Zwei schwarze Jäger von Brigitte Kronauer, 2009, Klett-CottaZwei schwarze Jäger.
Roman von Brigitte Kronauer (2009, Klett-Cotta).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 17.9.2009:

Kronauers "Zwei schwarze Jäger"
Verlangen nach Liebe und Gebirge

Das Sterben der Katze, betont vom Gesang der Vögel, die man nicht sieht: Immer wieder ist man von der allegorischen Eleganz Brigitte Kronauers berührt. Wie es gelingt, aus verschatteten Biographien künstlerischen Weltzugang zu inszenieren, statt die Dinge nur geschehen zu lassen. Die Vorstellungswelt übertrumpft die erkannte Welt, wieweit Ursache und Geschehen, Imagination und Ausdruck auch auseinander liegen. Nie wird die Gewissheit verdrängt, dass wir nicht voraussetzungslos sprechen und über Kunst schon gar nicht.

Auch der neue Roman "Zwei schwarze Jäger" lebt von einer unterwandernden Wirkung, alles hat einmal für immer stattgefunden. Hier setzt der Maler Fritz Grosse die Legende gegen den metaphysischen Mangel an verbindenden Sinn: "Die Dinge wollen Glanz und Volumen von Legenden erhalten. Die Gegenwart genügt nie, sagen wir: genügt nur in Ausnahmefällen, so, wie dem einen vermutlich immer die Musik zu den Ereignissen und dem Frommen in allen Dingen Gott fehlt." Und alle auf der langen Besetzungsliste scheinen zu wissen, dass zur Entstehung von Legenden nicht Tugend, sondern Sünde unabdingbar ist. Sie haben Eskapaden unterschiedlicher Façon, eine hat schon gemordet.

Und seien es Scherben

Gleich mit der Eröffnung beginnt ein Buch im Buch, ein Leckerbissen. Die Schriftstellerin Rita Palka mischt sich unter die Figuren ihrer verwobenen Geschichten. Sie liest aus ihrer Erzählung "Zwei schwarze Jäger" in einem Schloss deutscher Provinz vor "acht Camouflagezuhörern" und einem Schwärmer, Schlossverwalter Schüssel. Die Bronzeskulptur der Schwarzen Jäger in der römischen Villa Borghese, gekettet an ihre Löwen, wird im Vortragstext für ein ehebeladenes Paar zum Sinnbild der eigenen Fesselung, "jeder für sich, unüberbrückbar einsam, an seine ursprünglich großartige Idee von der Liebe geschmiedet". Auch der literarische Verehrer im Saal braucht die Legende der "Jäger" als Lebenshilfe für eine schale Ehe. Das rezeptive Missverständnis als Urszene, "greifen und danebentappen, nach den schwankenden Lichtflecken". Als die noch mehr missverstehende Gattin eine Kopie der Schwarzen Jäger im nächtlichen Schloss zerschlägt, zeigt Rita in einer souveränen Geste wie nebenbei, "dass alles, was als Geschichte erzählt wird, eine Beschwichtigung darstellt".

Es gibt bei Kronauer eine Genauigkeit, die die Wahrheit in ihren Einzelheiten, Bruchstücken aufruft, und seien es Scherben. Dazu gehört auch die Abweichung der Geschichten, Wiederholung, Verkürzung und Variante. Besonders deutlich wird das in der zweiten Erzählung der Schlosslesung: "Die Grotte" bei Sperlonga, in die Kaiser Tiberius sich verkroch, statt in Rom zu regieren. Die imaginierte Legitimation einer Abkunft von Aeneas und Odysseus ließ er in Marmor hauen. Durch Steinschlag und Barbaren wurde diese Inszenierung zerstört, seit fünfzig Jahren tragen Archäologen alles wieder zusammen. So wie Rita die simultan erzählte Geschichte des Schlesiers Franzbauer aus den Lebensscherben von Krieg, Vertreibung und Nachkrieg zusammensetzt. Im Extempore wirft sie dem Publikum das Unverhältnismäßige und das Absurde in den gähnenden Rachen. Um dann sehr leise, aber deutlich zu sagen: Seht her, es ist abscheulich, vor solchen Geschichten zu gähnen!

Der Leser ist hellwach, haben doch Vernunft und Verlangen, Einsamkeit und Entgeisterung, Angst und Aura in mehrfach überlagerten Geschichten die Erzählhöhe eröffnet. "Mein, Gott, hören Sie nur, wie kalt!", wird ihm bald zugerufen. Später kommen noch "Drangsalshitze" und Beweglichkeit der Verzweiflung hinzu. Manchmal aber auch nur eine Farbe, ein Tüpfelkleid, ein Augenleuchten, alles ein "Gleißen auf den Graten". Aber die Angst bleibt eine Grundverfassung. Bestenfalls nennen sie das Leben unverständlich. Allerdings vor den Ursprüngen, vor der Natur, dem Mont-Blanc-Massiv etwa, aber auch vor der Kunst, kommt die existentielle Angst zur Ruhe. Oder sie wird in der Liebe demütig.

Schnell wie der Blitz

Die zwergwüchsige Wally Mülleis lebt in der Gegenwärtigkeit von Verlorenem, zu dem der Vertraute ihrer Kindheit, der Weltreisende und Hallodri Oom Henk, einen bösartigen Keim gelegt hat. Ewig Kind, auch mit fünfzig. Das hat nichts vom liebenswürdigen Gedenken verfehlten Verlangens, von inszenierter Lebensuntüchtigkeit, das ist die nackte Not. Mit dreißig eine Liebesnacht und eine verhuschte Blaue Stunde mit einer Unfallsbekanntschaft. Das war alles. Das wahre Leben läuft vorüber, zum Greifen nahe. Als ihre vermögenden Eltern sterben, sieht sie sich mit fünfunddreißig als Vollwaise. Sie verkauft die elterliche Waldvilla und zieht in die "Nähe richtiger Familien", in eine feine, stille Straße.

Drei Jahre später begeht sie ihren ersten Mord, "schnell wie der Blitz", so vollendet wie auch einen zweiten. Aber es sind nicht nur die Vakanzen ihres Lebens, die sie zu schockierenden Taten treiben, es ist auch ein Erschrecken über die moderne Gutbürgerlichkeit.

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"Ich hätte mit Oom Henks Dolch weder das Mädchen noch den Behinderten erstochen, wenn mich die anschwellende Heuchelei der Häuser nicht dazu getrieben hätte." Die Taten sind von ihren Gründen getrennt, die Wünsche von ihren Zielen. Einen dritten Mordversuch bricht sie ab, weil das Opfer Oom Henk zu ähnlich sieht. Aber "Durst und Hunger nach blutiger Vollstreckung" sind geweckt, es bleibt nur, sich "selbst zu richten", so wie es in den Büchern der Kindheit steht.

Nur der Nachbarin Helene Pilz gesteht Wally ihre Antwort auf das "Grauen der Welt": "Meine Taten stehen wie unabhängige Wesen, wie gepackte Koffer neben mir." Helene weiß, alles kann sich in sein Gegenteil verwandeln - und wird schweigen. Sie hat für den jüngeren Belami Tom einst Mann und Kind verlassen, heute sitzt sie als herbstliche Schönheit im Rollstuhl, ein Schatten früherer Triumphe. Wie heraus aus Bitternis, Einsamkeit und Entgeisterung? Wie das "erotische Zittern" bändigen? Auch diese Frau wird sich wehren. Als der Galan von einst "mütterlichen" Zuspruch sucht, verwandelt sich Helene in eine Mme de Merteuil.

Gegen das tägliche Ungenügen, die schleichende Verwirrung aller Grundsätze tritt auch Steuerberaterin Jeckchen an. Sie hat im Liebes- und Lebenskampf den Maler Fritz Grosse einer befreundeten Zahnärztin entwunden. Aber in Erwartung dieses Konstruktivisten auf dem Bahnhof Altona, diesem "Kontrast zur schönen Naturgestalt", lassen sich ihre Allmachtsphantasien nicht länger bändigen. "Diese kleinen Rudel und ihre Bestandteile! Könnte man diese familiären Behaglichkeiten doch auf dem Hintergrund eines Schmerzes oder Schreckens begreifen!" Aus kleinlauter Verfassung der Ohnmacht hat sich der Lektor Krapp, frisch verliebt in einen schönäugigen Kellner, gerade befreit. Er bricht eine Betreuungstour der Schriftstellerwitwen ab, reist nach Chamonix. Krapp verliert sich nicht in den Ausläufern der Alpengiganten und Monarchen, sondern gibt sich dem Anblick des Mont-Blanc-Massivs im erklärenden Licht eines ganzen Tages hin. "Wohltat des Geheimnisvollen." Krapp ist kein errötender Mörder, er findet für einen Tag Frieden. Das führt nicht zur Exaltation, Krapp weiß um die Grenzen der Selbstrettung. "War dadurch, dass er sich diesen Anblick gönnte, etwas beunruhigend endgültig in Erfüllung gegangen?"

Brigitte Kronauer beschwört in den "Schwarzen Jägern" das Schlimmste, damit kein Zweifel aufkommt. Die Bewertung anderen Lebens liegt dabei in sorgsamen Händen. Die Vollendung ihres Stils gewährt Autorität, sie ist Autorität. Ein beispielhaftes Buch.

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