zum
fernbleiben der umarmung.
Gedichte von Monika
Rinck (2007, Kookbooks).
Besprechung von Carsten Schwedes aus dem titel-magazin,
2007:
Die Puten auf Caspar David Friedrichs Bildern
Monika Rinck lotet in ihrem neuen Gedichtband das ganze Spektrum
von eingängigen bis zu nicht mehr auflösbaren Bildern aus.
Eine Bearbeitung des „Eismeers“ von Caspar David Friedrich auf dem
Buchumschlag, der Titel des Bands (zum fernbleiben der umarmung) und
des ersten Texts („das unternull der romantik“) machen es von Anfang an
klar: Seelenwärmer sind die neuen Gedichte von Monika Rinck nicht. Auch
spielen in ihnen die traditionellen ästhetischen Kategorien der Lyrik keine
wesentliche Rolle mehr: ihre Langzeilen stehen einer rhythmisierten Prosa näher
als Versen, Spiele mit dem Sprachmaterial kommen zwar vor, scheinen der
Autorin aber eher zu unterlaufen als dass sie die Struktur der Texte prägen würden.
Nein, diese zwischen Lounge und Lesesaal locker hin- und herspringenden
Gedichte folgen anderen Maximen. Hört man auf ihre Tonlage, so fällt ein
eigenwilliges Changieren zwischen spöttelnder Ironie und existenziellem Ernst
auf. Ein Gewährsmann für die humorvoll-schrägen Metaphern Monika Rincks ist
der auch von T.S. Eliot sehr geschätzte Jules Laforgue, dessen Gedicht „Encore
à cet astre“ sie einen Variationszyklus widmet. Ausgehend von Laforgues
Bild der Sonne als flammendem Schaumlöffel führt die Assoziationsreihe über
den „märz meiner gier nach gegrilltem“ und einem Seitenhieb gegen
Duchamps und die Surrealisten hin zur im Verstummen endenden Vorstellung des
erlöschenden Sterns als kosmischer Vanitasdarstellung.
Literatur und Lebenswelt sind in zum fernbleiben der umarmung
gleichermaßen von Belang, was sich etwa im Kontrast der beiden
Pflanzengedichte „hoho hortensie“ und „das gegenteil von verführung“
zeigt: thematisiert Rinck in ersterem ihrer Suche nach zeitgemäßen
sprachlichen Bildern, wobei sie sich von Rilkes zartbesaiteten Kinderschürzen
und Briefpapieren absetzt, um in saloppem Jargon bei Clublampen und
Raumstationen zu landen, so bildet in letzterem das Vor-sich-Hingammeln einer
Büropflanze den mit biblischem Vokabular und dem ein oder anderen
Augenzwinkern evozierten Kontrapunkt zur Betriebsamkeit des Arbeitsplatzes.
Versinnlichte Begriffe
In den besten Gedichten von zum fernbleiben der umarmung führt die
Spannung zwischen ironischer Distanz und emotionalem Eingebundensein bei den
„großen Themen“ wie Liebe oder Vergänglichkeit über das Erfinden neuer
Bilder für Gedanken oder Gefühle hinaus in einen Zwischenraum, in dem
bildliche und geistig-emotionale Sphäre nicht mehr klar voneinander zu
trennen sind. Thematisiert wird diese Form der intellektuelle Anschauung
beispielsweise im Eingangsgedicht: in einer metaphorisch angereicherte
Betrachtung des Gemäldes „Das Eismeer“ von Caspar David Friedrich fällt
unvermittelt der Satz „es wandeln die puten, von denen nur der kern zu sehen
ist“. Wie aber soll der Kern einer Pute aussehen? Wie sollte man ihn sehen können?
Das so entstandene sprachliche Bild lässt sich nicht mehr anschaulich auflösen,
führt ebenso zu einer Störung der vertrauten Wahrnehmung wie die Vorstellung
von Puten auf einem der bekanntesten Gemälde der Romantik.
Für die Versinnlichung von Begriffen verwendete Kant in seiner Kritik der
Urteilskraft die Bezeichnung „Hypotypose“. Und es erstaunt nicht,
diesen Terminus in einem Gedicht von Monika Rinck zu finden, in dem die
Schilderung einer Alpenüberquerung (Winckelmann!) von Hinweisen auf den Königsberger
Philosophen ebenso durchsetzt ist wie von sexuellen Konnotationen. In der
Verbindung von Begriffen und Anschauung in ihren Gedichten gelingt Monika
Rinck, worüber einige ihrer Dichterkolleginnen und -kollegen in diesem Jahr
so eifrig diskutieren: Sprachreflexion und Welthaltigkeit miteinander auf
kunstvolle Weise zu verbinden.
[...diese und weitere
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