länger bändigen.
"Diese kleinen Rudel und ihre Bestandteile! Könnte man diese familiären
Behaglichkeiten doch auf dem Hintergrund eines Schmerzes oder Schreckens
begreifen!" Aus kleinlauter Verfassung der Ohnmacht hat sich der Lektor Krapp,
frisch verliebt in einen schönäugigen Kellner, gerade befreit. Er bricht eine
Betreuungstour der Schriftstellerwitwen ab, reist nach Chamonix. Krapp verliert
sich nicht in den Ausläufern der Alpengiganten und Monarchen, sondern gibt sich
dem Anblick des Mont-Blanc-Massivs im erklärenden Licht eines ganzen Tages hin.
"Wohltat des Geheimnisvollen." Krapp ist kein errötender Mörder, er findet für
einen Tag Frieden. Das führt nicht zur Exaltation, Krapp weiß um die Grenzen der
Selbstrettung. "War dadurch, dass er sich diesen Anblick gönnte, etwas
beunruhigend endgültig in Erfüllung gegangen?"
Brigitte Kronauer beschwört in den "Schwarzen Jägern" das Schlimmste, damit kein
Zweifel aufkommt. Die Bewertung anderen Lebens liegt dabei in sorgsamen Händen.
Die Vollendung ihres Stils gewährt Autorität, sie ist Autorität. Ein
beispielhaftes Buch.
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