Zwei Leben und ein Tag von Anna Mitgutsch, 2007, Luchterhand1.) - 3.)

Zwei Leben und ein Tag.
Roman von Anna Mitgutsch (2007, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Leopold Federmair in Neue Zürcher Zeitung vom 24.2.2007:

Grübeln mit Melville
Anna Mitgutschs Roman «Zwei Leben und ein Tag»

Die neue deutsche Pop-Literatur verkündet seit Jahren das gesellschaftliche Ende von Schuld und Scham. Damit sollte dann auch das Grübeln als Ursprungsgestus des Erzählens zugunsten eines lockeren Plaudertons überwunden sein. Dieser fröhliche Unschuldszustand ist freilich nicht jedem Autor vergönnt, der heute schreibt; besonders dann nicht, wenn ihn biografische Umstände fast zwangsläufig vor die alten Fragen nach Sinn und Gerechtigkeit zitieren.

Stachel der Anklage

In Anna Mitgutschs neuem Roman grübelt eine Frau in seitenlangen Briefen, die sie nie abschickt: Was habe ich falsch gemacht? Habe ich etwas falsch gemacht? Gleich zu Beginn weist sie jede Schuld von sich: «Ich weiss nur eines, und ich werde es immer von neuem wiederholen, Deinen Anschuldigungen» – der Adressat ist ihr ehemaliger Ehemann – «und den Verdächtigungen Fremder zum Trotz – ich bin nicht schuldig.» Ob derlei Schuldabweisungen von der eigenen Person eine gute Ausgangsposition für einen Roman sind, mag sich der Leser fragen.

Tatsächlich, und in literarischer Hinsicht ist das ein Glück, wird die Briefschreiberin bald unsicher. «Es war meine hilflose Gegenwart, die mich schuldig machte, meine Schwäche und Unentschlossenheit», lesen wir später, und sogar eine allgemeine Regel wird uns geboten: «Leben und Schuld sind voneinander nicht zu trennen.» Trotzdem regt sich in der Frau immer wieder der Stachel der Anklage, mitunter auch gegen «die Gesellschaft» im Allgemeinen. Oder gegen den Ehemann, der durch Seitensprünge zur Zerrüttung der Ehe beigetragen habe (während der eine Seitensprung der Frau entschuldigt wird): «Es war nicht das erste Mal, dass Du mich um eines flüchtigen Flirts willen vor anderen verrietst und Dich von Deiner Familie durch verletzende Verlautbarungen distanziertest. Später würdest Du sagen, es habe nichts bedeutet oder Du könntest Dich nicht mehr daran erinnern, und Du wusstest, dass ich Dir verzeihen würde.» Die Ehe selbst scheint über weite Strecken von gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägt gewesen zu sein. Gegen Ende des Romans steht ein Satz, der die demonstrative Selbstsicherheit des Beginns dementiert: «Jede Katastrophe, die unserem Kind passiert, löst in mir das Bewusstsein tiefer Schuld aus.»

Der Streitpunkt zwischen den Ehe- und Scheidungspartnern ist ihr Kind und der Grund seiner Entwicklungsstörung. Streitpunkt, Streitobjekt – so muss man es wohl nennen, auch wenn die Mutter dem Kind das grösstmögliche Mass an Zuneigung zukommen lässt. Was äusserst schwierig ist, denn der Sohn hat nach einem Fieberanfall in seiner frühen Kindheit einen bleibenden Schaden davongetragen, dessen genaue Ursache und dessen Therapiemöglichkeiten niemand kennt, am wenigsten die Ärzte. Um diesen Vorfall kreisen die grüblerischen Briefe wie das insistierende Streiflicht eines Leuchtturms, das ein ums andere Mal das Dunkel bzw. das in ihm Verborgene abtastet.

Die Ehegeschichte ist die eine Ebene von «Zwei Leben und ein Tag». Die zweite ist die Biografie des nordamerikanischen Romanciers und Dichters Herman Melville, sie dient als Grübelfolie für die Höhenflüge, Streitigkeiten und Enttäuschungen jener Ehe. Bücher spielen im Leben der Eheleute eine wesentliche Rolle; der Mann hat in den USA eine Doktorarbeit über Melville geschrieben, die Frau sammelt alte Drucke und Karten. Wie ihre eigene Geschichte erzählt die Briefeschreiberin das Melville-Leben kursorisch, in immer neuen Anläufen. Dabei entsteht ein Sog des wiederholten Scheiterns und der Bitterkeit, der durch den Hochmut, den sich Melville trotz allem bewahrt habe, kaum aufgelockert wird.

Mehrmals kommt die Rede auf den biblischen Hiob, zunächst «nur» ein literarisches Thema zwischen den Eheleuten, dann aber auch eine weitere, gleichsam archaische Folie zur Selbstbestimmung, das heisst zur Klage, zum Hadern mit dem Schicksal. «Zwei Leben und ein Tag» ist kein reiner Hiob-Roman. Erstens, weil die Frau Haltung bewahrt und versucht, die (wenigen) Glücksmomente festzuhalten; zweitens, weil am Ende keinerlei Entschädigung steht, sondern nur der Tod durch eine schwere Krankheit und, in der Folge, die endgültige Einsamkeit des behinderten Sohnes, der nun den Hyänen der Gesellschaft ausgeliefert ist.

Dieser Sohn namens Gabriel steht im Zentrum der Erzählung der dritten Ebene, die sich über einen einzigen Tag erstreckt. Die Autorin hat, vielleicht ein wenig zu deutlich, die Parallelen zu zwei berühmten Melville-Figuren herausgestrichen: Bartleby und Billy Budd, zwei Unschuldslämmer, die auf je eigene Weise der Gesellschaft ein Dorn im Auge sind. Dasselbe gilt für Gabriel, der doch nichts anderes will als ein normales Leben führen. Zweimal nimmt er den berühmten Bartleby-Satz in den Mund, den die Autorin auf einer anderen Ebene ironisiert, indem sie ihn als Marketing-Gadget auf den T-Shirts betulicher Melville-Nachfahrinnen erscheinen lässt: «I would prefer not to» – «ich möchte lieber nicht . . .»

Holzschnittartiges Ende

Sein Nicht-Wollen nützt Gabriel nichts, denn faktisch ist er bei weitem nicht so hartnäckig wie Bartleby (auch sonst halten sich die Parallelen zwischen den drei Romanebenen in Grenzen). Die Erzählung dieses einen Tages ist, anders als die Melville- und die Ehegeschichte, linear und von rührender Schlichtheit, von der Erzählweise her ein schöner Fremdkörper im Buch. Manche Passagen darin gehören, zusammen mit der Beschreibung des Hudson River am Anfang, zum Stärksten, was dieser Roman zu bieten hat. Holzschnittartig ist hingegen das Ende geraten, eine Art Showdown mit ein paar fiesen Typen, wo Gabriel im bunt dröhnenden Disco-Fieber buchstäblich untergeht.

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Zwei Leben und ein Tag von Anna Mitgutsch, 2007, Luchterhand2.)

Zwei Leben und ein Tag.
Roman von Anna Mitgutsch (2007, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 7.3.2007:

Als wohne man dem Unheil bei
Gewagt, gewonnen: Anna Mitgutsch erzählt in ihrem Roman "Zwei Leben und ein Tag" von Krankheit und Dichtung

Als Gabriel drei Jahre alt war hatte er hohes Fieber, verbunden mit heftigen Krämpfen. Danach war das Kind verändert. Er verfiel regelmäßig in panische Erregungszustände und schrie nachts mit geschlossenen Augen wie in Todesangst. Als Älterer wurde er oft zur Zielscheibe für Spott, weil er Selbstgespräche führte, wild gestikulierte, vor sich hin summte und grinste. Standen Gabriels Schwierigkeiten, die Gleichzeitigkeit von Eindrücken, Stimmen, Bildern, Bewegungen auszuhalten, ohne das Gefühl zu haben, sein Kopf müsse zerspringen, in Zusammenhang zu den zumeist drei Sprachen, mit denen das Kind aufwuchs? Eine banale Überforderung, ein Stresssymptom, das wieder verschwinden würde, oder war Gabriel "anders", ein Urteilsspruch, der ihn in eine Wirklichkeit abschob, die nur für ihn existierte, die nicht in Einklang zu bringen war mit unseren strikten Regeln für Wohlverhalten und zielgerichtetes Handeln?

Vor achtzehn Jahren hatte die österreichische Autorin Anna Mitgutsch schon einmal einen Roman geschrieben über ein Kind, das aus der Welt der Normen gefallen war. Bereits damals, in ihrem Buch Ausgrenzung, stellte sie die Frage, warum niemand verstehen konnte, wie reich diese nur scheinbar "vernunftabgewandte Wirklichkeit" war, kämpfte sie gegen die rigiden Zuordnungen und Verdikte einer Gesellschaft, deren Toleranz oft nur "Herablassung und Hochmut" bedeutet, eine "befristete Amnesie für Gejagte, die den Maßstäben der Meute nicht entsprechen".

Es wirkt fast, als ob Mitgutsch die Geschichte des Kindes aus Ausgrenzung noch einmal in verändertem familiären Szenario aufleben ließe. Gabriels Eltern hatten als Literaturwissenschaftler ein Nomadenleben zwischen Amerika, Südostasien und Osteuropa geführt. Nach der Scheidung war die Mutter mit dem inzwischen erwachsenen Sohn in das Haus ihrer Kindheit in Österreich zurückgekehrt.

In nie abgeschickten Briefen an Gabriels Vater spürt sie den Gründen für das Scheitern ihrer Liebe nach. Es war ein kräftezehrendes Leben gewesen von Seoul über Jogjakarta nach Kuala Lumpur. Man lebte dauerhaft als Fremder in unwirtlichen Städten, ausgegrenzt durch Hautfarbe, Kultur, Sprache, dazu die Sorge um ein krankes Kind, fernab von Ärzten, denen man eine kompetente Diagnose hätte zutrauen können. Sie fragt sich, ob sie Schuld trägt am Schicksal ihres Sohnes und erlebt noch einmal ihren lebenslangen Kampf um Gabriels Wohl, um einen Platz für ihn in dieser Welt und um den Schlüssel zu seinen Gefühlen. "Sein ganzes Leben habe ich mich bemüht, auf die Seite seiner Seele zu gelangen, wo ich eine Tür finden würde, ein Fenster, irgendeinen Zugang, der mir alles erklärte."

Das Verbindende mit Gabriels Vater war jahrelang die gemeinsame Begeisterung für Herman Melville gewesen, über dessen Leben und Werk das Paar ein Buch schreiben wollte. Sie hatten sich im amerikanischen Städtchen Albany kennen gelernt, ganz in der Nähe des Hauses, in dem der Dichter, den viele nur als den Autor von Moby Dick kennen, als Jugendlicher gelebt hatte. In dessen grandioser und verzweifelten Geschichte eines Scheiterns, dem Leidensweg eines Außenseiters und verkannten Genies, der an der Ignoranz und Engstirnigkeit seiner Zeitgenossen zerbrach, finden sie am ehesten Antworten auf ihre Fragen. "Melville war für uns zum Vehikel für etwas geworden, das wir zu verstehen suchten."

Eine Obsession für Melville

Die obsessive Beschäftigung mit Melville nimmt in den Briefen von Gabriels Mutter bald fast mehr Raum ein, als die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Es ist eine veritable Melville-Biographie, die Anna Mitgutsch mit großer Verve in ihren Roman hineinschreibt. Zwischen Fiktion und Fakten changierend, nähert sie sich dabei Melville mit literarischen Mitteln, die man mit der Machart eines filmischen Biopictures vergleichen könnte. Die wechselvolle Geschichte des Melville-Clans, einer einst reichen und angesehenen Familie, der Großvater war einer der Helden der Boston Tea Party gewesen und der Stammbaum ließ sich bis ins ungarische und norwegische Königshaus zurückverfolgen, verpackt sie in suggestive, romanhafte Erzählhandlung mit imaginierten Szenen.

Melville, dessen Leben und Werk von der Kraft eines Besessenen zeugen, einem, der nur in der "Maßlosigkeit des Ozeans seinen Widerpart fand", der als schreibender Seemann und erotischer Abenteurer von den "Kannibalen der Intellektuellenszene New Yorks" belächelt wurde, erdrückt mit der Wucht und Unbedingtheit seines Schaffens und Scheiterns alles neben sich. Es ist immer gefährlich, sein eigenes Leben in die Nähe von dem eines ganz Großen zu stellen, und auch hier scheinen die Proportionen der literarischen Komposition manchmal etwas aus der Balance zu geraten, so leidenschaftlich widmet sich die Autorin dem exzentrischen, radikalen, zerstörerischen und dominierenden Charakter ihres Helden.

Wie soll sich daneben das stille, fast nur nach innen gerichtete Leben Gabriels behaupten? Aus seiner Perspektive sind die sechs Kapitel geschrieben, die Zeugnis ablegen von der verhängnisvollen Entwicklung eines einzigen Tages, einem Tag, in dem noch einmal alle Erniedrigungen, Missverständnisse, Sehnsüchte, Erinnerungen, Hoffnungen und Qualen eines fast dreißigjährigen Lebens vorbeiziehen.

Mit großer Empathie und Sensibilität wird der Leser in den denkbaren Kosmos einer Innenwelt geführt, aus dem uns sonst keine Nachrichten erreichen. Wir sehen einen Menschen ohne Arg, voll eigener Klugheit, weiser Demut und schlichter Unbeirrbarkeit, fast schon Inbild des reinen Toren, dessen Instinkte nicht funktionieren gegenüber Verlogenheit und Brutalität der Umwelt. Auch ein Scheitern, ein Untergang aber ohne die wehende Fahne eines großen literarischen Werks über sich, erschütternd in seiner unaufhaltbaren Bestimmung.

Große Themen also in Zwei Leben und ein Tag, und am Schluss fällt einem ein magisches Bild aus dem zweiten Satz des Buches wieder ein, über den Hudson River, diesen Fluss, der wie ein "fremder Riese auf der Durchreise, kalt und streng seine Schneise durch die Berge schlägt" und es sei, "als wohne man einem Unheil bei", denn, je näher es ihn zur Mündung treibt, ist es so, als "schwänden die Kräfte", und "er ließe die salzigen Wasermassen des Atlantiks ohne Widerstand tief in sein weit offenes Bett. Auch der Tod eines Flusses ist furchterregend." Der Kreis schließt sich, den Anna Mitgutsch mit beeindruckender dichterischer Kraft und Imagination um ihre Figuren und ihre Geschichte gelegt hat.

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Zwei Leben und ein Tag von Anna Mitgutsch, 2007, Luchterhand3.)

Zwei Leben und ein Tag.
Roman von Anna Mitgutsch (2007, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 4.09.2007:

Leidenschaft für Literatur
Anna Migutschs Ehe-Roman «Zwei Leben und ein Tag»

Wie lange Edith und Leonard ein Paar waren, lässt sich am Ende nicht so genau feststellen. Wie überhaupt vieles in dem neuesten Roman von Anna Mitgutsch «Zwei Leben und ein Tag» im Ungefähren bleibt.

Ein paar Dinge freilich können als gesichert gelten. Edith und Leonard haben sich nach jahrzehntelangem Zusammensein getrennt. Irgendwann hat ihre Liebe einen Knacks erhalten. Wie Leonard darüber denkt, erfahren wir leider nicht. Alles, was sich über diese gescheiterte Ehe sagen lässt, wird uns aus Ediths Perspektive erzählt: Dass Leonard auch als Erwachsener gegen ein übermächtiges Vaterbild anzugehen hatte, dass er vergeblich um eine Festanstellung kämpfte, dass ihm andere immer vorgezogen wurden, und dass er schließlich auch jüngeren Frauen hinterher lief.

Beide – Edith und Leonard – haben in ihrem Zusammensein über die Jahre offenbar nur einer großen Leidenschaft gefrönt: der Beschäftigung mit dem Schriftsteller Herman Melville. Darüber haben sie die Entwicklung ihres Sohnes Gabriel hin zu einem tragischen Fall von Außenseitertum zwar nicht vergessen, aber auch nicht ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit gestellt, was sich am Ende bitter rächt. Aber wie sieht dieses Ende aus, das mit der Trennung der Eltern beginnt? Auch dazu liefert uns Edith – und nur sie – die notwendigen Informationen. In langen Briefen an Leonard, die sie allerdings nie abschickt, versucht sie, die verflossenen Jahre zu rekapitulieren, mit Fragestellungen an ihren Ex-Mann, die dieser nie beantworten wird, weil er sie nicht zu Gesicht bekommt.

Woher weiß Edith aber, dass auch Leonard die gemeinsamen Jahre «zumindest symbolisch» auszulöschen sucht? Beide sind lange Jahre in der Welt herumgestreunt, mal mit, mal ohne den schwierigen, zu Jähzorn und Depression gleichermaßen neigenden Sohn. Anna Mitgutsch lässt ihre Protagonistin dann immer wieder zu Herman Melville greifen, dessen Figuren sie als «strahlende Verweigerer des Lebens» bezeichnet. «In der Literatur lieben wir jene, die dem Leben nicht gewachsen sind», heißt es da. Das trifft aber auch auf Leonard und Gabriel zu.

Anna Mitgutsch aber möchte man die Worte von Melvilles Kapitän Ahab zurufen: «Hör nochmals her – wir müssen tiefer schürfen. Alles, was du siehst, gleicht einer Pappenmaske.»

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