Zeit des Herbstes.
Biographie über Nikolaus Lenau,
(2002, Deuticke, hrsg. Michael Ritter).
Besprechung von Hans-Albrecht Koch in der Neue Zürcher Zeitung vom 13.08.2002:

Der arme Niembsch
Zum 200. Geburtstag des Dichters Nikolaus Lenau

«Eher klein als gross, aber stämmig, um die Schultern breit; von vortrefflicher Lunge und Brust, mit sehnigen Armen und Beinen; dazu voll Mut und Verwegenheit und stets ein gewaltiger Herr des Worts», so schilderte sein Schwager Anton Schurz die so gar nicht zu seinem Weltschmerz passende äussere Erscheinung des Dichters Franz Nikolaus Niembsch, der am 13. August 1802 als Sohn eines abgedankten Offiziers zu Csatád bei Temesvar im damals ungarischen Banat geboren wurde. Als der Knabe vier Monate alt war, verstarb seine älteste Schwester, Magdalena: Im Morgengrauen erhielt die am Leichnam des Kindes wachende Mutter den Besuch von zwei Herren, welche die Schulden eintreiben wollten, die der abwesende Vater in der Nacht beim Kartenspiel gemacht hatte. Seine Frau hatte ihn geschickt, um den Arzt an das Bett des mit dem Tode ringenden Kindes zu rufen.

Der unbekannte Ungar

«Mensch, du fliehst mit deinem Schmerz / an die heimatlichste Stelle, / an des Trostes reinste Quelle, / flüchte an das Mutterherz! / Doch die Mütter sterben bald», dichtete Niembsch später. Er schloss sich an die Mutter, die sich nach dem frühen Tod des Vaters 1811 erneut verheiratete, so eng an, dass die Bindung pathologische Züge annahm. In Pest besuchte er das Gymnasium, bevor er 1818 für einige Jahre zu den Grosseltern nach Stockerau bei Wien zog. Über zehn Jahre verlor er sich an wechselnden Orten (Wien, Pressburg, Ungarisch-Altenburg und Heidelberg) ziellos bald in dieses, bald in jenes Studium: Landwirtschaft, Jurisprudenz, schliesslich Medizin - alles ohne Abschluss. Von dem Grossvater, der 1821 als Edler von Strehlenau nobilitiert worden war, erbte der künftige Dichter das Adelsprädikat, von dem er sein Dichterpseudonym ableitete. Seit den zwanziger Jahren verfasste er Lyrik, 1828 veröffentlichte er, 1831 fand er auf einer Reise nach Württemberg rasch die Anerkennung einflussreicher Autoren wie etwa Gustav Schwabs, in dessen Haus der «unbekannte Ungar» drei Monate zu Gast war. Württemberg wurde fortan neben Wien zum zweiten Brennpunkt seines unruhigen Lebens. Schwab vermittelte auch den Kontakt zu dem Verleger Cotta, in dessen angesehenem «Morgenblatt für die gebildeten Stände» Lenau bald regelmässig veröffentlichte.

Als Leitmotiv zieht sich obsessiv durch alle Dichtungen Lenaus die Schwermut: «Friedhof der entschlafnen Tage, schweigende Vergangenheit! Du begräbst des Herzens Klage, ach, und seine Seligkeit!» Weltschmerz als Ostinato! Lenau wusste wohl, dass diese Neigung beides war: poetisches Kapital, aber auch pathologische Gefährdung. An Justinus Kerner schrieb er einmal: «Helfen Sie mir von dieser Schwermut, die sich nicht wegscherzen, nicht wegpredigen, nicht wegfluchen lässt. Mir wird oft so schwer, als ob ich einen Toten in mir herumtrüge. Helfen Sie mir, mein Freund! Die Seele hat auch ihre Sehnen, die, einmal zerschnitten, nie wieder ganz werden. Mir ist, als wäre in mir etwas zerrissen, zerschnitten.»

Auch diesen Träumer verlockte der damals allgemeine Traum, er könne der «Seele Frühling» in Amerika finden. Im Oktober 1832 schiffte er sich in Amsterdam zur Überfahrt nach Baltimore ein. Doch bald nach der Ankunft fand er sich in einem «Land voll träumerischem Trug, / auf das die Freiheit im Vorüberflug / bezaubernd ihren Schatten fallen lässt», wie es in dem Gedicht «Urwald» heisst. Jedes erreichte Ziel wird ihm, dem Depressiven, der immer auf der Flucht vor sich selber ist, zu neuer Täuschung, Täuschung die einzige Konstante. Nach dem Leben hascht er so vergeblich wie jener Unglückliche, der sein Spiegelbild im Wasser zu umarmen versucht: «Dann bin ich still und tot, wie dieser Baum, / der Seele Frühling war, wie seiner Traum.» Auf die harten Anforderungen, die Amerika an Listenreichtum und Pioniergeist jedes Einwanderers stellte, war Lenau nicht vorbereitet. Ein Land vom «zwiefach bittern Tod» besang Lenau in dem Gedicht «Der Urwald», ein Land, «das ihn hält in tausend Bildern fest; / Wohin das Unglück flüchtet ferneher / Und das Verbrechen zittert übers Meer; / das Land, bei dessen lockendem Verheissen / die Hoffnung oft vom Sterbelager sprang, / und ihr Panier durch alle Stürme schwang, / um es am fremden Strande zu zerreissen / und dort den zwiefach bittern Tod zu haben». Mitten auf der Flucht trachtete er nach der Flucht zurück vor der Flucht; Ende Juni 1833 traf sein Schiff in Bremen ein. Immerhin hatte er vor der Rückreise noch die Niagarafälle besucht: «Den der Wandrer fern vernommen, / Niagaras tiefen Fall / hört er nicht, herangekommen, / weil zu laut der Wogenschall.»

Zurück aus der Neuen Welt, fand Lenau sich in einer ganz ungewohnten Lage: Ohne davon zu ahnen, war er während seiner Abwesenheit berühmt geworden. Von materiellen Nöten befreit, öffnete er seine Poetik neuen Anregungen aus der romantischen Dichtung und aus der Philosophie Hegels, welche die dialektische Struktur des späten Gedichtzyklus «Waldlieder» (1844) bestimmt, der die Vermählung des werbenden Geistes mit der umworbenen Natur zum Thema hat. An politische Themen rührten seine Versdichtungen «Savonarola» (1837) und «Die Albigenser» (1842). Nichts in Kunst und Leben hat den Dichter seit 1834, als er die verheiratete Sophie von Löwenthal kennen gelernt hatte, so aufgewühlt und inspiriert zugleich wie die unerfüllte Leidenschaft zu dieser Frau. Zeugnisse des Weltschmerzes nicht nur sind die Briefe der Liebenden, sondern zutiefst auch Symbol. Denn nur im Gewand der Unerfüllbarkeit im Leben hat Lenau an die Vollendung in der Kunst rühren können: «Und als ich musste scheiden / und gute Nacht dir bot, / wünscht ich bekümmert beiden / im Herzen uns den Tod.»... Fortsetzung

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