Zapfenstreich von Ford Madox Ford, 2007, Eichborn1.) - 2.)

Zapfenstreich
Roman von Ford Maddox Ford (2007, Eichborn - Übertragung Joachim Utz).
Besprechung von Rainer Barbey aus dem titel-magazin, 19.9.2007:

Die Leute dürften nicht so schrecklich viel reden“.
Ford Madox Fords misslungener Abschluss seines großen Romanzyklus Ende der Parade.

Ford Madox Ford kann hierzulande fast als eine Neuentdeckung gelten. Der britische Autor, der allein 30 Romane schrieb, mit Joseph Conrad zusammenarbeitete und mit vielen der herausragendsten Schriftsteller seiner Zeit befreundet war, wurde im deutschsprachigen Raum bis vor kurzem entweder kaum oder gar nicht rezipiert. Dies änderte sich ein wenig, als vor wenigen Jahren Die allertraurigste Geschichte, Fords wahrscheinlich bester Roman, der 1915 unter dem Verlagstitel The Good Soldier erstmals erschienen war, von Hans Magnus Enzensberger in seine "Andere bibliothek" aufgenommen wurde. Kurz darauf nahm sich nämlich der Eichborn Verlag der verdienstvollen Aufgabe an, das nach The Saddest Story wichtigste Werk Fords, die große Romantetralogie Ende der Parade ins Deutsche zu übertragen.

Mit Zapfenstreich liegt nun also fast 80 Jahre nach dem Abschluss von Parade’s End eine vollständige Übersetzung des Werkes vor. Allerdings stellt The Last Post (so der Titel der englischen Originalausgabe von 1928) nicht nur den letzten, sondern eindeutig auch den schwächsten Teil von Fords vierbändigem Zyklus dar. Dieser Meinung war zumindest Graham Greene, der Ende der Parade 1963 für die Ford-Ausgabe bei Bodley Head herausgab. Er nahm Zapfenstreich nicht in seine Edition auf und verkürzte so das Romanquartett zur Trilogie. Dabei konnte er sich freilich auf den Autor selbst berufen: Ford Madox Ford distanzierte sich schon kurze Zeit nach der Fertigstellung von seinem Werk und verwahrte sich vehement gegen den Vorschlag, einen Omnibus mit allen vier Romanen herauszubringen. So schrieb er in einem Brief von 1930: „Ich wünsche mir sehr, dass Zapfenstreich für eine derartige Ausgabe nicht berücksichtigt wird. Ich mag das Buch nicht, habe es nie gemocht und hatte immer vor, den Zyklus mit Der Mann, der aufrecht blieb enden zu lassen“ (dass übrigens der Übersetzer in seinem Nachwort diese Äußerung Fords unterschlägt oder zumindest unwissentlich übergeht und Greenes wohlbegründete Entscheidung ungeprüft einen Verrat am Autor nennt, ist bei aller Pflicht zum Selbstmarketing doch ein wenig unredlich).

Graham Greene pflichtete dieser Einschätzung Fords postum bei. Er nannte Zapfenstreich im Vorwort zu seiner Edition eine ästhetische Katastrophe und hat damit leider nur allzu Recht. Denn der Roman wirkt arg geschwätzig, verliert sich bisweilen ins Belanglose und schreckt stellenweise auch vor so manchem Klischee nicht zurück.

Gewiss: Ford handhabt die erzählerischen Mittel der klassischen Moderne auch in Zapfenstreich virtuos: die ständig wechselnden Perspektiven, die Leitmotivtechnik, den Bewusstseinsstrom, die kunstvollen Zeitsprünge. Als misslungen muss aber bereits der Versuch Fords gewertet werden, die erlebte Rede seiner Figuren mit einer ganzen Wagenladung von Bildungszitaten anzureichern und dadurch das Romangeschehen mythisch zu überhöhen. Denn allzu oft erfüllen diese breit gestreuten Anspielungen und Bezüge – mögen sie nun der griechischen Sagenwelt, der Geschichte des revolutionären Frankreich oder den Kunstwerken der italienischen Renaissance gelten – keine Funktion im Text. Sie wirken aufgesetzt, wie Selbstzweck. Während es Joyce ins seinem Ulysses durch die universale Referenz auf Homers Odyssee und den Rest der abendländischen Kunst gelingt, den Alltag zu mythisieren und den Mythos alltäglich zu machen, bleiben Fords Allusionen bloße Lesefrüchte – staubiges Zierobst, das im Roman seitenweise herumsteht und von nichts weiter kündet als der immensen, zugegebenermaßen ehrfurchtgebietenden Gelehrsamkeit des Autors.

In Ende der Parade gestaltet Ford anhand des wechselvollen Lebenslaufes seines Gentleman-Helden Christopher Tietjen, des „letzten Tory“, den unaufhaltsamen Verfall der edwardianischen upper class in den Zeiten des ersten Weltkrieges. Im letzten Teil der Tetralogie, die, respektiert man den Willen des Autors, eigentlich gar keine ist, rückt nun das Schicksal von Mark Tietjen, Christophers Bruder, in den Fokus des Geschehens. Vom Schlag getroffen, als er am Tag des Waffenstillstandes von 1918 erfuhr, dass die Alliierten darauf verzichteten, in Deutschland einzumarschieren, um den Feind endgültig zu besiegen, sehen wir Mark Tietjen auf einer überdachten Krankenliege auf Groby Hall, dem Gutshaus der Familie liegen. Fast vollständig gelähmt, bewegungslos und seines Sprachvermögens beraubt, kann er mit der Außenwelt nur über das Bewegen seiner Augenlieder kommunizieren und bleibt während des gesamten Romans passiver Beobachter des turbulenten Geschehens um ihn herum.

Eine grandiose Ausgangssituation, die für manche großartige Passage im Text sorgt. Doch aufs Ganze gesehen weisen die von leiser Melancholie, Weltekel und stoischer Resignation durchzogenen Reflexionen Marks einen leicht sentimentalen haut goût auf. Fords Abgesang auf die alte Welt des vorindustriellen englischen Landadels kippt in Zapfenstreich mitunter ins verklärend Nostalgische, dem an wenigen Stellen gar eine trivial-kitschige Patina anhaftet. Auch die bukolische, südenglische Idylle, in die sich Christopher mit seiner schwangeren Geliebten nach dem Krieg zurückgezogen hat, um einer „abstoßend unzulänglichen und sündigen Welt zu entfliehen“, einer Welt, die von ihm zunehmend als zusammenhanglos und unzulänglich empfunden wird, enthält manch falsche Note – denn sprichwörtlich jeder Konflikt der vorangegangenen, an Schicksalsschlägen reichen Romane wird in Zapfenstreich aufgelöst, der so in einen unglaubwürdigen Kontrast zu seinen drei Vorgängern gerät und die gesamte „Tetralogie“ damit auf den Kopf stellt.

Wer den Romancier Ford Madox Ford in seiner ganzen handwerklichen Brillanz kennen lernen möchte, der lese seine Allertraurigste Geschichte, den „schönsten französischen Roman in englischer Sprache“, wie John Rodker, ein Freund des Autors, das Buch einmal nannte. Ohne Zweifel stellt dieses Werk ein labyrinthisches, abgründiges Meisterwerk der tragikomischen Ironie dar, das in seiner formalen Strenge kein Wort zuviel und keinen Satz zuwenig enthält. Angesichts der detailverliebten, redundanten Bewusstseinsströme der Figuren aus Zapfenstreich aber kommt einem nach der Lektüre unweigerlich ein Verdikt Mark Tietjens’ aus dem Roman selbst in den Sinn: „Die Leute dürften nicht so schrecklich viel reden. Es war ermüdend; man schaltete einfach ab.“

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Zapfenstreich von Ford Madox Ford, 2007, Eichborn2.)

Zapfenstreich
Roman von Ford Maddox Ford (2007, Eichborn - Übertragung Joachim Utz).
Besprechung von Katharina Döbler in DIE ZEIT, 6.12..2007:

Der letzte Gentleman
Ford Madox Ford beschrieb eine Welt, die zerfällt – und wünschte sich dabei nichts mehr als Ordnung

Es gibt eine Art der literarischen Prominenz, bei der die Person bekannter ist als ihre Bücher, ihre Wirkung stärker als das Werk. Es gibt Schriftsteller, denen man ständig in Memoiren, Aufsätzen und Briefen ihrer Kollegen und Zeitgenossen begegnet, umtriebige, interessante Leute, die für ihre Zeit anscheinend wichtig waren, aber nie zu den ganz Großen gezählt wurden.

Einer ist Ford Madox Ford: Er kannte alle, alle kannten ihn, er gab Zeitschriften heraus (solche wie die Transatlantic review, in Paris mit Ernest Hemingway), er war ein Freund berühmterer Kollegen (solcher wie Henry James), ein Förderer junger Talente (solcher wie Ezra Pound), dazu ein Vielschreiber von Gottes Gnaden. Aber von seinen siebzig oder gar neunzig Büchern, von all seinen Monografien, Biografien, Gedichten, Essays, Reisebüchern und um die dreißig Romanen, haben nur wenige ein größeres Publikum über ihre Zeit hinaus erreicht. Keines gehört zum offiziellen Kanon der Moderne – schon gar nicht in Deutschland.

Inzwischen haben wir immerhin fünf Bücher und ein halbes vorliegen. Und konnten so mit der Verspätung von rund achtzig Jahren feststellen, dass uns da etwas entgangen war. Die allertraurigste Geschichte (The saddest story), 1915 zunächst unter dem der historischen Situation geschuldeten Titel The Good Soldier erschienen, ist ein großartiges, unbedingt zu lesendes Buch – das die Finessen der Moderne mit einem denkbar wenig avantgardistischen Ambiente verbindet.

Nun ist Zapfenstreich auf Deutsch erschienen, der letzte Teil vom Ende der Paraden, Fords Tetralogie über den Ersten Weltkrieg und den Gentleman Christopher Tietjens von Groby. Mit dem ersten Teil dieses eindrucksvollen Opus meldete sich der kriegstraumatisierte Schriftsteller 1924 nach Skandalen, Kriegseinsatz und weitgehender Vergessenheit erfolgreich und mit neuem Namen zurück. Er hieß eigentlich Ford Hermann Hueffer und war der Sohn eines bekannten Musikkritikers deutscher Herkunft. Madox Ford war der Name seines präraffaelitischen Großvaters. Geboren wurde er zu Zeiten der Königin Viktoria, ein paar Jahre vor Virginia Woolf und ein paar Jahre nach John Galsworthy. Literarisch war er am engsten dem viel älteren Joseph Conrad verbunden. Die beiden entwickelten eine »impressionistische« Theorie des Romans. »Als Impressionisten bezeichneten wir uns, weil wir erkannten, dass das Leben selbst keine Geschichten erzählt, sondern Eindrücke in unseren Gehirnen hinterlässt«, schrieb Ford. »Deshalb mussten wir, wollten wir Wirkungen wie das Leben erzielen, nicht erzählen, sondern Eindrücke wiedergeben.«

Das ist eine erstaunlich einfache Formulierung des Denkens, aus dem die literarische Moderne entstand. In der Allertraurigsten Geschichte setzte er dieses Konzept raffiniert um. Am radikalsten tat er es in Zapfenstreich: Dieser Roman besteht nur aus »Eindrücken« und rekapituliert die Geschichte der drei früheren Bände aus verschiedenen und oft einander widersprechenden Perspektiven. Tietjens’ sterbender Bruder, seine Schwägerin, seine Geliebte, sein Angestellter, seine Ehefrau und eine ahnungslose Amerikanerin ergreifen im Laufe eines Tages das Wort und geben ihre »Eindrücke« der Familiengeschichte wieder. Die Hauptfigur Tietjens ist dabei nicht einmal anwesend. Es ist eine hochartifizielle Synthese aus Meinung und Klatsch, in der der ganze Romanzyklus noch einmal neu entsteht und zu einem erstaunlich versöhnlichen und harmonischen Ende geführt wird.

Viel von Fords privaten Dramen ehelicher und unehelicher Art ist in dieses Werk eingeflossen – und spiegelt sich im Leben des Christopher Tietjens von Groby. Die Figur ist seinem verstorbenen Freund und zeitweiligen Nebenbuhler Arthur Marwood nachgebildet. Der war, wie Tietjens, eine Art mathematisches Genie, ein origineller Denker, dabei ein überzeugter Konservativer (»der letzte Tory«), Verfechter eines verantwortungsvollen paternalistischen Feudalismus. In Tietjens’ Denken kommen Verstöße wider die Konvention und Ordnung durchaus vor, in seinem Handeln aber überhaupt nicht infrage. »Es ist ein dreckiges Geschäft, Karriere zu machen (…). Aber ich seh’s ein«, sagt er zu Beginn der Paraden, »ich billige es ja. Es ist dasselbe Spiel, das schon immer gespielt wurde. Es ist Tradition, und deshalb ist es auch richtig.«

Aus dieser Widersprüchlichkeit der Hauptfigur bezieht die Geschichte ihre Dynamik. Tietjens hält wider besseres Wissen und anderes Fühlen an der Konvention fest. Im ersten Roman (Manche tun es nicht) brennt seine schöne, intrigante und untreue Ehefrau Sylvia mit einem Liebhaber durch und kehrt wieder zu ihrem Mann zurück. Der liebt inzwischen eine andere Frau, die er nicht kompromittieren will. Er stellt auch seine Ehefrau nicht bloß – und reizt sie mit seiner moralischen Unerbittlichkeit bis zur Weißglut. Auf dem Höhepunkt dieses Rosenkriegs bricht der Erste Weltkrieg aus, und Tietjens meldet sich, wie seinerzeit sein Autor, als Freiwilliger: teils aus Patriotismus und Pflichtgefühl, teils auf der Flucht vor einer unhaltbaren privaten Situation – und um die Ehre zu retten.

Im zweiten Band (Keine Paraden mehr) setzt das Ehepaar seine Auseinandersetzung auf dem französischen Kriegsschauplatz fort. Ford führt eine arrogante Elite in den Quartieren der Generalstäbe vor, die ethisch und politisch versagt; und die moralisch verkommene Salondame Sylvia Tietjens, die bis fast an die Front vordringt, um ihren Ehemann zu verführen, fungiert als deren dekadente Symbolfigur. Herr und Frau Tietjens durchschauen zwar die bösen Spiele einer korrupten Gesellschaft während des Krieges – sie ziehen allerdings höchst unterschiedliche Konsequenzen.

Im dritten Band (Der Mann, der aufrecht blieb) zerfällt mit dem Tag des Waffenstillstands die alte Ordnung. Hier endlich trifft sich die Hauptfigur mit der radikalen Neugier der Moderne, die das Gefüge der Realität zu fragmentieren und nach anderen ästhetischen und ethischen Gesichtspunkten neu zusammenzusetzen versuchte. Fords erzählerische Technik ist dabei furios – viel abenteuerlicher und progressiver als die Geschichte vom Konflikt zwischen Pflicht und Neigung. Er mischt Lärm und Gefühle, innere Monologe und Straßenbilder, Erinnerungsfetzen und tobende Massen zu einem Szenario der inneren wie äußeren Umwälzung.

Immer wieder fühlt man sich dabei an Virginia Woolf erinnert. Ford wie Woolf beschäftigte die Diskrepanz zwischen dem Empfinden und Befinden eines Individuums und seiner sozialen Funktion. Sie fanden Lösungen in radikal subjektiven Erzählhaltungen. Sie registrierten mit ungeheurer Sensibilität die Umwälzungen in der englischen Gesellschaft. Woolf tat es mit einem gewissen Optimismus – aus gutem Grund, was die Lebensperspektiven der Frauen betraf; und mit – zumindest theoretischen – sozialistischen Sympathien und Hoffnungen. Ford aber, der sich in den Paraden einer Hauptfigur bediente, deren Wertkonservatismus er bedingt teilte, beschrieb eine Gesellschaft in Auflösung und diagnostizierte vor allem das Versagen einer Elite, die ihre angestammten Aufgaben nicht erfüllte und folglich ihrer Herrschaft verlustig ging.

Virginia Woolf gilt als literarische Kronzeugin des Verlusts patriarchaler Privilegien. Und so kann man auch Ford Madox Ford lesen. Die Romane der beiden verhalten sich zueinander wie zwei von unterschiedlichen Seiten und in unterschiedlicher Tiefe operierende Sonden, die dieselbe Epoche und denselben Ausschnitt der Gesellschaft erforschen; nur dass Woolfs Suche nach der Kernsubstanz ins Innere ihrer Figuren führt, während Fords Probebohrungen direkt von der Oberfläche der Konvention aus stattfinden und vor allem das untersuchen, was direkt darunter und ihr zugrunde liegt. Er untersucht das Gefüge. Und erkennt, erst mit Entsetzen, dann mit Erleichterung, dass es nicht fest war.

Der letzte Teil der Tetralogie nun, Zapfenstreich, dieses Buch der »Eindrücke«, wird zusammengehalten von einem Netz aus Symbolen. Der riesige, jahrhundertelang über das Herrenhaus hinausgewachsene Baum auf dem Landsitz der Tietjens wird gefällt – und damit, heißt es, sei ein Fluch von der Familie genommen. Gleichzeitig eröffnen sich Möglichkeiten eines glücklichen Lebens: Sylvia gibt den Kampf auf, ihr Sohn entpuppt sich als reizender Kommunist, Tietjens darf seine schwangere Geliebte heiraten, und sein siecher Bruder, der mit letzter Kraft die Stellung gehalten hat, entschläft termingerecht. So genial das Konstrukt des Romans durchdacht und umgesetzt ist, es geht auf Kosten der Figuren, die Ford so manipuliert hat, dass sie in das von ihm gewünschte harmonische Ende passen.

Ford Madox Ford blieb trotz allem ein Kind des viktorianischen Zeitalters. Er kam mit seinen Parade-Romanen dort an, wo eine neue Generation von Autoren gerade aufgebrochen war. Sie kannten ihn alle, viele schätzten ihn. Vielleicht wird man auch so eine Art Klassiker.

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