Zweideutigkeit.
Essays und Skizzen von Brigitte
Kronauer (2002, Klett-Cotta).
Besprechung von Heribert Kuhn in der Frankfurter Rundschau, 26.2.2003:
Wellenreiten
Proben einer Leidenschaft fürs
Ambivalente: Brigitte Kronauers "Essays und Skizzen"
Einer der längeren und auch zentralen Texte in Brigitte Kronauers neuem
Sammelband von "Essays und Skizzen", der den Titel Zweideutigkeit
trägt, beschäftigt sich mit Melvilles Roman Mardi. Das Buch datiert
vor Moby Dick (1851) und wurde im Jahr der Reise des Autors nach
Europa, 1846, veröffentlicht. Mardi, so beschreibt Kronauer den Schauplatz
des Romans, ist ein Archipel, "von weißen Riffs als Wall gegen die
Unendlichkeit umgeben". Die Riffe bilden Bollwerke gegen die "sehr
zwielichtige Freiheit ozeanischer Leere", heißt es weiter und das Wort
"zwielichtig" - der Leser weiß es spätestens, wenn er die Einführung
absolviert hat - wird hier von der Autorin als Signalwort ihrer Passion für
alles Zweideutige eingesetzt.
Dementsprechend wertet sie auch den Schluss des 1000-Seiten-Romans auf, der
schildert, wie der Ich-Erzähler in seinem Boot über die Barriere des schützenden
Archipels hinausgetrieben wird: Er "schießt - offenes Ende - in die
Waagerechte eines finsteren Ozeans über alle Grenzen hinaus". In der
"strahlend-schaurigen Finalvision" von Melvilles Mardi
erkennt Kronauer nichts weniger als die "ebenso pathetische wie knappe
Bildformel der ,condition humaine' des zwanzigsten Jahrhunderts." Soll
heißen: Der horizontale Sturz in einen grenzenlosen Raum, der als Stütze nur
die Dynamik fortgesetzter Überschreitung hat, ist die Pathosformel für den
bei seinem Spiel mit den unendlichen Möglichkeiten über alle sinnliche Rückversicherung
hinausgezwungenen Menschen der Moderne.
Im Vorwort findet sich die Schilderung noch einer anderen Szene vor offenem
Meeresprospekt; sie ist allerdings um einiges harmloser als das Ende von Mardi.
Ein Mann balgt mit seinem kleinen Sohn, "unterliegt" und allerlei
Rollenwechsel werden vorstellbar: Übt der Kleine sich als Liebhaber? Fühlt
der Vater sich in weiblicher Weise animiert? Wird er das halb erotische
Gerangel später mit seiner Frau fortsetzen? Die zweideutig-"zwielichtige
Freiheit" des Ozeans, die die Einbildungskraft zwischen Drohung und
Versprechen hin und her jagt, findet sich hier in die Zwischenräume des
menschlichen Miteinanders gedrängt und zum stimulierenden
"Geflacker" von allerlei Möglichkeiten verkleinert. Kronauer
schreibt: "Mein eigenes Vergnügen als Zuschauerin bestand jedenfalls im
Schwanken zwischen all diesen jeweils nicht unplausiblen Möglichkeiten, die
gemeinsam in ein einziges Bild gesperrt waren, ohne Reihenfolge. Es war ein
flackerndes Anspielen der generell existierenden, gewöhnlich aber nur von
einer Interpretation dominierten und also nicht zum Zug kommenden Facettenfülle
solcher Szenen."
Das ist sicher ungefährlicher als an der Reling von Melvilles schwankendem
Schiff die Totalität der Möglichkeiten zu imaginieren, grundsätzlich aber
bleibt die Ästhetik der Wahlhamburgerin Kronauer auch bei ihren Beobachtungen
auf festem Land maritim grundiert. Ihre Lehre lautet: Es gibt, meist
abgesunken und entfernt, das Bewusstsein einer elementaren Zweideutigkeit; und
es existiert, nah und mit erhöhter Aufmerksamkeit jederzeit wahrnehmbar, die
Unmenge kleiner Zwei- und Vieldeutigkeiten.
Beide Pole setzt Kronauer in Beziehung, indem sie die Lebens- und Innenwelten
ihrer Romane und Erzählungen in der äußersten Peripherie mit einer dem
Leben feindlichen und das Leben herausfordernden Zone maritim-kosmischer
Finsternis umgibt; Hermann Melville und
Joseph Conrad, die zwei Teerjacken der
Weltliteratur, dienen ihr als Scouts in dieser bösen Sphäre.
So wurden aus manchen von Kronauers Romanhelden Seehelden, ohne dass sie dafür
ein Schiff hätten betreten müssen. Alle Konturen, in die die Welt eingefasst
ist, sind, mit den Augen der Autorin betrachtet, unsichere Küstenlinien und
wer offenen Auges durch das Meer der Eindrücke steuert, wird zu einem
Eroberer immer neuer Bildgestade. Diese dienen dann als schützende Archipele
in der Leere des Raums. Denn mag die Welt auch mit materieller Dichte
imponieren, überall gibt es Durchblicke in die schwarze Finsternis und sei es
- wie Matthias Roth, Protagonist in Kronauers Roman Berittener Bogenschütze,
erlebt - durch die Pupille einer geliebten Frau. Allein das wache Spiel, das
die Einbildungskraft mit den noch in unbedeutendsten Alltagsszenen
aufscheinenden Möglichkeiten treibt, schenkt Schutz vor dieser bildlosen
Finsternis.
Kronauer hat ihr wahrnehmungsutopisches Programm in unzähligen Sequenzen
ihrer Prosaarbeiten sprachlich beglaubigt. Und auch die nun vorliegenden
"Skizzen" halten Bezug zu dem Gestalt auflösenden Abgrund
kosmischer Leere und bildloser Abstraktion, indem sie die Arbeit findiger
Wahrnehmung als ästhetisches Ideal und existenzielles Apotropaion preisen.
Besonders eingängig gelingt der Autorin dies in Reflexionen über
Lou Andreas-Salomés überraschende Beziehung zu den Ikonen ihres Heimatlands oder
in ihren gewitzten Ausdeutungen von Marienbildnissen.
Anders verhält es sich mit den dezidiert literaturtheoretischen Aussagen des
Bandes, etwa den in einem Vortrag an der Universität Bern dargelegten
Gedanken zur Frage "Wie modern muss Literatur sein?" Ein
Kronauerianer wird sich die Zuspitzung der Ausführungen auf die zentrale
Kategorie der "Form" schon in die ihm bekannten Subtilitäten des
Werks übersetzen; ohne diese Anstrengung können dem Leser die Thesen aber
leicht in eine für diese Autorin untypische Überzeitlichkeit rutschen. Um
"Form" geht es ja wohl immer irgendwie.
Vielversprechender ist da die nicht weiter vertiefte Bezugnahme auf Alain
Robbe-Grillet. Kronauers Ästhetik steht in einem vertrackten Verhältnis zu
dem aus den 50er Jahren stammenden Programm des Franzosen. Da dieses auch
Verbindungen zum Film, insbesondere dem Neorealismus, herzustellen erlaubt,
der für die in den 40er Jahren geborene Generation von Autoren das Verhältnis
zur sichtbaren Welt entscheidend bestimmte, fände man sicher einen historisch
differenzierten Ansatz für Kronauers Illuminations-Ästhetik. Sie ließe sich
möglicher- und dann paradoxerweise als "Romantisierung des nouveau roman"
entwickeln. Da die Autorin ihr Faible für Literaturtheorie oft betont hat,
erhofft man sich von ihr hierzu noch einige Hinweise.
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