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Auszug aus
Xanadu.
Gedichte von Lars
Gustafsson (2003, Hanser - Übertragung Verena Reichel und Hans
Magnus Enzensberger).
Besprechung von Hermann Wallmann in der Frankfurter Rundschau, 27.9.2003:
Den Abschluss des neuen Gedichtbandes von Lars
Gustafsson, Auszug nach Xanadu, bildet eine Gruppe von sechs poèmes
en prose. In einem von ihnen erzählt Gustafsson von einem
"stillstehenden Mann", den er im Zentrum von Lissabon - seit dem
Erdbeben von 1755 mehr als nur der Name einer Stadt - beobachtet habe. Nein,
Gustafsson ist kein raunender Beschwörer des Imperfekts; in seinem Prosagedicht
vergegenwärtigt er den Mann. Er spricht über ihn wie über eine zeitlose
Statue. Jeder seiner Sätze spiegelt wider, was die anderen drei Abteilungen des
Bandes reflektieren: "Reminiszenzen", "Philosophien",
"Alltag".
Der besagte Mann ist einer jener Kleinkünstler, die auch in unseren Innenstädten
zu beobachten sind: wie sie auf einem Podest verharren und allenfalls dann sich
regen, wenn ein Kind, etwas ratlos und schreckhaft, die Münzen in den Hut
wirft, die sein Vater ihm in die Hand gedrückt hat. Gustafsson registriert den
Mann allegorisch und ikonographisch zugleich: "Er trägt einen etwas schäbigen
Frack - genau wie Orchesterdirigenten und andere Künstler, die öffentliche
Auftritte gewohnt sind -, das Gesicht ist elegant weiß geschminkt, aber nicht
so hart wie bei einem Clown. Die Arme leicht angewinkelt, doch nicht ganz so
hoch wie bei Thorvaldsens Christus."
Und er versteht die Reglosigkeit dieses leichen- und leidensblassen Künstlers
als einen ganz anderen Ausweg aus der Unfähigkeit stillzuhalten: "Eine
Art, in Bewegung zu bleiben, ist, von einem Ort zu einem anderen wechseln. Ohne
die Punkte dazwischen zu passieren." Damit hat Lars Gustafsson nicht nur
das existentielle, sondern auch das poetologische Programm seines Gedichtbands
formuliert. Und in dieselbe Logik fügt sich, dass er seinem Gedichtband zwei
Motti und zwei Prologe vorangestellt hat. Das erste Motto zitiert den Anfang des
"Kubla-Khan"-Gedichts von S.
T. Coleridge (1772 bis 1834), Inbegriff einer schauerromantischen
Phantasmagorie, die sich aber durchaus nicht nur einem Opiumtraum verdankt,
sondern auch einem hellwachen artistischen Kalkül: "In Xanadu did Kubla
Khan / A stately pleasure-dome decree".
Das zweite Motto zitiert aus dem § 75 der Goetheschen Farbenlehre von
1808, Inbegriff zarter Empirie, eine Beobachtung, die Goethe
auf einer Harzreise im Winter gemacht hat: "Als aber die Sonne sich endlich
ihrem Niedergang näherte, und ihr durch die stärkeren Dünste höchst gemäßigter
Strahl die ganze mich umgebende Welt mit der schönsten Purpurfarbe überzog, da
verwandelte sich die Schattenfarbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem
Meergrün, nach seiner Schönheit mit einem Smaragdgrün verglichen werden
konnte." In einem Gedicht aus der Abteilung "Philosophien" macht
Gustafsson auf einem "ganz gewöhnliche(n) Parkplatz" die Beobachtung,
dass grüne Laubkronen eine dunkelrote Schattenfarbe haben: "Die Schatten
sind also rot? / Ja. / Aber ein Schatten ist ein Nichts. / Ein gar Nichts."
In gleichsam chiastischer Folge dann die beiden Prologe. Der erste ein
rationalistisch fundierter "Monolog für einen gewissen Prinzen von Dänemark"
- mit einer Anspielung auf "Dr. Enzensberger(s)", Poesie-Automaten,
der als Zufallsgenerator zum Beispiel ein Telefonbuch benutzt, um ein
"Vokabular / mit Worten für Liebe, Hass, Verzweiflung, / Traum und Wachen,
Branntwein und Brennessel / (...) zu korrekten Strängen" zu verknüpfen:
"Aber aus dem einen oder dem andern / erwächst ein Lied"; es ist, als
wollte Gustafsson, mit inniger Ironie, auch seine Lieder als zufallsgeneriert
hinstellen, nicht aus Gefühlen, sondern aus Buchstaben gemacht.
Der zweite Prolog geht von Coleridge's Gedicht und seiner Quelle bei Marco Polo
aus und ist plötzlich die Gegenwart eines lyrischen Ichs, dem die aktuellen
Wahrnehmungen von Fauna und Flora durchsichtig werden für Literatur und
Geschichte. Gustafsson nennt das Gedicht der Verwandlungen und Anverwandlungen
"Khubilai Khan bricht aus Xanadu auf", und offensichtlich haben sich
Verena Reichel und Hans Magnus Enzensbergers, die Übersetzer dieses Bandes, im
Titel auf eben dieses Gedicht bezogen. Im schwedischen Original aber lautet der
Titel: "En tid i Xanadu", es ist also ein "stillstehendes"
Xanadu, ein Xanadu, das ist und ein gar Nichts ist, ein Nachmittag, der
"seit ein paar Jahrhunderten" existiert.
So wie Titel und Titelgedicht, die beiden Motti und die beiden Prologe einander
bergen und verbergen, so durchdringen einander auch die Gedichte der einzelnen
Abteilungen, ja, Gustafsson scheint den ganzen Band komponiert zu haben wie
einen Syllogismus: "Reminiszenzen" (und eben nicht: Mein Jahrhundert)
und "Philosophien" (und eben nicht: Mein Weltbild) gehen vollkommen
auf in dem Gedicht "Das Mädchen", mit dem die Abteilung
"Alltag" abschließt: "Eines Tages steht das Leben / sanft lächelnd
wie ein Mädchen / plötzlich auf der anderen Seite des Baches / und fragt /
(auf seine spöttische Art) // Aber wie bist du da gelandet?"
Der 1936 geborene Lars Gustafsson legt so etwas wie eine "Summa" vor.
Seine Gedichte lassen sich lesen als Abbreviaturen seiner autobiographischen
Romane und seiner philosophischen Gedankenspiele. Immer wieder tritt an die
Stelle einer epischen oder logischen Integration die erotische Inventarisierung
von Einzelheiten, von seltsamen Vögeln, von Wintern, wie sie einmal waren, von
all den komischen Dingen, die herabgestiegen sind "aus dem Himmel der
Formen, / um Platz zu nehmen für eine Weile / auf unseren Schreibtischen / und
Fensterbänken". Auf eine ähnliche Weise, wie Gustafsson hier Dinge aufzählt,
sammelt er unter dem Titel "Ein Männerchor" die assonanten Stimmen,
die (seine eigene) Identität ausmachen: "Die Stimme, die man hat, wenn /
man zu kleinen Kindern spricht / oder zu großen Hunden / ist nicht dieselbe /
wie beim Friseur / oder auf dem Katheder (...) // indes die Stimme / die man
hat, / wenn man / wenn man einer Frau die Brüste / streichelt oder den Bauch /
eine dritte Stimme ist, / die aus einer dritten Welt kommt".
Lars Gustafsson ist ein Alter Meister sinnlicher und philosophischer Synästhesien,
und so stellt er ganz eigene Ansprüche an jenen Tag, an dem er "nicht ohne
Erleichterung // diese Welt verschwinden sehen" will. Er tut es in einem
Gedicht, das (vielleicht nicht subjektiv, aber) objektiv in der Tradition von
Gottfried Benns "Am schlimmsten: / nicht im Sommer sterben" steht. Es
gerät nicht unter Pathos- oder Sentiment-Verdacht, weil es unangestrengt alexandrinisch bleibt, sich "jetzt" darauf verlassen kann, dass dem
Leser die erneute Anspielung auf die Farbenlehre nicht entgeht und auch nicht
das Philosophem über das Verhältnis von Natur und Kunst, mit einem Wort: die
Xanadu-Utopie: "Es soll ein Tag Anfang August sein / die Schwalben fort,
doch eine Hummel / noch irgendwo, die im Himberschatten / ihren Bogen
ausprobiert."
Mit dem unscheinbarsten Text hört der Band auf,
"Das Mädchen im Supermarkt". Zwei Winter und zwei Frühjahre fleißigen
Einkaufens waren nötig, um zumindest eine Spur zu dem Rätsel dieses Mädchens
zu finden, in dessen Augen kein besonderer Ausdruck liegt: "Sieht man
direkt in sie hinein, stößt man auf ein Hindernis. Sie schaut nicht weg. Sie
macht die Augen nicht zu. Ich weiß nicht, wie sie das fertigbringt." Und
dann wird dem erzählenden Ich plötzlich klar, was es so gefesselt hat: "Hört
man genau auf ihre Konversation mit den verschiedenen Kunden, wird man
feststellen, dass sie jeden stets namentlich anspricht."
Verbirgt sich nicht in dieser Konstellation auch die zwischen Autor und Leser,
dem Betrachter und dem Kunstwerk, an dem keine Stelle ist, "die dich nicht
sieht" (Rilke)?
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