Yachtfieber von Gaby Hauptmann, 2005, Piper

Yachtfieber.
Roman von Gaby Hauptmann (2005, Piper).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom 7.7.2005:

Das schwere Leben der High Society

Es stimmt übrigens wirklich: Das Leben unserer High Society ist nicht so doll. Schuld daran sind wir. Wir Normalmenschen, Normalverdiener, weil wir nichts Besseres zu tun haben, als der High Society ununterbrochen beim Leben zuzuglotzen. Wie sollen sich die Schönen, Reichen, Verdorbenen da wohlfühlen? Vermutlich fühlen sie sich wie Zootiere, die in Käfigen zusammengesperrt und von den Boulevardmedien bei jedem Schritt, jeder Nahrungsaufnahme, jedem Kopulationsversuch bewacht werden. Vermutlich wäre es mit der High Society schnell vorbei, wenn man sie in die Wildnis prämedialer Urzeiten freiließe. Ihre Existenzgrundlage sind nun mal Blätter wie Bunte und Gala. Und ohne deren Hege und Pflege, sprich publizistische Verfolgung, stürbe die Gattung im Handumdrehen aus.

Der neue Roman von Gaby Hauptmann (einer der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen) spielt auf einer Luxusyacht. Das ist insofern konsequent, als Luxusyachten spätestens seit Onassis real und allegorisch als Hauptstützpunkte des Jetset gelten, wohin dieser sich zurückziehen und seinen Vergnügungen nachgehen kann. Unbeobachtet, ungestört. Das war mal! Auf der Dogukan, so heißt die Yacht im neuen Roman von Gaby Hauptmann, geht es zu wie am Tag der offenen Tür. Nichts mit morgens, mittags, abends Weißwein, Drogen, Models vernaschen. Morgens kommt ein Dealer in Gestalt eines alternden Playboys, um sechzig (!) Kilo Kokain auf der Yacht unterzustellen. Mittags kommt die türkische Polizei. Abends kommen die Bild-Reporter aus Hamburg. Am nächsten Tag kommt die Bild-Zeitung mit einem Aufmacher heraus, der den deutschen Modedesigner Marc, der auf der Dogukan nur ein bisschen Urlaub machen wollte, in Handschellen abbildet. Am Tag darauf kommen undefinierte, schwarz vermummte Gangster mit Maschinenpistolen an Bord. Kein Mensch weiß, warum. Kein Mensch weiß, was sie auf der Dogukan zu suchen haben. Auch dies ist im Sinn der Romanerzählung konsequent. Denn sie berichtet nicht vom süßen Leben der High Society, sondern von der Versalzung desselben durch ein wahnwitziges Eskalationsgeschehen unter den Bedingungen von Verfolgung, Überfall und Belagerung, dessen narrative Logik am Ende kein Mensch mehr überblickt. Offen gesagt: auch die Autorin nicht so ganz. Aber sie zeigt uns doch sehr schön, was es heißt, ein öffentlich ausgestelltes Luxustier zu sein. Außerdem zeigt sie uns natürlich, wie viel besser, komfortabler, ja regelrecht luxuriöser es ist, nicht zur High Society zu gehören, sondern zur Masse der Beobachter. Also zu uns. Wir sitzen auf dem Balkon, ein Tässchen Filterkaffee neben, den neuen Roman von Gaby Hauptmann vor uns, und werden von der Welt in Ruhe gelassen. Die Schönen, Reichen, Verdorbenen finden auf ihren Yachten nicht mal mehr ein Plätzchen zum Schlafen, weil Ober- und Unterdeck rammelvoll sind von Drogen-Playboys, Polizisten, Gangstern, Bild-Reportern et cetera.

Uns Normalmenschen, Normalverdiener stört kein Mensch, wenn wir uns nachts in unserer Dreizimmerwohnung hinlegen und dann auf die Idee kommen, Weißwein, Drogen und Models zu vernaschen. Es hieß mal, dass Literatur gut ist, weil sie Trost spendet. Es scheint zu stimmen. Es gibt eine einzige Figur in dem ganzen Roman, die den Rummel genießt und schlussendlich sogar eine veritable Liebesaffäre mitnimmt. Das ist Alissa. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, also einer Dreizimmerwohnung mit Balkon, und gehört nicht zum Jetset. Sie ist die Freundin der Tochter des deutschen Modedesigners und wurde von diesem mildtätig eingeladen, auch mal was Tolles zu erleben. Das tut sie. Alissa, man muss es kaum erwähnen, ist unsere Stellvertreterin an Bord. Daraus ergibt sich die zweite Trostbotschaft des Romans: Es ist vielleicht nicht ratsam, das Leben der High Society zu führen. Aber es ist auf alle Fälle ratsam, das Leben eines Plebejers zu führen und sich auf eine Luxusyacht einladen zu lassen. Die Adresse der Autorin dieser Kolumne ist über die Literaturredaktion der ZEIT zu erfahren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0706 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März