1.)
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Zeit
aus der Karte.
Gedichte von Christoph
Wenzel (2005, Rimbaud).
Besprechung von Theo
Breuer
aus macondo/Magazin 13, 2005:
Heute ist Samstag, der 30. April 2005, ein Datum, das alles andere als schöne Erinnerungen weckt, doch immerhin, denke ich, bekamen die Deutschen vor 60 Jahren endlich wieder die Gelegenheit, wenigstens den Versuch zu machen, die schwärzeste je erlebte Epoche zu überwinden – was letztlich bis heute nicht recht gelungen ist. Während ich eben am Eßzimmerfenster die mittlerweile vor Schlüsselblumenblüten nur so strotzende Pflanze betrachte, die ich vor vielen Jahren, als sich ein einziges Schlüsselchen zeigte, in einem Gedicht besungen habe, und mich über die vielen Tulpen im ehemaligen Sandkasten der Kinder freue, die nun Tag für Tag ihre verschiedenen Farben offenbaren, sind meine Gedanken gänzlich ungetrübt von schwermütigen Denkwürdigkeiten deutscher Geschichte. Obwohl ich doch unmittelbar davor in Christoph Wenzels erstem Lyrikband zeit aus der karte (Rimbaud, Aachen 2005) von den Gedichten im dritten Kapitel – ein Gedicht ist JÜDISCHES MUSEUM, BERLIN tituliert – in jene unselige Zeit zurückkatapultiert worden bin (in die wir in diesen Tagen ja beständig zurückgeworfen werden ...) Halt! Keine voreiligen Schlüsse bzw. Vergleiche! Denn dies sind keine im engeren Sinne politischen (agitatorischen, aufklärerischen, eindringlichen, moralisierenden) Gedichte. Nein, der 1979 im westfälischen Hamm geborene Christoph Wenzel verfaßt – einfach und wahrhaftig –: Poesie. Empathisch sind diese Gedichte, die den Leser unmittelbar teilhaben lassen an Empfindungen, die Menschen in frohgemuten und unheilvollen Momenten füreinander haben sollten. Sinnliche und intellektuelle Erfahrungen werden umgesetzt in genau gewählte und sparsam verwendete – bedachte – Wörter, in feinsinnige Sprache. So entstehen Christoph Wenzels kleine Gedichtwelten. Jedes Gedicht steht für sich (und löst sich am Ende nicht selten in sich selber auf – wie der Traum, wie der Gedanke, wie das Gefühl, wie das Leben), die Sammlung im ganzen aber wirkt wie eine kunstvoll geglückte Konstellation von Sternen. Das ist das ganze Geheimnis einer Begeisterung, die mich nach der Lektüre dieser über 74 Seiten verteilten 43 Gedichte geradewegs durchflutet, Gedichte, die durchdrungen sind von einer Vielzahl poetischer Spurenelemente, die sie zu komplexen Lyrikgebilden amalgamieren, deren Klarheit, Pointen und Präzision gerade dadurch noch verstärkt wird. Ich möchte das Wort an sich einmal als etwas betrachten, das ich mit dem Zusammenspiel von Schraube und Mutter vergleiche: zu locker ist schlecht, und nach fest kommt locker, wie der Handwerker mir regelmäßig zuflüsterte, wenn ich mir als Schüler bzw. Student in den Ferien ein paar Mark beim Installateur verdiente. Christoph Wenzel dreht an der Wortschraube – aufmerksam, mit geschlossenen Augen und den inneren Ohren lauschend – und hält exakt in dem Augenblick inne, der der offenbare ist für das Zusammenspiel von Schraube und Mutter: Und siehe da – das Wort erstrahlt in neuem Glanz, in unverhoffter Bedeutung, wird direkt und konkret als alltägliches Bild vorstellbar: «in vollen zügen/ genieße ich/ die fahrt/ am wenigsten ...» Nichts Besonderes, natürlich nicht, gerade das ist die Kunst, um die es Christoph Wenzel geht: Er will nicht lyrisch blenden, sondern einfach/e Gedichte machen: äußerlich unspektakuläre, in sich geschlossene Einheiten. Eine Reihe dieser Gedichte sind Meisterstückchen! Hier kann einer lyrische Begabung mit handwerklichem Können und Wissen derart verbinden, daß am Ende feine kristalline Gebilde herauskommen, die mir zu denken und zu fühlen geben, jeweils in umsichtig bemessenen homöopathischen Dosen; dramatisch wird es an nur wenigen Stellen, aber dort geht es mir durch Mark und Bein: «Bruch- und Blutstaben» – was für Wortschöpfungen! Apropos Mark und Bein: Die zarte, leise Art und Weise, wie Wenzel die Liebe und das Lieben vermittelt, ist schlicht und ergreifend. Auch hier geht es ausschließlich um das Gedicht, nicht etwa um voyeuristische Attraktionen. Alliteration, Allusion, (verschränkendes) Enjambement, (Binnen-)Reim, Hysteron proteron («die ersten augen sehen das licht») sorgen für den jeweiligen Klang und Rhythmus, der ins jeweilige Gedicht gehört. Das sitzt, paßt und hat Luft. Ein glänzendes Debüt!
Leseprobe I Buchbestellung 0905 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © macondo/T.B.
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2.)
Zeit
aus der Karte.
Gedichte von Christoph
Wenzel (2005, Rimbaud).
Besprechung von Daniel Ketteler aus dem titel-magazin:
Der Blues der
Sprachverschiebungen
In seinem Lyrik-Debüt glänzt der junge Linguist Christoph Wenzel mit dem
genauen Blick für Sprachbewegungen und Sprachverschiebungen und verwandelt
abgegriffene Floskeln in einen vibrierenden Blues.
„hochstand der sonne: die blendung/ des
kopisten im blick auf die schrift“, steht es einem da plötzlich vors Gesicht
geschrieben. Die blendenden Zeichen, Arbeit am Wort. Christoph Wenzel riskiert
ihn, den Blick in eine unbarmherzige Sonne. Ein Sternensucher bei Tag. Da droht
sich womöglich jemand die Netzhaut zu verkohlen?
Die einleitenden Verse sind Wenzels Debüt entnommen, „zeit aus der karte“,
so der unprätentiöse Titel. Christoph Wenzel, Jahrgang 1979, promoviert
derzeit in Aachen. In der Vergangenheit hat er vornehmlich durch
Zeitschriftenpublikationen und die Herausgabe der neuen Literaturzeitschrift
[SIC] auf sich aufmerksam gemacht, nun also die erste Einzelpublikation: „Zemt“,
ist der irritierende Titel des oben zitierten Gedichtes. Was ist das jetzt
wieder: – „Zemt“!? Wenzel spielt mit den Vieldeutigkeiten, den Polysemen,
der Vagheit unserer Sprache, an der man sich nahezu tagtäglich die Zunge
verbrennt. Der junge Dichter wühlt alte Sprachschichten hervor: „Zenit“,
das Wörtchen sei letztlich die Folge eines Schreibfehlers, so die Fußnote ganz
im Stil eines poeta doctus. Die kleine Notiz, ein Appendix, so unscheinbar unter
das Gedicht drapiert, ist Wenzels Programm. Sprachgewaltige Attitüden sind ihm
fremd, die Dynamik der Deklinationen, Sprachverschiebungen und Schreibbewegungen
wird hier als etwas zutiefst fragiles entlarvt und aufs vorbildlichste
vorexerziert, sind wir doch schließlich alle nur schnöde Kopisten im Dschungel
der „geschichte von drehung und deklination“.
Sprachverschiebungen und Schreibbewegungen
Es wird mit den Assoziationen der Bedeutungsebenen jongliert, nur so kann man
der Blendung einer im Zenit stehenden Sonne entgehen. Der erkenntniskritische
Blick des Dichters muß also um die Ecke schleichen, an der Sonne vorbei, etwa
im Sinne einer Kleistschen Asymptote (Vgl. „Marionettentheater“). So spielen
auch bei Wenzel die geometrischen Formen und Funktionen eine große Rolle. Immer
wieder ist von „Kreisen“ oder „Sinuskurven“ die Rede. Die „schnittkante
über dem bogen“ sei „ein horizont/ und in richtung des kopfes: der zenit“.
Der Schreibakt als eine Denkbewegung. Wie bei einer Marionette bewegt sich die
Hand des Kopisten (= Dichters) über das Blatt. Schon Kleist wußte um die Kraft
des Unbewußten, man muß nur den Kortex ausschalten und die Welt richtig
belauschen, etwa beim Wenzelschen Schreibakt: „samt auf den pergamenten
beinahe/ wie zimt und eine falsche bewegung der hand // setzt den mittag
lotrecht über die zeile“. Auf dem zimtig-samtenen Pergament rutscht die
schweißige Haut des orientalischen Kopisten aus, Resultat ist eine
Sprachfraktur, die Geburt eines neuen Wortes. Aus „Zemt“ ward plötzlich
„Zenit“. Eine autopoietische Kreatur. Der unbekannte orientalische Kopist
als alter ego Christoph Wenzels, ein Proletarier am Wort.
Störanfälligkeiten
Andere Gedichte kommen zunächst locker humorig daher: „DIESES HAUS ist
besetzt/ mit der erinnerung an den klang// meines namens aus der gegen-/
sprechanlage: rhetorisch die frage// ob ich auch sei wer ich bin.“ Die Verse
suggerieren jedoch die Störanfälligkeiten zwischenmenschlicher Kommunikation.
Es ist nur eine hauchdünne Linie (eine Hyperbel?) vom Sender zum Empfänger.
Der Linguist Wenzel weiß: hier droht elektrophysiologischer „Noise“ die
Namen zu verfremden. Die gescheiterte Kommunikation, versinnbildlicht anhand
einer Gegensprechanlage. Interaktion als gegen-einander An-sprechen. Ein Kampf
und: - Ein starkes Bild. Wenzel wagt nicht nur den Blick nach oben in die Sonne,
an der sich die Erkenntniskritiker regelmäßig die Augen verbrennen, ihm ist
auch „ein beherzter griff hinab/ ins vokabular/ für nächtliches“ nicht
fremd. Jetzt wird es also haptisch, der Elfenbeinturm des Gelehrten ist
aufgebrochen: „NACKT durch nacht und nabel läuft die zungenschrift“. Auf
dem Körper bricht die Sprache entzwei. Die Schrift erfährt eine körperliche
Präsenz, die Wenzel virtuos in dem erschütternden „aschbuch“ kulminieren lässt:
„als die schrift und das buch starben/ rauchaufgang. dann/ niederschlag von
bruch- + blutstaben“, eine celansche Reminiszens, ohne falsches, feierliches
Pathos, dezent gesetzt, verhallt sie im Raum historischen Sprachgewirrs.
Kleinschreibung als Verneigung vor der Sprache und Geschichte.
Ein großartiger Band, dem man viele Leser wünscht, ein wahrer Sprachzauber
ergießt sich über den aufmerksamen Leser. Leise prallen die Worte an den
Resonanzkörper Schädeldecke. Tief im Innenohr wird hier die abgegriffenste
Floskel zu einem Blues: „benn-blau/ bläst den blues/ gegen zwölf-/
takt-tiede (...)“.
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