Zur
Phänomenologie des Snobs.
Erzählungen von Gert
Hofmann (2005, Hanser).
Besprechung von Jens Poggenpohl aus dem titel-magazin:
Der Geist zuckt mit den Achseln
Eine stille, erstaunliche Entdeckung: Gert Hofmanns frühe Erzählungen
beschreiben, wie die Zeit vergeht und wenig passiert – außer dem Leben
Mit dem Nachwort zu beginnen, ist das Dümmste,
was ein Leser tun kann. Aber wenn ein Autor so verschwiegen lebte und
weitgehend unbekannt geblieben ist, und der Autor des Nachworts sein Freund
und Verleger ist, siegt die Neugierde. Der Plan des Verlegers Michael Krüger
lautet, seinen Autor wieder einzuschmuggeln ins Gespräch über Literatur.
„Warum sollte er sich Gert Hofmann nicht am Tisch von Kafka und
Walser
niederlassen?“ Die Namen lasten, eigentlich ist das zu viel Gepäck – die
Lektüre aber hält dem Maßstab stand.
Der schmale Band versammelt verstreute, vor allem frühe Texte Hofmanns. Rein
äußerlich spiegelt sich das im Milieu: Bevor Hofmann sich 1979 in der Nähe
Münchens niederließ, um bis zu seinem Tod 1993 nicht weniger als 17 Romane
zu schreiben (einzig Der Kinoerzähler wurde ein Publikumserfolg), hatte er
nach seiner Dissertation über Henry James als Universitätsdozent gearbeitet.
Als Protagonisten tauchen denn auch auf: ein dicklicher Lektor auf Diät, ein
Student, der seine Arbeit als Bierkutscher verliert, weil er sich lieber
betrinkt, ein Gymnasiast, der im Gefängnis sitzt. Was diese Geschichten eint,
ist, dass in ihnen die Zeit vergeht und wenig passiert – außer dem Leben.
Geschichten aus zweiter Hand
Meistens gehorchen sie einer bewussten Beschränkung: ein Ich-Erzähler
notiert, was andere ihm erzählen. Es sind Geschichten aus zweiter Hand, die
nie das Ganze, aber immer das Ganze einer Wahrnehmung geben wollen. Hofmann
folgt der Maxime des von ihm bewunderten Henry James: „Statt die Taten und
Worte eines Menschen zu zeigen, sollte man sein Bewußtsein zeigen.“ Das
gelingt nicht immer so raffiniert wie beim Selbstmörder, der seinen Plan als
Witz maskiert, geschieht aber immer höchst formbewusst. Hofmanns Kunst
bestand im Weglassen. „Wenn ich einen Satz schreibe, schicke ich fünf
andere voraus und lasse sie als selbstverständlich oder aus Platzmangel
weg“, heißt es im Tagebuch. Diese Mühe ist nicht zu spüren, die Sätze
gleiten elegant selbst über Abgründe. „Man muss zum mindesten auf einem
Auge blind sein, um sich einen Weg durch den Tag zu finden“, ist so ein
Satz, in einem anderen ist die Rede vom „Achselzucken, das der Geist von
jeher für das Leben übrig gehabt hat“.
Hofmann hat diese Pole höflich, fast diskret umschrieben, und diese Höflichkeit
zeigt sich auch da, wo er sich vom Hauptstrom der deutschen Literatur
distanziert, ohne polemisch zu werden, ohne Namen zu nennen. Nietzsche fand,
dass die Kunst, „an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule“ zu
arbeiten, nicht eben eine deutsche sei. Gert Hofmann zählt zu den Ausnahmen.
[...diese und weitere
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