Zwei oder drei Jahre später von Ror Wolf, 2003, FVAZwei oder drei Jahre später.
47 Ausschweifungen von Ror Wolf (2003, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Martin Zingg in der Frankfurter Rundschau, 4.2.2004:

Ohne Geige ist kein Geigen
" Zwei oder drei Jahre später": Ror Wolf erzählt lauter wunderbar irritierende Geschichten

Die erste seiner siebenundvierzig Geschichten lässt Ror Wolf schon nach fünfzehn Zeilen sanft verglühen. Ein "unbekannter Geiger", so viel erfahren wir darin, wird in einem Wirtshaus gebeten, ein wenig zu geigen. Aber er kann nicht, er hat seine Geige verloren unterwegs: "Er glaube, er habe sie in Lax verloren, auf seinem Weg ins Gebirge, auf dem der Schnee derart dick den Boden bedeckte, dass er gar nicht gespürt habe, wie sie hinabgefallen sei, sie sei ohne Geräusche hinabgefallen, er habe dieses Hinabfallen gar nicht bemerkt." Der Geiger ist darum ein unbekannter Geiger geblieben, "und zwar sein Leben lang".

Da ist etwas gründlich schief gelaufen, muss man annehmen, und auf den folgenden Seiten wird noch einiges mehr misslingen. In seinem Prosaband Zwei oder drei Jahre später holt Ror Wolf immer wieder zu Geschichten aus, er kündigt an und schürt Erwartungen, er verspricht - und nichts davon scheint er einzuhalten. In 47 Geschichten lässt er seine sanfte Prosamaschine schnurren, 47 mal kommt alles anders heraus, als man es sich zunächst denken konnte. Und das Seltsame ist: Es bereitet jedesmal ein riesiges Vergnügen, getäuscht zu werden. Zuzusehen, wie erst mit großer Kelle angerührt wird, und dann zu merken, da war wieder nichts. Der Erzähler lockt mit allen Mitteln in seine Geschichten hinein und schleicht sich, kaum hat er wie ein Nummerngirl etwas Neues angekündigt, wieder aus ihnen heraus. Etwa mit der Erklärung, er habe einen Namen vergessen. Oder es falle der Inhalt eines eben erwähnten, möglicherweise brisanten Päckchens unter das Postgeheimnis, weshalb der Erzähler seinen Bericht nun abbrechen müsse. Ein andermal bleibt das alles entscheidende Wissen bei den Figuren, und dass sie nach außen wie Verschworene einverständig schweigen, müssen der mit Diskretion begabte Erzähler und seine neugierige Leserschaft ganz einfach hinnehmen.

Die Geschichten schlagen immer wieder Haken, brechen unerwartet ab, aus fadenscheinigen und jedesmal überraschenden Gründen. "Oberschleißheim, es gibt ohnehin nicht viele, die bisher etwas von Oberschleißheim gehört haben, und da ich noch nie über Oberschleißheim gesprochen habe, werde ich auch jetzt nicht über Oberschleißheim sprechen." Also nichts über Oberschleißheim. Wir haben diese Entscheidung hinzunehmen, und wir begnügen uns mit der Vermutung, dass es diesen Ort auch wirklich gibt. Die Orte, an denen Ror Wolf seine ziemlich seltsamen Figuren sprechen und verstummen lässt, sind auf der Landkarte durchaus zu finden. Was dort geschieht, ist allerdings seiner Erzählerlaune absolut untergeordnet.

Natürlich sind die Geschichten voller Begebenheiten, die einen irritieren müssen. "Mit der Bemerkung Es geht mir nicht gut kam ein Mann auf mich zu und fiel um. Das war letzte Woche in Kruft. Mir fiel auf: Er war wie mit einer Schimmelschicht überzogen." Dass der Erzähler noch zwei Anläufe nimmt, den Zwischenfall anders zu erzählen, hilft nicht weiter; er kapituliert: "Ich werde versuchen, so wenig wie möglich darüber nachzudenken, jetzt, beim raschelnden Umblättern der Koblenzer Rhein-Zeitung." Ror Wolf, dieser unvergleichliche Erzähler, erinnert wieder einmal daran, dass Erfundenes erfunden bleibt, selbst dann, wenn es auffallend kräftig an eine Realität erinnert, die man zu kennen glaubt. "Ich habe den Tag, den ich erfunden habe, nicht vergessen. Plötzlich hörte ich, wie sich die Tür, die ich auch erfunden habe, öffnete."

Das sind natürlich wunderbar hinterhältige Sätze. Sobald der Erzähler unterstreicht, dass er alles erfindet - ist buchstäblich alles erfunden und jedes weitere Sprechen ein ständiges Weitererfinden. Die Sprache kann alles mögliche herzaubern, und sie hat das Vermögen, etwas zu evozieren, was die selbe Sprache künftig nicht mehr aus der Welt schaffen kann, und sei es bloß erfunden. Damit wird die Unterscheidung zwischen Erfindung und allem übrigen natürlich hinfällig, oder zumindest sehr prekär. Dieser wunderbare Autor lädt dazu ein, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, und auch dort stellt er nur Kulissen hin - die Teil seiner köstlichen Geschichten sind.

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