Zephyr von Albert Ostermaier, 2008, Suhrkamp

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Zephyr.
Roman von Albert Ostermaier (2008, Suhrkamp).
Besprechung von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 18.2.2008:

Troubadour der Fortpflanzung

„Von der Lyrik verdammt verzogene Kerle. Hochstapler der Schwindelei!” ­ sagt Gilles, der Drehbuchautor, zu seinem Freund Castello. Beide lümmeln sie gleichermaßen träge am Swimmingpool der angemieteten Luxusvilla in St. Tropez.
Vordergründig gilt die Lyrik-Attacke dem französischen Sängerstar der Rockband „Noir Désir”, Bertrand Cantat, der in durchzechter und durchgekokster Nacht in einem Hotel in Vilnius seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Marie Trintignant, die er wie keine andere liebte, erschlagen hat.
Diese „Sänger von Liebesliedern” ­ „Troubadoure der Fortpflanzung! 365 Tage Frühling im Jahr!” Eine zynische Häme, die auch vom Autor jener Zeilen durchaus selbstironisch gemeint sein dürfte.

Albert Ostermaier (41), der Münchner Lyriker und Stückeschreiber, hat seinen ersten Roman vorgelegt: „Zephyr”, vital im Stil, kraftvoll im Ausdruck, in der Handlung permanent die Ebenen wechselnd zwischen der Wirklichkeit der Gegenwart, der irrealen Vorstellungswelt der zentralen Figur Gilles und der real stattgefundenen, zurückliegenden Geschichte des prominenten Mordes.

Dazu immer noch ein bisschen Ostermaier pur. Die erste Hälfte des Romans strotzt nur so vor plastischen Lyrismen, Wort-Ornamentik und expressionistischen Dialogen. Hinter jedem Wort ein Abgrund. Hinter jedem Satz das Chaos. Gegen Ende findet Ostermaier zu fließendem Stil ­ und sein Hauptdarsteller Gilles immer mehr zu sich selbst. Eine Prosa, nach der man süchtig werden könnte. Vorausgesetzt man bekennt sich zur eigenen winzigkleinen poetischen Kitsch-Ecke im sonst so abgebrühten Herzen. Denn auch Ostermaier gibt sich nicht ganz kitschfrei dem Sog der starken und gefühligen Wortbilder hin. Und man folgt ihm nur zu gern bei Sätzen wie diesen: „Der Eisregen fällt gefrorenen Tränen gleich aus dem Himmel, dessen Azur dem Schwarz der Nacht weichen musste.” Man genießt sie wie ein Zuckerstückchen, das der Autor übrigens selbst einst für würdig fand, in einem Theaterstück den Hauptpart zu übernehmen.

Zurück zu „Zephyr”. Mit dem Titel ist nicht nur eine Pariser Szene-Bar, „bekannt für Austern um Mitternacht”, gemeint. Ostermaier schwingt sich mit dem Titel und den daraus folgenden Anspielungen und Zitaten vielmehr hinauf in die symbolträchtigen Höhen der Antike, in der Zephyros, der Westwind, keine geringe erotische Rolle spielt. Ein bisschen hochtrabend vielleicht, bewahrt doch der Ausflug in die Mythologie der Götter und Halbgötter den Autor vor dem Abrutsch in die Kolportage.

Worum geht‘s in dem Roman? Der Schriftsteller Gilles hat den Auftrag, ein Drehbuch zu schreiben: die wahre Geschichte über Marie und Bertrand. Irgendwie gelingt es ihm nicht, diese spektakuläre Beziehungskiste in den Griff zu bekommen; denn er hat das eifersüchtige Gefühl, dass seine eigene Beziehung, die Ehe mit Cathy, selbst nicht krisenlos ist. Bei dem Versuch, das Private wie auch den schriftstellerischen Auftrag und die Recherche dazu zu bewältigen, verwischt sich in seiner Fantasie immer wieder die eigene Situation mit der des gewalttätigen Rockstars.

Ein psychisches Desaster, das noch verstärkt wird durch jenen Swimmingpool in der gemieteten Villa, in dem eine Leiche gefunden wurde. Real? Oder nur die aus dem Film „La Piscine” mit Romy Schneider und Alain Delon, der vor vielen Jahren genau an diesem Ort gedreht wurde? Alles wird immer undurchschaubarer. Was hat es mit dem Kommissar auf sich, der Gilles besucht? Und wo ist der Immobilienagent geblieben, der gerade noch am Pool saß? Ist der vertraute Freund und Lebenshelfer Costello tatsächlich freiwillig verschwunden? Und warum schläft Cathy so tief und fest auf dem Bauch mit einem Kissen über dem Kopf? Was den Autor von „Zephyr” bewegt: Wie sehr verwandelt sich ein Schriftsteller, in diesem Fall der aus Ostermaiers Roman, in den „Helden” seines literarischen Produkts, also in Bertrand, dessen Geschichte Gilles zu schreiben versucht? Spuren, denen der Leser bedingungslos auf der Spur bleibt.

Ostermaiers Romandebüt: ein raffiniertes, immer spannender werdendes Vexierspiel. Dazu hat dieser Münchner Dichter noch den Mut, sich aus der vielfach gespiegelten Fiktion und mehrfach gebrochenen Wirklichkeit selbst nicht herauszuhalten. Darin liegt die verführerische Besonderheit dieses Buchs.

Zur Buchpremiere am kommenden Samstag veranstalten das Bayerische Staatsschauspiel eine Lesung mit Nina Kunzendorf, Herbert Grönemeyer, Stefan Hunstein, Axel Milberg und Thomas Thieme (Marstall, 22 Uhr).

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Zephyr von Albert Ostermaier, 2008, Suhrkamp2.)

Zephyr.
Roman von Albert Ostermaier (2008, Suhrkamp).
Besprechung von Anja Hirsch in der Frankfurter Rundschau, 3.4.2008:

Nur noch im Abspann ihrer Liebe
Albert Ostermaier debütiert als Romancier

Vier Jahre ist es her, da schlug Bertrand Cantat, Sänger der Kultband "Noir Désir", auf die Schauspielerin Marie Trintignant in einem Hotel in Vilnius ein. Die Nacht verbrachte er telefonierend neben der Komatösen, von der er dachte, sie schlafe nur. Sie starb kurz drauf im Krankenhaus - bis vergangenes Jahr saß Cantat für seine Eifersuchtstat in Haft. Aus Liebe hatte der Sänger seine Freundin zu Dreharbeiten nach Litauen begleitet, für sie gar seine schwangere Frau verlassen. Trintignant ihrerseits brachte vier Kinder von drei Vätern mit ein. Der Clan soll sich gut verstanden, der Sänger aber nicht so recht hineingefunden haben.

Der tragische Fall des sonnigen Vorzeigepaars bewegte die Medien wochenlang. Dass ein Theater-Autor wie Albert Ostermaier seinen ersten Roman um diesen Stoff kreisen lässt, verwundert kaum. Doch in "Zephyr", benannt nach dem Namen des Pariser Lieblingslokals des Paars, benannt auch nach dem Wind "aus dem Land der Finsternis", geht es von Anfang an um ein ganz anderes, um ein viel älteres Drama.

Ostermaier, bekannt für Lyrik und verschlungene Theatertexte, verlegt den Konflikt in seine Hauptfigur, die zunehmend unter Wahrnehmungsstörungen leidet. Gilles quält der Auftrag, für die Verfilmung des Falls Bertrand-Marie ein Drehbuch schreiben zu müssen. Mit seiner Freundin Cathy ist er ans Meer geflüchtet, um Blockaden zu lösen und die eigene Beziehung vorm Alltäglichen zu retten. Denn "er hatte immer davon geträumt, sie in den Wellen zu lieben". Jetzt flüstert er ihr ins Ohr: "Wir sind zwei Magneten, wir werden uns immer finden." Gut, dass sie solche Sätze nicht mehr hören muss. Denn Gilles hat ihr bereits auf der ersten Seite des Romans ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. "Wie tief sie schläft, sagte er sich. Er fror. Du bist kalt."

Das Leben als Film

Das Hineinwuchten in einen hochartifiziellen Raum ist das Programm vieler Ostermaier-Dramen: lustvoll an der Schraube der Fiktionalität zu drehen, bis auf gar nichts mehr Verlass ist. Hat Gilles Cathy wirklich erstickt? Fragen zu stellen, nicht zu lösen, ist Anliegen des Romans, der keineswegs Krimi sein will. Eher schon ist "Zephyr" postdramatisches Theater in Prosaform, durchsetzt mit monströsen Dialogen, bei denen man nicht immer wissen soll, wer spricht.

Diese Erzählstrategie verfolgt sehr durchschaubar den Zweck, die zunehmende Verwirrung Gilles zu demonstrieren. Ein Kommissar, bei dem Gilles viele Zigarettenlängen verbringt, gerät dabei zu einer Kreuzung aus Columbo und Therapeut; Gilles bester Freund Castello, der ursprünglich anreiste, um das Paar zu retten, hat vielleicht mal mit Cathy geschlafen oder ist mit einem Auto, das seltsamerweise vor dem Haus steht, von der Klippe gestürzt oder einfach nur abgereist.

So wichtig ist das aber eigentlich alles nicht, denn Ostermaier umgibt seinen vorwiegend orientierungslos sich selbst zernagenden und schließlich vor dem Leben resignierenden Helden, der immer mehr Whiskey in sich hineinschüttet, mit Figuren, die ihm bald nur noch Projektionsfläche für seine erfundenen Wirklichkeiten sind. Manchmal fällt ihm das selber auf, und ihm gelingt eine Art Selbstberuhigungsprogramm ("Nein, er durfte ihr Leben nicht schon wieder in einen Film verwandeln"); manchmal übernehmen das andere für ihn und drängen auf professionelle Hilfe.

Schreib-Paranoia ist das eigentliche Drama und der Roman nur ein weiterer Baustein im offenbar nimmer enden wollenden Genie-Wahnsinns-Diskurs. Die Originalgeschichte einer Besessenheit von der Frau verarbeitet Ostermaier zur faden Kopie einer Besessenheit vom Stoff.

Vergebens sucht man einen originellen Ton für das alte romantische Thema. Gilles fehlt es eben an Genie, und das liegt vor allem an abgegriffenen Metaphern: "Längst wurde er nur noch im Abspann ihrer Liebe genannt." Das bremst letzte Leidenschaften noch vor dem Fall. Ostermaiers Figuren sind einem kaum vertraut, da greifen sie bereits in die Satzkiste und mutieren zu austauschbaren Serienstars.

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Zephyr von Albert Ostermaier, 2008, Suhrkamp3.)

Zephyr.
Roman von Albert Ostermaier (2008, Suhrkamp)
Besprechung von Ursula März aus DIE ZEIT, 3.7.2008:

Der eiskalte Engel
Abschied ist nur ein Mord: Albert Ostermaier erzählt von Marie Trintignant und Bertrand Cantat, die sich liebten, bis er sie erschlug

Über diesen Roman weiß man schon durch den Titel ziemlich viel. Er heißt: Zephyr. So heißt auch eine Bar in Paris. Bekannt wurde diese Bar durch die Berichterstattung über den Tod Marie Trintignants. Im Sommer 2003 wurde die französische Schauspielerin in einem Hotel in der litauischen Hauptstadt Vilnius von dem französischen Rockstar Bertrand Cantat totgeprügelt. Die Bar Zephyr spielt am Rande des Sensationsfalles insofern eine Rolle, als die Szene um die Rockband Noir Désir und ihr Frontmann Bertrand Cantat dort regelmäßig verkehrten. Zephyr indes heißt auch eine griechische Gottheit der klassischen Sagen. Er ist der schnellste, wildeste der Winde, und, so wird in einigen Sagensammlungen erwähnt, Zephyr hatte eine Geliebte mit dem Namen Chlorus.

Für die Presse war es ein Sensationsfall, für den Autor ist es purer Stoff

Damit wären wir beim Stichwort. Das Chlor befindet sich im Swimmingpool einer Villa an der Cote dAzur, die in Albert Ostermaiers Roman Zephyr von einem vermutlich deutschen Paar angemietet wurde. Das verchlorte Wasser ist einer der vielen kleinen Streitpunkte des Paares. Die beiden sind an dem Punkt angelangt, an dem Streit im Schweigen weitergeht. Der Aufenthalt im warmen Süden soll die ermattete Liebe des Paares retten, und er soll den Mann, einen Drehbuchautor, zum Schreiben inspirieren. Er arbeitet an einem Drehbuch zum Fall Trintignant/Cantat. Die Villa wiederum ist nicht irgendeine Villa. Hier fanden in den siebziger Jahren die Dreharbeiten zu dem Film La Piscine mit Romy Schneider und Alain Delon statt. Auch ihre Liebe war zu diesem Zeitpunkt schon passé. In Ostermaiers Roman spielen sie nur eine Nebenrolle: als Bestandteil einer exzessiven literarischen Überblendungs− und Verspiegelungsanlage, in der sich Zitate, Zeichen, Gesichter und Namen, Kinobilder, Kinomythen, erzählte Fiktion, Realität und Realmythen kurzschließen. Man muss sich diesen Roman wie eine große Schmelzwerkstatt vorstellen. Man kann, um seine poetische Technik zu verstehen, auch die Physik befragen. Denn auch dort gibt es den Begriff Zephyr. Es ist die Abkürzung für: Zündexperiment für die Physik im Reaktor. Und wenn der Brockhaus recht hat, bezeichnet Zephyr speziell eine nach dem »Tokamak−Prinzip konzipierte Fusionsmaschine«.

Ebendas, eine Fusionsmaschine, ist der Roman des renommierten Lyrikers und Dramatikers Albert Ostermaier, der einmal äußerte: »Manchmal komme ich mir vor wie eine Jukebox.« Seine Leidenschaft für den französischen Film noir dokumentierte er mit dem vor zwei Jahren erschienenen Gedichtband Polar, in dem er sich in die Filme Melvilles, Derays und anderer regelrecht hineinschrieb. Zephyr ist ein unmittelbares Fortsetzungsprojekt dieser Gedichte mit den Mitteln der Erzählung. Ostermaiers Stärke ist die Mischung aus illusionsloser Kühle und erregtem Hochdrucksound. Seine Sätze wirken wie permanent unter Strom und zugleich wie aus dem Eisfach. Es soll nicht zynisch klingen: Aber der Fall Trintignant/Cantat, das Gemenge aus Amour fou und Brutalität, aus überzüchtetem Medienglamour und hemmungsloser Triebhaftigkeit lief auf das künstlerische Naturell Ostermaiers fast zwingend zu. Er wird nicht der Letzte sein, den es in den Fingern juckt, aus der französischen Skandalgeschichte eine Erzählung oder einen Film zu machen. Aber er ist der Erste, der die Kühnheit besitzt, den eklatanten, höchst öffentlichen Fall als Parallelmaterial für die Geschichte eines Dutzendpaares mit einem Dutzendproblem in einem Dutzendurlaub an der Côte dAzur zu verwenden.

Gilles und Cathy, so heißen die beiden Urlauber, sind vom Lieben zum Belauern übergegangen. Sie schützt, wenn sie mit ihm nicht schlafen will, nicht Kopfweh vor, sondern ihren Widerwillen gegen das auf seiner Haut klebende Chlor aus dem Poolwasser. Um die beiden herum gruppiert sich eine Handvoll Nebenfiguren, die eine rege assoziative Vetternwirtschaft mit Filmfiguren und filmischen Mordfällen betreiben. Alle sind oder haben sie Doppelgänger in der Gesellschaft des Imaginären. Leicht könnte Ostermaiers Roman an alberner Anmaßung scheitern. An der Fallhöhe zwischen der realen Tragödie, die sich in Vilnius ereignete, und dem literarisch ausgedachten Generve an der Côte dAzur. Das ist nicht der Fall. Aus einem einfachen Grund: Der Erzähler postiert die Fusionsmaschine im Kopf der männlichen Hauptfigur Gilles. Als Drehbuchautor ist er der wandelnde Tagtraum. Dass sich in seinem Kopf die Grenzen zwischen verschiedenen Realitäten und Fiktionssphären aufheben, er probeweise mit Cathy spricht, wie Bertrand Cantat vielleicht mit Marie Trintignant gesprochen hat, ist verwirrend, aber plausibel. Der Leser weiß nie, wo, ob in Vilnius, an der Côte dAzur oder im Drehbuch, und woran er eigentlich ist, wer hier was auf welcher Ebene sagt. Aber so ist es ja von der literarischen Fusions− und Verblendungstechnik auch gemeint.

In diesem Roman ist alles fiebrig, exzessiv, vernetzt und verspiegelt

Nein, Zephyr leidet an einer anderen Schieflage, an einer Art Bürokratismus seiner Zeichenbündelung. Am Übersystematischen des ganzen Verweisens, Verspiegelns, Vernetzens. Die heimliche Hauptfigur des Romans ist seine Erzähltechnik. Mit dem Erzählmodus und dem Erzählton fiebriger Exzessivität indes verträgt sich diese Überdeutlichkeit der Technik schlecht. Ein bisschen wirkt Zephyr wie eine penibel durchgeplante Orgie. In diesem Widerspruch steckt die Aporie des Unternehmens. Der technische Overkill erschöpft sich literarisch nach knapp hundert Seiten. Der Roman ist aber mehr als doppelt so lang.

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Leseprobe I Buchbestellung 0708 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März