Yquem von Michael Amon, 2002, Otto-Müller-Verlag1.) - 2)

Yquem.
Roman von Michael Amon (2002, Otto-Müller-Verlag).
Besprechung von Uwe Schütte aus der Frankfurter Rundschau, 14.12.2002:

Wein, Weib und Nazis
Michael Amons nicht bloß spannender, sondern politischer Weinkrimi "Yquem"

Diagnose: pathologische Vinophilie. Therapie: eine Flasche Château d'Yquem, Jahrgang 1740. Eine teure, für den vom Edelwein-Fieber besessenen Ich-Erzähler aus Michael Amons Roman Yquem aber unverzichtbare Medizin. Kaum über eine Meldung gestolpert, der zufolge ein südamerikanischer Indianerstamm die 1740 abgefüllte Flasche des legendären Weinguts als Gottheit verehrt, setzt sich das Verlangen nach ihrem Besitz bei dem Erzähler als fixe Idee fest. Damit beginnt eine ganze Kettenreaktion von Vorgängen. Denn um an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen, muss er sich an den dubiosen Rechtsanwalt Jürgensen wenden, dem der Ruf anhängt, rare Exemplare des Rebensaftes auf legalem wie illegalem Weg beschaffen zu können.

Die mysteriöse Flasche aus dem 18. Jahrhundert wurde kurz nach ihrer Entdeckung gestohlen und kursiert vermutlich auf dem undurchsichtigen Schwarzmarkt für Luxusweine. Je länger der Erzähler dem erträumten Fetisch hinterher jagt, desto mehr erfährt man über die oft bizarre Welt der Weinfanatiker, -journalisten und -händler. Michael Amon, das ist dem Roman anzumerken, weiß, wovon er schreibt: Der österreichische Schriftsteller ist selber vom Bazillus der Vinophilie infiziert. Die psychologische Komplexität des nicht immer sympathischen Protagonisten hebt den Roman über das Niveau eines bloß spannenden Weinkrimis heraus.

Wie im Laufe der Handlung deutlich wird, stellt die teuerste Weinflasche der Welt für den Erzähler eine Art Ersatzobjekt dar: Was er in Wirklichkeit begehrt, ist Geborgenheit und Sinn in einer zunehmend sinnentleerten Welt. Den Weinsüchtigen verstört die allgemeingültige Erfahrung einer zunehmend verkarstenden, an geistiger Substanz verlierenden Gegenwart. Damit nicht genug. Ganz konkret leidet der Erzähler unter den politischen Verhältnissen in seinem oberösterreichischen Wohnort.

Dessen Name wird zwar nicht genannt, leicht erkennbar allerdings verbirgt sich dahinter der Wohnort des Autors, nämlich Gmunden am Traunsee. Auf einer zweiten Handlungsebene erzählt Amons Roman von miesen Grundstücksspekulationen, verschwiegenen Arisierungen und den allzu lebendigen Gespenstern der braunen Vergangenheit. Auch in diesem Strang wird die Handlung durch ein Objekt der Begierde des Erzählers motiviert: Die junge Jüdin Ruth Loewenstein reist aus Amerika in den Heimatort ihrer von den Nazis ermordeten Großeltern, um deren widerrechtlich beschlagnahmtes Vermögen juristisch zurückzufordern. Da sich Ruth als Rechtsbeistand aber ausgerechnet den Schurken Jürgensen genommen hat, verknüpfen sich ihre Nachforschungen mit denen des Erzählers. Was die beiden dabei schließlich zu Tage fördern, ist ein dunkles Geheimnis, das die Herkunft von Jürgensen betrifft und seine Verwicklungen mit den schmutzigen Geschäften deutschnationaler Gemeinderäte erklärt.

Die Handlungsebenen sind auf verschiedene Weise kunstvoll miteinander verknüpft. Neben leitmotivischen Zitaten aus einem Song der Rolling Stones, spielt Amon in seinem Roman wiederholt auf das biblische "Buch Rut" an. Für innere Kontinuität sorgt der sparsame, dafür aber ästhetisch umso wirkungsvollere Einsatz von Passagen in der Art eines Bewusstseinsprotokolls.

Die Vielschichtigkeit in stilistischer Hinsicht, das Nebeneinander von ferner und naher Vergangenheit, den großen Fragen der Menschheit und der miesen Kleinkariertheit in der österreichischen Provinz, kurz: die gelungene Synthese von Unterhaltung und Anspruch macht Michael Amons Yquem zu Literatur im besten Sinne.

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Yquem von Michael Amon, 2002, Otto-Müller-Verlag2)

Yquem.
Roman von Michael Amon (2002, Otto-Müller-Verlag).
Besprechung von Wilfried Hierse in den Nürnberger Nachrichten vom 28.12.2002:

Die Wut des Weinsammlers
Wortgewandter Roman über alte braune Seilschaften und junge Liebe

Das Porträt auf dem Schutzumschlag zeigt einen barocken Typen, einen Genießer. Michael Amon nimmt man ab, viel von dem zu verstehen, worüber er seinen weinseligen Politroman "Yquem" (Otto Müller, Salzburg, 20 Euro) geschrieben hat. Weinkenner, -liebhaber und -sammler ist der Ich-Erzählen. Den Menschen bleibt er gerne fern, sein langjähriges "gschlampertes Verhältnis" ist unverbindlich. Aus der höheren Warte seines Hauses am Berghang sieht er dem Treiben der nationalistischen Honoratioren in einer österreichischen Provinzstadt zu. Wenn er räsoniert, dann im Freundeskreis. Das Wadlbeißen überlässt er seinem Spezi, einem notorischen Gründer von Bürgerinitiativen.

Den Ich, der von sich sagt, er verfüge in den unwichtigsten Dingen über die höchste Begabung, treibt die Leidenschaft nach alten und sündhaft teuren Weinen. (Eine weitere kommt im Laufe der Handlung noch hinzu.) Aktuell verlangt ihn nach jener letzten noch existierenden Flasche eines Château d'Yquem, Jahrgang 1740, die von einem indianischen Stamm im Urwald Südamerikas als Gottheit verehrt wurde, ehe sie verschwand. Das zweite ihn belebende Element ist die junge Jüdin Ruth, die ihm durch Zufall ins Haus schneit. Sie sucht im Ort nach ihren Wurzeln und Hinterlassenschaften aus dem arisierten Besitz ihrer Großeltern.

Der Ich und die junge Frau kommen sich näher, nahe bis zu den Keks-Krümeln im gemeinsamen Bett. Doch wie nahe, das bleibt der Fantasi edes Lesers überlassen. Dafür geht es ausführlich um Weine, Hotels, kriminelle Weinhändler und das absurde Ritual einer Weinverkostung von 125 Jahrgängen Yquem. Und die Reaktionen der Dorf-Bonzen auf die jüdische Frau, die dem Ich zunehmend Wut machen. Als die allgemeine Fremdenfeindlichkeit persönlich wird, was die Ruth vertreibt und den Ich in die Komplikationen der Liebe verstrickt, entdeckt der einen unbändigen und ziellosen Hass in sich.

Amon ist ein wunderbarer Fabulierer, auf österreichische Art mitunter herrlich altmodisch. Ein Gastgeber, der mit Worten den Leser zum Wein bittet. Der Anteil an seinen Gefühlen zulässt. Der Wut auf die braunen Seilschaften körperlich spürbar macht. Der die Empfindungen eines verschämt Liebenden rührend miterleben lässt.

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