Zur Zeit von Winston Churchill von HeinrichMann, 2001, S. FischerZur Zeit von Winston Churchill.
Tagebuch September 1939- September 1940 von Heinrich Mann (2001, S. Fischer).
Besprechung von Stephan Reinhardt in der Frankfurter Rundschau, 17.11.2004:

Hitler, Churchill und der Schakal
Das Jahr vor der Flucht: Heinrich Manns Kriegstagebücher 1939 - 1940, erstmals veröffentlicht

Am 8. September 1939 begann Heinrich Mann sein Tagebuch des Zweiten Weltkrieges mit dem Satz: "Es ist Krieg, seit einer Woche schon, angenommen, dass er am 2. dieses Monats eröffnet worden ist. Der Anfang wäre dann die Bombardierung polnischer Städte durch Hitlersche Flieger gewesen." Ein Jahr lang, bis zu seiner Flucht aus Südfrankreich im September 1940 beschrieb und analysierte Heinrich Mann das Kriegsgeschehen: Er schilderte zum Beispiel Frontverläufe und Opferzahlen - im wesentlichen freilich aus französischer Sicht. Dankenswerterweise stellt der Kommentar die von Mann übernommenen Falschmeldungen der Kriegspropaganda richtig.

Heinrich Mann, ein glühender Streiter für die Ideale der Demokratie schon während des Wilhelminismus und seit der Weimarer Republik ein unerschrockener Gegner der NS-Ideologie, lebte seit 1933 als Emigrant in Nizza, bereits im August 1933 war ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Während er dieses, jetzt erstmals veröffentlichte Tagebuch schrieb, warf er Blicke zurück in die politischen Verwirrungen des frühen 20. Jahrhunderts. Dabei korrigierte er zugleich - und darin liegt der besondere Wert dieser Aufzeichnungen - seine bisherige Haltung zu Stalin und der Sowjetunion. Die Sowjetunion war für Heinrich Mann wie für zahllose Intellektuelle seit 1918 ein Zukunftsmodell, das sie mit Sympathie betrachteten. Eine neue Staatsform, in der die vermeintliche Etablierung sozialer Gerechtigkeit "Humanisierung" zu versprechen schien. Westlichen Berichten über den stalinistischen Terror gegen vermeintliche "Feinde des Volkes" sowie über die Moskauer Prozesse 1936-38 gegen alte Bolschewiki schenkte er keinen Glauben. Er idealisierte Land und Leute. Die Sowjetunion dankte es ihm mit großen Auflagen seiner Werke.

Betroffen und ratlos

Am 18. September 1939 notiert Heinrich Mann in sein Tagebuch: "Gestern in der ersten Morgenfrühe sind Truppen der Sowjet-Union in Polen eingedrungen." Am Tag darauf schreibt er, dass er vor etwa 20 Tagen die Nachricht vom Hitler-Stalin-Pakt erfahren und darauf "betroffen und ratlos" reagiert habe. Da schließt das Land der "Humanisierung" am 28. August 1939 einen Pakt mit Hitler, dem "wirrsten der bisherigen Welteroberer, einem Menschen ohne Gewissen", der das Leben "entmenscht hat wie kein anderer vor ihm". Und teilt sich mit diesem Diktator Polen auf und fällt seinerseits über es her vom Osten aus. Noch zögert Heinrich Mann. Doch dann ändert er seine Meinung: als Stalin am 30. November 1939 Finnland überfällt, bombardiert und schließlich eine Marionettenregierung einsetzt.

Finnland war im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes der Sowjetunion zugefallen. Stalin hatte sich seine Beute geholt: "Leider hat nunmehr die Sowjetunion den sittlichen Grund, auf dem sie besteht, selbst angetastet." Für Heinrich Mann ist Stalin nun "Iwan der Schreckliche", das "Verräter-Genie" oder, mit einem Wort Trotzkis, der "Schakal im Kreml". Er spricht von den "Sowjet-Imperialisten" und stellt Hitler und Stalin als Despoten auf eine Stufe. "Seine ganze Karriere hat ein Betrüger mit dem Antibolschewismus gemacht. Plötzlich dreht er sich, und alsbald öffnet ein anderer Betrüger ihm beide Arme: Sie hätten sich gefunden gegen die zivilisierte Welt." In dieser Situation wendet sich Heinrich Mann von der Sowjetunion ab und beginnt alle seine Hoffnung auf Großbritannien und seinen Premierminister Winston Churchill zu richten. Ihm imponiert die Härte Churchills, mit der dieser im November 1939 der Welt erklärt: "Ihr könnt als unbedingte Gewißheit betrachten, entweder wird untergehen alles was Großbritannien und Frankreich in der modernen Welt an Daseinsrecht besitzen - oder das Naziregime Hitlers mitsamt der ständigen Bedrohung Europas durch Deutschland-Preußen werden zermalmt und zerstört." Die Kraft der Demokratie, ihre Wahrung der Menschenrechte, wird das NS-Regime besiegen - lange war das schon die feste Auffassung Heinrich Manns.

Geteilte Illusionen

Er unterscheidet zwar zwischen Hitler und dem deutschen Volk. Allerdings sieht er auch ihre Übereinkunft in der rassischen Idolisierung und im ethnischen Homogenitätsdenken: "Das Abenteuer Deutschlands mit Hitler konnte stattfinden, weil ein Teil der Deutschen nachdrücklich überzeugt wurde, sie seien unter allen Völkern das einzig starke; feig und verrottet alle anderen; reif für jede Enteignung; wehrlos gegen jeden Überfall." Mann teilt zunächst die Illusion der meisten Emigranten: dass die Zahl derer wüchse, die sich gegen Hitler und sein Gefolgsleute wenden würden. Die Staatsstreichpläne führender Militärs zu Kriegsbeginn überbewertet er dabei ebenso wie die französische Widerstandsbereitschaft gegen Hitler.

Es ist die Hoffnung, der blutige braune Spuk möge bald vorüber sein, die dieses Tagebuch trägt. Am 22. August 1940 bricht es mitten im Satz ab. Hitler hatte Frankreich im Mai 1940 überfallen und im "Blitzkrieg" besiegt. Heinrich Mann musste flüchten. Von Marseille nach Lissabon. Dort schiffte er sich nach New York ein. In Nizza zurücklassen musste er seine gesamte Habe, einschließlich der Manuskripte. Das Kriegstagebuch Zur Zeit von Winston Churchill ließ er vorab vom US-Konsulat in Marseille mit der Diplomatenpost als Geschenk an die Library of Congress in Washington schicken. Der Versuch, es zu publizieren, misslang.

Der Leipziger Zeitgeschichtler Hans Bach hat dieses kulturhistorisch aufschlussreiche Dokument nun herausgegeben, kommentiert und mit einem weithin informativen Nachwort versehen. Leider ist er dabei nicht der Frage nachgegangen, weshalb Heinrich Mann in seiner 1943 / 44 im amerikanischen Exil entstandenen Autobiographie Ein Zeitalter wird besichtigt plötzlich wieder voller Sympathie und Bewunderung für den "Schakal" Stalin und die Sowjetunion war. Wohl deshalb: Weil die Sowjetunion nun, nachdem Hitler auch sie überfallen hatte, die Hauptlast trug im Kampf gegen Hitlerdeutschland.

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