Wortnah.
Dialoggedichte von Annette Gonserwoski und Gerhard Rombach (
2014, GOKI-Verlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Dezember 2014:

Das Blatt wenden/ des Romans in dem/ wir uns lieben

Das Internet, oft zu Recht oder Ungerecht gescholten, hat auch sein Gutes, z. B. mit einer Begegnung wie dieser: der in Schweden lebende Dichter Gerhard Rombach entdeckte im Netz Gedichte der im Sauerland lebenden Dichterin Annette Gonserowski und, ohne sich bis heute jemals persönlich getroffen zu haben, begannen die Beiden einen poetischen Dialog, indem sie, einem Briefwechsel ähnlich, mit ihren Gedichten korrespondieren.

So entstand der vorliegende schöne und liebevoll gestaltete Band „Wortnah“, Dialog-Gedichte, eine berührende Sammlung von Gedichten und Antwortgedichten, die uns auf wunderbar seltsame Weise am Zustandekommen einer liebevollen Freundschaft und dem Austausch geheimster Gedanken, Träume und Wünsche teilhaben lassen, wie sie wohl jeder aus seinem Leben kennt, ohne unbedingt die Gelegenheit zu haben, sie einem Gegenüber lyrisch anzuvertrauen und auszudrücken wie die beiden Dichter Annette Gonserowski und Gerhard Rombach.

Man darf sie zu Recht, denke ich, für ein unbescholtenes Liebespaar halten, was sie im Fühlen und Denken durchaus auf einer höheren platonischen Ebene sind, Herz- und Seelenverwandte, die ihre Sehnsucht teilen, von einem Menschen vollständig und vorurteilsfrei verstanden zu werden, um es in Schrift und Wort als Dichtung zu verewigen.

Dabei kommt es ihnen nicht auf Effekthascherei an, ihre Triebfeder ist das Vertrauen, den Anderen genauer kennenzulernen, seine Ängste und Hoffnungen, seine Gedanken, seine Einstellung zu den kleinen und großen Themen, zum Leben, zur Liebe, der Einsamkeit und dem Tod.

Und so ähneln diese Gedichte schmalen Erzählungen, in denen der Eine dem Anderen lyrisch aus seinem Leben berichtet. Übereinstimmungen und Unterschiede finden sich auf der Grundlage von Wahrhaftigkeit und bedingungsloser Offenheit.

Annette Gonserowski: „Unsere Worte// Wären wir/ so jung/ wie unsere Worte, / so zeitlos wie sie/ und so nah - /wir könnten/ einander begegnen.“

Gerhard Rombach: „Wie zarte Hände umfangen/ mich deine Worte, / malen mir Sehnsucht/ ins Herz und lassen/ den Tag vergessen“.

Wie Kostbarkeiten empfinde ich die Gedichte der Beiden, nicht selten wie Notate, im Vorbeigehen auf kleine Zettel geschrieben, um dem Anderen etwas vertraulich mitzuteilen aus der Ferne, die sie trennt, aber womöglich das Empfinden von Vertrautheit und Nähe erst möglich macht.

Gerhard Rombach: „Ungreifbar// Wie könnte ich mich erinnern/ an etwas das niemals war/ Wie könnte ich mich erinnern/ an dich// Ein Hauch Frühling warst du/ eine Ahnung von Glück/ eine sehnsüchtige Melodie/ ungreifbar“.

Annette Gonserowskis Antwort: „Wie je vergessen// Wie könnte ich je vergessen/ Meine Sehnsucht/ in deinen Worten, / die so nah waren?// Wärme war es/ spürbares Schwingen, / Melodie, / Tanz.// Wie könnte ich dies je vergessen, / wo mein Herz den Takt schlägt?“

Klar sind diese kleinen eindringlichen Texte, frei von Schnörkeln, einfach im besten Sinn des Wortes, geschmückt mit Metaphern, die eingängig und nachvollziehbar sind, „Silberfäden ins Haar gestreut“.

Annette Gonserowski: „Was bin ich dir// Bin ich ein Blatt/ in deiner Hand, / geliebt, / gelesen, / gewendet, / dem Feuer anvertraut, / verbrannt, / zu Asche geworden, / die der Wind zerstreut?“

Gerhard Rombach: „Gedankenleser// Du liest in meinen/ Gedanken wie in/ einem offenen Buch// Ich fühle wie dein Herz/ wild schlägt - // du hast richtig gelesen.“

Melodiös sind diese Gedichte, die „Spuren“ beim Lesen hinterlassen, man blättert sie auf, vor und zurück, liest und liest und entdeckt immer wieder Verse, die haften bleiben.

Gerhard Rombach: „Das Blatt wenden// Eine Sprache erfinden/ die nur du verstehst/ ein Wort das nur/ dir etwas bedeutet// Eine Geste/ vielleicht nur/ ein Blick oder eine/ flüchtige Berührung// Das Blatt wenden/ des Romans in dem/ wir uns lieben.“

Annette Gonserowski: „Wort// Dieses/ eine Wort/ finden// es denken/ wieder/ und wieder// es dir sagen/ Silbe/ für Silbe// bewahrend.“

„Goldflimmer/ in der Seele“, heißt es bei Gerhard Rombach an einer Stelle und kein Bild könnte besser geeignet sein, diese Dialoggedichte zwischen Dichterin und Dichter zu charakterisieren.

Zwei ungewöhnliche Menschen haben sich mit dem Wort im Wort gefunden, ohne gesucht zu haben. Vielleicht war es der Zufall, der sie zu ihrem Diskurs zusammengeführt hat oder aber ihr unterschiedliches Dichterschicksal, wer weiß?

Was an Poesie daraus entstanden ist, sei allen empfindsamen LeserInnen ans Herz gelegt. Es wird ihre Sicht auf die Dinge erweitern, vielleicht auch verändern.

Annette Gonserowski: „Spuren// Was wurde/ aus den Träumen:/ das Leben, / mit Menschen, / die kamen und gingen.// Du bliebest!// Deine Spur/ in meiner Herzwand, / sie bebt, / bei jeder Nachricht/ über eines Fremden Tod!“

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