1.) - 3.)
Zuhause.
Roman von Kristof
Magnusson (2005, Kunstmann).
Besprechung von Klaus
Nüchtern aus Die Zeit, 6.10.2005:
Schluss mit den ewigen Elfen!
Kristof Magnusson hat einen intelligenten
und amüsanten Roman geschrieben: »Zuhause«
Über Island weiß man wenig, aber dies mit Bestimmtheit: Es sprudeln dort heiße Quellen aus dem Erdboden; es herrschen fragwürdig extreme Beleuchtungsverhältnisse; und die wpsm-Rate (writer per square meter) ist höher als in jedem anderen Land der Welt, was den Rest der Bevölkerung aber nicht daran hindert, Popmusik zu fabrizieren, wobei die berühmteste Protagonistin aufgrund eines rätselhaften, über den Musikjournalismus verhängten Fluches stets als »Pop-Elfe« apostrophiert werden muss.
Was man bislang nicht wusste, ist, dass man all dieses Wissen einer gewissen Matilda verdankt: Sie arbeitet für das isländische Fremdenverkehrsamt, weiß immer, wo der nächste Wasserfall ist und verfügt über einen verlässlichen Vorrat an Björk-Anekdoten. Außerdem ist sie die Freundin, oder vielleicht besser: der Lebensmensch von Larus (dessen Nachname für deutsche Schriftensätze nicht geeignet ist). Larus lebt eigentlich im Hamburger Stadtteil Tornesch, wollte Weihnachten in Reykjavík eigentlich gemeinsam mit seinem Freund Milan verbringen, der ihn aber eigentlich kurz darauf verlassen hat – was Larus Matilda aber erst gesteht, als die beiden bereits in der Ankunftshalle des Flughafens stehen, um Milan abzuholen. Das ist insofern peinlich, als Larus kurz davor noch Matilda die Leviten gelesen hat, weil sie sich von Svend getrennt hat, ohne ihm gegenüber davon ein Wort darüber zu verlieren. Svend war Matildas dritte von Larus vermittelte Liebe – wohlhabend und trotzdem nett; aus gutem Hause und trotzdem kein Spießer; trinkfest und trotzdem kein Säufer; »lieb und trotzdem cool«. Zu viel für Matilda: »Er ist alles, was ich mir immer gewünscht habe. Alles gleichzeitig!«
Larus’ Hunger nach Harmonie ist unstillbar. Alle sollen es gut haben. Und zwar für immer. Überflüssig zu sagen, dass Zuhause, der erste Roman des in Hamburg geborenen Halb-Isländers Kristof Magnusson (Jahrgang 1976), von diesem Zustand weit entfernt ist: Dauerhaftes Glück ist ein denkbar schlechter Stoff für Romane. Schon auf der ersten Seite schlägt Magnusson eine melancholische Note an, die auch von dem beachtlichen komischen Potenzial dieses Buches nie ganz übertönt wird und bis zum Schluss anhält: »Langsam begann ich mir einzugestehen, dass auch dieses Jahr, das bisher schönste in meinem Leben, zu Ende gehen würde.«
Nächte in der Disco, Überlandpartien mit dem Auto, WG-Gequatsche, viel Zigaretten, viel Alkohol, viel Popmusik. Die Ingredienzien sind bekannt und fixer Bestandteil Tausender von Büchern, in denen Twenty- und Thirtysomethings darob desparat werden, dass »Alle Tage Party« kein Programm für die Ewigkeit ist. Dieses Setting findet man auch in Zuhause wieder, und doch ragt Magnussons Debüt aus der popliterarischen Massenproduktion heraus wie ein Song von Belle & Sebastian aus dem matten Mainstreamgedudel. Das hat mit der Genauigkeit der narrativen Konstruktion, mit der Subtilität der Figurenzeichnung und der Sorgfalt in der Entwicklung von Motiven, das hat aber vor allem mit der Sprache, mit dem Sound des Romans zu tun, der die Selbstgenügsamkeit, mit der sich die Protagonisten ihren eigenen Stimmungen überlassen, mit großer stilistischer Sicherheit vermittelt.
Wenn es eine Vogeluniversität gäbe, was würden die Zeisige studieren?
Eine großzügig dosierte Ironie, die hier weder zur Schnoddrigkeit noch zur Immunisierungsstrategie verkommt, bewahrt den Roman davor, ins Sentimentale abzustürzen, ohne dass dadurch dessen sanft schwermütiger Grundgestus suspendiert würde. Man lasse sich von dem, was auf den ersten Blick vielleicht einen Tick zu effektsicher, pointiert oder gar putzig daherkommt, nicht täuschen: Bei genauerem Hinsehen zeigen sich feine Haarrisse in der polierten Oberfläche des Romans, die sich jederzeit verbreitern können. Nirgends wird das deutlicher als in den oft seitenlangen Dialogen. Wie hier Menschen, die in unterschiedlichem Maße aus der Spur und von der Rolle sind, aneinander vorbeireden, wie sie einander ins Leere oder auflaufen lassen, das ist außerordentlich genau und gut gearbeitet. Hier hat jemand mehr als nur seine Hausaufgaben gemacht (unter anderem am Leipziger Literaturinstitut), und dass Magnusson bislang – mit Stücken wie Männerhort oder Der totale Kick – vor allem auf dem Theater reüssiert hat, ist angesichts seiner Souveränität im Umgang mit der direkten Rede leicht nachvollziehbar.
Dass Zuhause dennoch nicht als vollkommen geglückt gelten kann, liegt an dem schließlich sogar in Richtung Krimi abdriftenden Familienmelodram, das über die Figur von Larus’ Schulfreund Dagur ins Rollen gebracht wird. Dagur stammt aus einer (einfluss)reichen Industriellendynastie, deren – in seinen Augen – schier unbegrenzte Macht sich aus der isländischen Mythologie speist: Die Benediktssons sollen Nachfahren von Egill Skallagrímsson sein, dem sagenumwobenen Bauernhäuptling aus dem neunten nachchristlichen Jahrhundert, dessen von Snorri Sturluson aufgezeichnete Vita offenbar zum Grundschulwissen jedes Isländers gehört.
Der Plot um die vermeintliche Familienverschwörung, die anscheinend bis tief in die Biografie von Dagurs Kurzzeit-Lover Larus reicht, bürdet dem bis dahin leichtfüßigen Roman Ballast auf, an dem er schwer zu tragen hat. Gewiss, auch das ist alles sehr bedacht entwickelt und hat, wie wir den Unterhaltungen in Matildas Wohngemeinschaft entnehmen können, mit gewichtigen Fragen nach Autorenschaft und Authentizität und dem literarischen Kern aller Genealogie zu tun, aber irgendwie hätte man das doch ganz gern einem der Dutzend interdisziplinären Kolloquien mit poststrukturalistisch aufgekratzten Diplomanden überlassen.
Magnussons Roman hingegen entnehmen wir sehr gern den Hinweis auf die akademischen Geneigtheiten der Birkenzeisige: »Mit ihren empört verplusterten Köpfen und der roten Strähne im Kopfgefieder sahen sie aus, als würden sie, wenn es denn eine Vogeluniversität gäbe, gender studies studieren.« Und wir sind ihm unendlich dankbar für seinen mit Verve vorgebrachten Versuch, den Elfenthematisierungszwang in Sachen Island vielleicht doch noch, wo nicht zu unterbinden, so doch zumindest einzudämmen:
»›Bevor auf Island eine Straße gebaut wird, muss ein staatlicher Elfenbeauftragter herausfinden, ob da auch keine Elfen wohnen. Sonst wird die Straße drumherum gebaut‹, sagte Raphael. Ich wusste nicht, ob er zu Matilda sprach oder zu mir, die wir seit Jahren mit der Angst lebten, von Ausländern auf das Elfenthema angesprochen zu werden. In diesem Sinn waren Elfen für Isländer das, was für die Deutschen die Nazis waren. Mit dem Unterschied, dass es in Deutschland kaum Menschen gab, die behaupteten, kleine Horden androgyner SA-Männer schwebten in ihrem Garten herum und böten bei bestimmten häuslichen Verrichtungen ihre Hilfe an.«
Trotz des ein oder anderen Umwegs legt man das Buch am Ende doch in der Gewissheit aus der Hand, das Debüt eines sehr vielversprechenden Erzählers gelesen zu haben und in dem Verdacht, dass dieser Roman mit einem noch gar nicht fertig ist.
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Leseprobe I Buchbestellung I home 0107 LYRIKwelt © Die Zeit/Klaus Nüchtern
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2.)
Zuhause.
Roman von Kristof
Magnusson (2005, Kunstmann).
Besprechung von Fitzgerald
Kusz in den Nürnberger
Nachrichten vom 22.10.2005:
Weihnachtliche Island-Geheimnisse
Kristof Magnussons „Zuhause“
Es wäre schade, wenn in der Flut der
Neuerscheinungen Kristof Magnussons Roman-Erstling „Zuhause“ untergehen würde.
Magnusson, 1976 in Hamburg als Sohn eines isländischen Vaters und einer
deutschen Mutter geboren, hat erst einmal mit zwei Theaterstücken von sich
reden gemacht. Sein „Männerhort“ kommt demnächst am Berliner Kurfürstendamm
heraus. Sein Roman-Debüt verhalf ihm zu einer Einladung nach Klagenfurt, wo man
ihm jedoch den „Stilwillen“ absprach. Es sei, so der Autor, wie
Schiffeversenken gewesen. Die Verbindung zwischen Unterhaltung und Tiefgang
verstieß gegen das Reinheitsgebot der Jury.
Magnussons Roman hat einen hohen Unterhaltungswert. In atmosphärisch dichten
Bildern fängt er die vorweihnachtliche Tristesse Reykjavíks ein. Lárus,
Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans, Ende zwanzig, schwul, muss so einiges
vergessen. Sein Freund Milan hat sich von ihm getrennt, aber insgeheim hegt er
die Hoffnung, dass er trotzdem noch nach Island kommt, um mit ihm, seiner
Jugendfreundin Mathilda und deren Freund Sven Weihnachten zu feiern. Mathilda, Lárus’
Seelen-Schwester, hat sich aber von Sven getrennt. Er sei zu „perfekt“
gewesen. Wie zu erwarten war, kommt Milan natürlich nicht. Mathilda und Lárus
suchen Trost im Alkohol und in den Songs der „Smiths“.
Der Roman, der im elegischen „Werther“-Ton beginnt, wird aber bald immer
mehr zu einem Island-Krimi, mit allen Ingredienzien, die zum Genre gehören. Lárus
erfährt, dass er laut isländischem Melderegister für tot erklärt wurde und
deswegen keine Videos ausleihen darf. Dann brennt das Haus Dagurs ab, ein Freund
aus Kindertagen. Dagur verliebt sich Hals über Kopf in Lárus. Weil er keinen
anderen Ausweg mehr sieht, rast er mit seinem Defender in eine Raststätte. Mit
Dagurs Selbstmord kommt ein Stein ins Rollen: Lárus kommt dem Geheimnis von
Dagurs Familie auf die Spur. Es stellt sich heraus, dass er auch selbst in diese
isländische Saga mitverwickelt ist. Weihnachten wird zu einem Albtraum, aus dem
es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt . . .
Magnusson hat gut daran getan, sich nicht um den von Reinheits-Aposteln
verordneten „Stilwillen“ zu scheren. Er passt auch nicht in das Raster der
Popliteratur. Man darf auf seinen zweiten Roman gespannt sein.
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Leseprobe I Buchbestellung 1005 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten
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3.)
Zuhause.
Roman von Kristof
Magnusson (2005, Kunstmann).
Besprechung von Christine Diller aus dem Münchner Merkur,
7.3.2006:
Gesellschaft
für Liebeskranke
Kristof Magnussons Krimi über einen,
der gehen lernt
Lárus ist im Kopf gehbehindert. Wie das sein kann? Als der kleine Isländer in Reykjavik in die Schule kam, da wollte er sich von den vielen anderen Kindern unterscheiden und fing an zu humpeln. Bis der Dobermann einer Klassenkameradin quer über den Schulhof auf ihn zuschoss, er wegrannte und die Schmach riesengroß war.
Metaphern aus der Vogelwelt
Lárus hatte das längst vergessen. "Erinnern war noch nie meine Stärke. Einige wenige Sachen erinnere ich gerne und immer wieder, aber ansonsten bin ich bisher mit Vergessen gut durchs Leben gekommen. Nun jedoch gibt es Dinge, an die ich mich nicht erinnern möchte und die ich trotzdem nicht vergessen kann." Und diese Dinge hindern Lárus daran, weiterzugehen. Weshalb ihm sein einstiger Mitschüler und flüchtiger Geliebter Dagur nicht ganz zu Unrecht vorwirft, im Kopf gehbehindert geblieben zu sein. Lárus, Ich-Erzähler in Kristof Magnussons Debütroman "Zuhause", muss gehen und die Richtung finden lernen in diesem Buch, das seine Hauptfigur zwischen einem isländischen und einem deutschen Zuhause herumirren lässt.
Man hört es schon am Namen des Autors: Auch er hat einen isländischen Vater und ist in Deutschland aufgewachsen wie Lárus Lúdvígsson, der allerdings erst als Kind Island verließ. Jetzt kehrt Lárus, wie so oft vorher, nach Reykjavik zurück, um mit seiner Sandkastenfreundin Matilda und eigentlich auch mit deren sowie mit seinem eigenen Freund Weihnachten zu feiern. Doch beide Beziehungen sind zuvor zerbrochen. Und was Lárus, der Vogel-Dokumentarfilmer und Menschen-Nichtkenner, stattdessen erlebt, ist weder friedvoll noch besinnlich, aber exzessiv und gefährlich und wird von dem 30-jährigen Kristof Magnusson, der auch schon beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt vortragen durfte, witzig, geistreich und mit lustigen Metaphern aus der Vogelwelt beschrieben.
Und weil Lárus und Matilda dauernd in Kneipen herumhängen, viel trinken und viel rauchen, weil Song-Zitate manchmal ihre Gedanken kommentieren und der hochkomische, selbstironische Anfang des Buches doch eher an der Oberfläche ihrer melancholischen, ein wenig eitlen Befindlichkeiten verläuft, könnte man meinen, man habe es mit einer neuen Variante der schon gestrig gewordenen Popliteratur zu tun.
Aber Magnusson begibt sich hinab in die tiefsten Tiefen dieses Lárus, hinein in die tragischen, vielschichtigen Konflikte mit dem Ex-Freund Milan und der um ein Haar auch Ex-guten-Freundin Matilda. Und aus einer zunächst nebensächlich erscheinenden, sagenumwobenen Familiengeschichte um den mächtigsten Unternehmer Islands wird plötzlich das Hauptthema des Buches und aus diesem ein wahrer Krimi. Geheimnisvolle Tonfigürchen, uralte Pergamente, eine überzogene Familienehre und lebensgefährliche Sprünge aus fahrenden Autos - trotz abenteuerlicher Konstruktionen erzählt der Autor doch eine halbwegs plausible Tragödie über den Zerfall eines Machtmythos'. Bei alledem lernt Lárus gehen: in sich, in seine Vergangenheit.
An eine seltsame Zürcher Gesellschaft für Liebeskranke richtet er seine auf die hellen Stellen, auf Berge und Buchten eines Busfahrplans geschriebenen Briefe. In denen er sich an seine eigene Vergangenheit erinnert, aufrichtig, lustig, herzzerreißend.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0306 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur