Zu viel Glück von Alice Munro, 2011, S. FischerZu viel Glück.
Erzählungen von Alice Munro (2011, S. Fischer
- Übertragung Heidi Zerning).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 20.5.2011:

Das Glück im Rückblick der begnadeten Alice Munro
Es wäre schon seltsam, würde Alice Munros unbestechlicher Blick im Alter durch Milde getrübt. Dass aber die Autorin in ihrem 80. Jahr ihre Helden derart gnadenlos durch ihre Short Stories jagt, überrascht dann doch.

Beginnen wir am Anfang: Eine Frau, Doree, besucht ihren Mann Lloyd in der Psychiatrischen Klinik. In Rückblenden führt Munro ihre Leser in ihrem neuen Buch „Zu viel Glück“ an eine grauenvolle Wahrheit heran: Lloyd tötete einst die gemeinsamen Kinder. Der Streit des Paares entzündete sich an einer beschädigten Dose Spaghetti, die Doreen gekauft hatte. Schuld und die Sekunden, die ein Leben verändern für immer – das ist stets eines der Hauptmotive Munros gewesen, selten aber derart messerscharf ausgeführt.

Munros Erzählungen von Müttern und Kindern, Frauen und Männern spiegeln jene enge Welt, die sie selbst als Hausfrau und Mutter jahrzehntelang erlebte, weisen aber darüber hinaus: Eine jede trägt in sich einen ganzen Roman über die Verstrickungen unseres Lebens, über die Wendepunkte, die wir erst in der Rückschau zu erkennen vermögen. Über die Erzählungen, die wir über uns selbst erfinden. Denn nichts anderes sind Biografien.

Nur auf den ersten Blick banal

Überdeutlich wird dies in diesem reifen Werk, in dem Munro die Erzählung des Selbst zum Thema macht. Eine der Stories heißt genau so, „Erzählungen“, sie bündelt typische Munro-Motive, die nur auf den ersten Blick banal scheinen: Männer, die mit Holz hantieren (und Heime daraus bauen), Männer, die sich jüngeren Frauen zuwenden. Frauen, die sich vom Glück verlassen fühlen. Hier ist die Sitzengelassene eine Klavierlehrerin, Joyce, zu deren Schülern die Tochter ihrer Konkurrentin gehört. Jahrzehnte später liest sie das Romandebüt des Mädchens. Es handelt vom Glück, sich von der Klavierlehrerin auserkoren zu fühlen, vom Glück, zum Eis eingeladen zu werden, vom Glück, gefragt zu werden und zu sein. Meisterhaft ist die Szene, in der Joyce nach jeder Passage die neue Wendung voraussagt, aber stets danebenliegt. Am Ende steht die Erkenntnis, dass es ein Zuviel an Glück geben kann, ebenso wie ein Zuwenig.

Die Frage des rechten Maßes

Auch in der titelgebenden Geschichte des Bandes „Zu viel Glück“ umkreist die kanadische Schriftstellerin die Frage des rechten Maßes: Hier nähert sie sich virtuos der realen Gestalt der Mathematikerin und Schriftstellerin Sofia Kowalewskaja (1850-91), die zwischen ihren Begabungen und Leidenschaften schier zerrissen wird. Erst im Rückblick wird erlebtes oder verpasstes Glück wirklich erkennbar, auch diese Einsicht zieht sich durch den Band: Da gibt es die Mutter, die ihren Sohn an einen alternativen Orden verliert. Den Jungen, der von seiner Jugendliebe durch eine Unbedachtheit für immer getrennt wird. Die alte Frau, die in ihrem Haus überfallen wird: Sie rettet sich, indem sie sich eine fremde Biografie aneignet. Was ist Literatur, was ist Leben? „Sie hasste es, das Wort Flucht in Zusammenhang mit Literatur zu hören“, heißt es einmal: „In einer Unterhaltung hätte sie ganz ernsthaft behauptet, das wirkliche Leben sei eine Flucht.“

Short Stories sind eine bescheidene literarische Form, minimalistisch, aufs Wesentliche konzentriert. Wir leben in Zeiten, die diese Tugend fördert und fordert. Wäre es zu viel, einer so zeitgemäßen Autorin wie Munro das Glück des Nobelpreises zu wünschen?

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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