Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen von Hallgrimur Helgason, 2010, TropenZehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen.
Roman von Hallgrimur Helgason (2010, Tropen-Verlag - Übertragung
Kristof Magnusson).
Besprechung von Aldo Keel in Neue Zürcher Zeitung vom 04.05.2010:

Maschinengewehr Gottes
Hallgrimur Helgasons neuer Roman

Der 1959 geborene Isländer Hallgrimur Helgason hat sich als Künstler, Komiker und Schriftsteller profiliert. In seinen Erfolgsromanen «101 Reykjavik» und «Rokland» zeichnete er ein schrilles Bild des jungen Island in Zeiten der Bankenblüte. Bereits glaubte ein Reykjaviker Kritiker, einen künftigen Nobelpreisträger gefunden zu haben. In Helgasons jüngstem Opus, «Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen», berichtet ein kroatischer Auftragskiller als Ich-Erzähler, wie er auf der Flucht vor der Polizei mit dem VIP-Pass und dem Flugticket eines soeben abgemurksten Fernsehpredigers nach Island gerät. Toxic, der in New York für die Mafia arbeitet, reist im Pastorenwams und wird am Flugplatz als Missionar empfangen, um alsbald in einer religiösen TV-Show als Stargast aufzutreten, was eine Kette von Verwicklungen nach dem Muster der Verwechslungskomödie auslöst.

Helgason schildert die Nordmeerinsel durch die Brille des Mafioso, der sich im fremden Land zurechtfinden muss. Seine Optik lässt die isländischen Zustände als bizarr verzerrte verkehrte Welt erscheinen. Da bestaunt der Fremdling die sauberen Toiletten: «Hier kacken Engel.» Und er wundert sich, weil er keine Prostituierten findet: «Sex ist umsonst, dafür ist das Bier arschteuer.» Sprachwitz und ein aufgekratzter Sound zeichnen den Roman aus. Helgason verwendet aber auch Stilmittel, die an die altisländische Skaldik erinnern, wenn er einen Prediger als «Maschinengewehr Gottes» bezeichnet. Der Killer kann es kaum fassen, dass in ganz Island keine Handfeuerwaffen zu kaufen sind und dass die Insel keine Armee unterhält. Gleichzeitig lässt ihm aber die Vergangenheit keine Ruhe, immer wieder quälen ihn Kriegserinnerungen. «Je religiöser dein Land ist, desto wahrscheinlicher wird es Krieg geben.» Weil Gott sich in Island nie habe blicken lassen, sei die Insel am Polarkreis das friedlichste Land der Welt.

Der Schriftsteller Helgason fiel auf dem Höhepunkt der Bankenkrise allerdings dadurch auf, dass er das Auto des Premiers angriff und wie wild auf die Staatskarosse eindrosch. Er schrieb den Roman gerade noch vor Ausbruch der Krise. Dennoch wirkt er bereits heute in mancherlei Hinsicht wie ein Bericht aus alten Zeiten, etwa wenn er Island als teuerstes Pflaster der Welt beschreibt, wo Ausländer sich nur Lebensmittel mit überschrittenem Verfallsdatum leisten können, die ihnen die Supermärkte beim Lieferanteneingang bereitstellen.

Helgason lässt aber auch das Netz der Freundschaftsdienste erahnen, das die Republik mit ihren gut 300 000 Einwohnern zusammenhält. Schon nach zwei Wochen verhilft der gastgebende Missionar, der einen Freund bei der Polizei und einen anderen in der Politik hat, dem kroatischen Killer zu einem isländischen Pass. Gleichwohl landet Toxic in einer Fremdarbeiterbaracke unter Polen und Litauern. Auch hier fährt der befreundete Politiker in seinem Geländewagen vor, um einen Karton Schmuggel-Wodka zu kredenzen, etwa so wie ein Plantagenbesitzer, der weiss, wie er seine Sklaven zu nehmen hat. Wenn aber der Volksvertreter abends die Truppe in einen Strip-Klub führt, wird deutlich, wie radikal die Verhältnisse sich plötzlich ändern können. Erst kürzlich verbot nämlich – und das ist keine Fiktion, sondern Realität – das Parlament Striptease per Gesetz, und zwar ohne Gegenstimme. Kein Zweifel, die Zukunft der Saga-Insel ist feministisch!

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