Wortgesindel von Friedrich Achleitner, 2015, ZsolnayWortgesindel
Texte von Friedrich Achleitner (2015, Zsolnay).
Besprechung von Helmut Schönauer , 28.Juni 2015:

wortgesindel
Meistern des literarischen Faches gelingt es, ihr Programm auf einen einzigen Satz zusammen zu destillieren. Über Friedrich Achleitner heißt es daher kurz, er ist ein Architekt, der die Tragkraft der Wörter und Sprüche überprüft.

Friedrich Achleitner kontrolliert nicht nur mit seinen Architekturführern den Eigensinn oder Abklatsch diverser Gebäude in den Bundesländern, er lässt sich so manche Sprach-Fügung unbedarfter Zeitgenossen auf der Zunge zergehen und spuckt sie fallweise mit Ekel aus.

Brutal ist so eine Erregungsfloskel, wenn jemand etwas aufgebläht erzählt, was nicht einmal der sprichwörtliche Furz gewesen ist. „die fahrt dauerte brutal lang. es war brutal heiß. zum glück war der alte speisewagen brutal schön und die landschaft brutal romantisch. […]“ (53)

Ein ähnlich aufreizendes Verfahren wenden Zeitgenossen an, wenn sie völlig unkonzentriert dahin quasseln und alle Wörter, die ihnen gerade nicht einfallen, mit einem „dings“ ersetzen.  „ich hab gestern den dings getroffen.“ (40)

Freilich kann auch eine reife Demenz zu solchen sprachlichen Leerstellen führen, die sich zu einem sprachlichen Kunstwerk der Antisemantik ausbauen lassen. „zwei alte // der eine: du, ich kenn den prillinger ferdl jetzt schon vierzig jahr. glaubst, mir fallert sein name noch ein? / der andere: da kann ich nicht helfen, ich hör den namen zum ersten mal.“ (91)

Aber nicht nur einzelne Helden müssen sich mit dem Entschwinden von Sinn abmühen, oft legt sich die Behörde über einem Landstrich flach und erklärt diesen zum Weltkulturerbe. Logischerweise besteht die Weltkultur aus allem, was auf dieser Welt Platz hat und nähert sich dem Warhol-Diktum, wonach es für jeden zu fünf Minuten Weltkunst reicht.

Natürlich steht sich der gute Denker meist selbst im Weg, manche finden gar nicht mehr aus der eigenen Gehirnmasse hinaus. „er schaute das erste mal bewusst aus seinem körper. die gehirnmasse über seinen augenbrauen empfand er als dunklen, undurchdringlichen teig.“ (62)

Ein Schal fällt vom Sessel zu Boden, wird so nebenher wieder aufgehoben und niemand bemerkt diese Begebenheit, die es bei etwas Glück zu jener Bedeutung bringen könnte, die allgemein umgefallene Reis-Säcke in China auslösen. Dabei entstehen Trends oft aus solchen Begebenheiten, der Hybrid wird übrigens demnächst vom Oxymoron abgelöst werden, wir wissen es nur noch nicht.

Friedrich Achleitner schickt seine Figuren mit Stolz durch das Wortgesindel, das ihnen täglich auflauert. „ich gehe stolz in mir spazieren!“ - „was ist mit dem wortgesindel? zu wortgesindel fällt mir nichts ein.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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