Ziemlich viel Mut in der Welt.
Gedichte und Geschichten von Marie Luise Kaschnitz (2002, Insel, hrsg. Elisabeth Borchers).
Besprechung von Angelika Overath in Neue Zürcher Zeitung vom 18.7.2002:

Wie jetzt alles anders ist
Ein Lesebuch mit Lyrik und Prosa von Marie Luise Kaschnitz

Wenn alles gut geht, ist das Alter unser letztes Abenteuer. Und am Ende bleibt noch eine dankbare Verbeugung vor dem, was das eigene Leben war. Marie Luise Kaschnitz, Jahrgang 1901, ist am 10. Oktober 1974 in Rom gestorben. Zwei Tage später hätte sie auf der Frankfurter Buchmesse die Feierlichkeiten zum 75-jährigen Bestehen des Insel-Verlags eröffnen sollen.

Ihr letzter Text, «Rettung durch die Phantasie», in dem sie erklärt, es liege in der Natur des Menschen, durch die Imagination erlöst zu werden, ist nun wiederzulesen in einer schönen kleinen Kaschnitz-Anthologie, die als Nachgabe zum hundertsten Geburtstag der Dichterin erschien. Wenn die Herausgeberin Elisabeth Borchers gleich zu Beginn ihres Vorworts schreibt, ein solches Lesebuch wolle «einen Überblick verschaffen über ein Gesamtwerk, das allzu welt- und weiträumig ist, als dass man sich mühelos zurechtfände», dann verspricht sie zu viel. Und zu wenig. Dieses Kaschnitz-Lesebuch versammelt eine sehr persönliche Auswahl aus dem Werk einer der grössten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Einen orientierenden «Überblick» gibt es nicht.

Hier kommuniziert eine grosse alte Dame der Literatur, Herausgeberin, Lektorin, selbst Lyrikerin, mit einer bewunderten Dichterkollegin. Elisabeth Borchers hat viele junge Lyriker betreut; Marie Luise Kaschnitz ihrerseits war die Erste, die nach dem Krieg Gedichte eines unbekannten deutschen Juden veröffentlichte. Als Paul Celan 1960 den Büchnerpreis erhielt, war sie es, die die Laudatio sprach. Ihre umfangreichen Tagebücher sind auch pointenreiche Streifzüge durch den Literaturmarkt ihres Jahrhunderts.

Abschiednehmen vom Selbst

Das Kaschnitz-Lesebuch von Elisabeth Borchers versammelt Essays, autobiographische Aufzeichnungen, Erzählungen, Gedichte und Tagebuchnotate, deren Themen im weitesten Sinn das Altwerden und Altsein umkreisen. Es verhandelt das zunehmende Abschiednehmen «auch von uns selbst» (Borchers) und trifft damit in jene Kernerfahrung von Verlust, die zu den Bedingungen des Schreibens zählt. Natürlich veralten die Grundfragen der menschlichen Existenz nicht: «Vom Ich» oder «Von der Gotteserfahrung», und doch wäre es für den Leser der Gegenwart hilfreich zu wissen, dass diese einleitenden Texte, ebenso wie «Vom Hunger», während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Ihre historische Eingebundenheit würde ihr Profil verstärken: «Das Elend erscheint zunächst bequem. Bequem im handgreiflichen Sinne - die mühsam zu putzende silberne Teekanne mag hier als ein Inbegriff stehen für eine ganze, in ihrer Schönheit so anspruchsvolle versinkende Welt», schreibt die Tochter des preussischen Generalobersten Adolf Max Freiherr von Holzing-Berstett und Ehefrau des Archäologieprofessors Guido Freiherr Kaschnitz von Weinberg.

Da die Anthologie nur mittels Seitenangabe auf die Gesamtausgabe verweist, kann der Leser nicht nachvollziehen, aus welchen Werken die genommenen Abschnitte und Verse stammen, und damit auch nicht, aus welcher Zeit sie sind (einzig die wenigen Passagen aus den «Tagebüchern» wurden nach Jahren geordnet). Der grösste Teil der ausgewählten Gedichte ist dem letzten zu Lebzeiten erschienenen Gedichtband, «Kein Zaubergespräch» (1972), entnommen. Auch die Auszüge aus der autobiographischen Prosa «Tage, Tage, Jahre» (1968), «Steht noch dahin» (1970) und «Orte» (1973) stammen von einer Dichterin, die die bürgerliche Pensionsgrenze überschritten hat. Marie Luise Kaschnitz aber begann bereits nach Vollendung des 35. Lebensjahrs, in jener mythischen Mitte des Lebens, mit ihrem Tagebuch; die ersten Gedichte schrieb sie als 18-Jährige.

Das Alter als Balkon

Unter einer Eintragung «30. März» lesen wir: «Die Angstträume des beginnenden Alters sind nichts als Übertreibungen von bereits im Keime vorhandenen körperlichen Behinderungen oder geistigen Herabminderungen, deren man sich im wachen Zustand vielleicht noch gar nicht bewusst geworden ist.» Analysiert dies so klar eine 30-Jährige, eine 40-Jährige, eine 50-Jährige? Wer die Gesamtausgabe bemüht, erfährt, dass das Zitat aus «Tage, Tage, Jahre» stammt; Marie Luise Kaschnitz, die das Alter nicht als «Kerker», sondern als «Balkon» empfand, war, als sie vom «beginnenden Alter» schrieb, etwa 67 Jahre alt.

Das Kaschnitz-Lesebuch erlaubt einen Eintritt in eine vergangene Welt und in eine Welt des Vergehens. Das wunderbare Prosaherz des Buches ist die «Beschreibung eines Dorfes» (1966). Einer inversen Schöpfung gleich plant ein Ich, wie es in 21 Arbeitstagen die empfindsame Bestandsaufnahme einer ländlichen Gemeinde im Breisgau leisten will. Indem es imaginiert, was an Wesentlichem zu beschreiben sein wird (also die Gerüche, die Klänge, der Friedhof und der Obstanbau, immer wieder die Topographie aus wechselnden Blickwinkeln und jene unauffälligen Menschen mit ihren geheimen Biographien), hebt es an zu einem rhapsodischen Singen, das die einstige Lebensweise bewahrt, indem es die gegenwärtige ernst nimmt. Staunenswert ernst wie die Chrysanthemen in den neuen Glashäusern, deren Wachstum bei künstlichem Nachtlicht verzögert werden soll, so dass «infolge dieser Massnahme auf dem grossen Gelände zwischen Bach und Nebenstrasse nachts weisse Helligkeit herrscht, Festplatzglanz, den eine eingestellte Stoppuhr plötzlich zum Erlöschen bringt». Kaschnitz, die sich eine selbstverständliche Mühe mit silbernen Teekannen geben konnte, ist auch als Poetin eine Perfektionistin der Behutsamkeit.....Fortsetzung

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