1.) - 2.)
Woraus wir
gemacht sind.
Roman von Thomas
Hettche (2006, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Simone
Dattenberger im Münchner
Merkur, 23.8.2006:
Zwielicht
der Wahrheit
Erscheint jetzt: Thomas Hettches
cineastischer Thriller
Wie Burroughs schaut der Typ aus, nein, wie Henry Fonda oder doch wie Robert Duvall? Der Alte an der Tankstelle in dem öden texanischen Kaff namens Marfa erscheint Niklas Kalf als wandelndes Kaleidoskop von Hollywoods harten Kerlen bis hin zu Al Pacino, De Niro - und dem Marlboro-Mann.
Aber im Grunde sieht der Deutsche, dem in den USA
eine Lebenskatastrophe widerfährt, in dieser Gestalt den Leibhaftigen
persönlich. Der nimmt ihn voller Ironie zur Kalbfütterung ("calf")
mit und bietet nicht nur hübsche Kino-Showeffekte - "Ist alles nur für
dich, mein Sohn" -, sondern verwickelt den Mann des Schreibens auch in
moralphilosophische Gespräche; wie es ja literarische Teufel gerne tun:
"Du glaubst wahrscheinlich, dass der Mensch von Natur aus gut ist."
",Grauenvoll an dieser Landschaft
ist’, sagte Franz Holdt leise . . ., ,dass hier gar nichts etwas
bedeutet. Selbst Auschwitz hätte nichts bedeutet.’"
Thomas Hettche
Thomas Hettche (Jahrgang 1964) setzt in seinem
Roman "Woraus wir gemacht sind" den Protagonisten, der sich nicht als
Schriftsteller sieht, sondern als Biografen, einer ziemlichen Tortur aus. Der
Brav-Biedermann kommt mit der schwangeren Ehefrau Liz nach New York zu einem
Arbeitsbesuch mit seinem Verleger. Es geht um die Lebensgeschichte des
jüdischen Naturwissenschaftlers Eugen Meerkaz, die seine Witwe in Auftrag
gegeben hat. Was zunächst nach Intellektuellen-Gespreize im Big Apple
ausschaut, wird blitzartig zum Thriller.
Liz ist verschwunden, und eine Dame, ausgerechnet Venus genannt, erpresst Kalf
im Namen von Filmproduzent Jackson. Der will mit aller Gewalt brisantes Material
aus Meerkaz' Nachlass. Das kennt Niklas aber nicht, geschweige denn dass er es
besäße. Und Frau Meerkaz lässt sich hartnäckig verleugnen.
Wir kennen - wie Hettche auch - jene Leinwandaufreger von Hitchcocks "39
Stufen" mit Robert Donat bis Polanskis "Frantic" mit Harrison
Ford, in denen wackere, total friedfertige, durch und durch zivilisierte
Bürgersmänner zu Actionhelden mutieren: Schließlich müssen sie um ihre
Familie kämpfen. Niklas Kalf wird auch durch so eine Teststrecke geschickt. Die
geht er jedoch zunächst äußerst gemächlich an, weil er sich kaum aus seiner
Schock- und Einsamkeitsstarre lösen kann. Immerhin schafft er es von New York
nach Marfa. Hierher führt die einzige Meerkatz-Spur. Denn von dort stammt der
Brief eines gewissen Hans, den dieser nach dem Explosionstod des
Wissenschaftlers an die Witwe geschrieben hatte.
Der Autor lässt nun seine Figur ausgiebig in Marfa verweilen. Da kann sie über
Hans, einstmals Häftling im längst geschleiften Kriegsgefangenenlager, ebenso
nachdenken wie über den Namen Marfa. Er ist einer Frauengestalt aus
Dostojewskijs Werk "Die Brüder Karamasow" entlehnt. In der
texanischen Wüste nahe Mexiko verwebt Hettche also genießerisch tüftelnd und
sich bisweilen verzettelnd europäische Feinst-Kultur mit der ungezähmten Natur
des amerikanischen Kontinents, Donald Judds minimalistische Kunst in der
dortigen Fondation - sehr schön geschildert - mit ebenso liebevoll
geschilderten Kleinstadtszenen.
Der Autor geht ganz auf in der neudeutschen Tradition der USA-Sehnsucht, die mit
Hassliebe gesättigt ist. So reiht sich Thomas Hettches "Woraus wir gemacht
sind" ein hinter Wim Wenders' Filmen wie "Paris. Texas", Percy
Adlons "Out of Rosenheim" oder gar Christa
Wolfs "Wüstenfahrt" in den weiten Westen. Natürlich ist der
Autor sich dieser Künstlichkeit, dieses Deutsch-Westerns - ironischerweise in
der Nachfolge von Karl May
- bewusst.
Nach und nach verschärft er das Surreale, das Kinohafte. Es kommt schließlich
in immer schnelleren Abständen zu Szenen, denen wir nur im Film
Glaubwürdigkeit zubilligen. Jetzt wird geprügelt, gevögelt, verraten,
gestorben. Jetzt wird der Biograf, der sich aufs Zuschauen, aufs Einfühlen
versteht, zum Heros, zum Tatkräftigen - todwund, von Schurken umstellt. Und
rettet - aus einem alten Kino (hört, hört!) seine Frau, die inzwischen sein
Kind geboren hat. Dann weiß er auch, "woraus wir gemacht sind":
"Nichts als ein Hauch."
Dass man in diesen raffiniert angerichteten Hollywood-Schwulst auch Arier-Wahn,
Okkultismus, ein mordendes Mädchen, den Ausbruch des Irak-Kriegs und die Rolle
der USA als neues Imperium Romanum einrühren kann, nimmt man Thomas Hettche
dank seines speziellen Schwebe-Stils ab. "Das Zwielicht der Wahrheit. Das
ist sehr europäisch!", konstatiert der Teufel. Recht hat er: Deswegen kann
das Imperium Americanum nicht wirklich zurückschlagen.
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2.)
Woraus wir
gemacht sind.
Roman von Thomas
Hettche (2006, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue
Zürcher Zeitung vom 12.9.2006:
Auf eigene Faust und Rechnung
«Woraus wir gemacht sind» – Thomas
Hettches Roman ist auch eine Liebeserklärung an Amerika
Der Mann hat in seiner Jugend ganz entschieden zu viele amerikanische Filme gesehen. Hilf dir selbst, oder es hilft dir keiner: So mag seine unausgesprochene Lebensdevise lauten, für die ihm Hollywood die Vorbilder geliefert hatte. Doch das allein würde den Wahnsinn nicht erklären, auf den sich Niklas Kalf in Thomas Hettches neuem Roman «Woraus wir gemacht sind» eingelassen hat: Ein halbes Jahr lang jagt er quer durch die USA hinter einem Phantom her, um seine von Erpressern entführte schwangere Frau zu befreien. Ebenso sehr beigetragen zu diesem Alleingang hat der unwiderstehliche Sog, den das Land auf Niklas Kalf ausübt: Amerika erscheint ihm, auch wenn es – wir schreiben zu Beginn der Handlung den 11. September 2002 – auf halbem Weg zwischen einer Katastrophe und einem Krieg steht, wie das verheissene Land. Denn hier fügen sich die Dinge zu den Namen, die ihm seit frühester Jugend in den Ohren klingen.
Eine Frage der Imagination
Diesem Zauber hat Kalf zumal in der Verzweiflung nichts entgegenzusetzen. Dass er die Polizei nicht aufsuchen soll, muss man ihm nicht lange sagen. Aus Filmen weiss er, dass in diesem Land jeder sich selbst der Nächste ist. Auf eigene Faust und Rechnung muss ein Mann hier tun, was ein Mann zu tun hat. Am Ende, nach mehreren tausend Kilometern, nach zwei überstandenen Mordanschlägen und einer langen Suche nach mysteriösen Papieren, geht dann freilich alles sehr schnell, es ist – bezeichnenderweise – lediglich eine Frage der punktgenauen Imagination: Niklas steht ganz dicht vor seinem Peiniger, bereit, ihm mit einem finalen Fausthieb das Nasenbein weit in den Kopf zu treiben. «Er überlegte noch, dass es wahrscheinlich bei einem solchen Schlag darauf ankäme, das Ziel imaginär hinter die Grenze der Haut, also in den Kopf hinein zu versetzen, um zu vermeiden, vor dem Schmerz des Schlages zurückzuzucken.» Der Erfolg ist im Wortsinn durchschlagend – und zur Befreiung der Frau und des inzwischen geborenen Kindes sind es dann gerade noch ein paar Schritte.
Man sollte Thomas Hettches Roman nicht zu sehr an den Kriterien der Plausibilität messen wollen. Sein Held steht gleichsam ausserhalb solcher Erwägungen, denn im Augenblick, als er im Land seiner stillen Sehnsucht ankommt, gerät er in einen Ausnahmezustand. Was er fortan tut, steht jenseits rationaler Begründung. «Jeder betritt Amerika in seinen Träumen zuerst», weiss Kalf. So führt denn sein naiver Glaube an die inneren Bilder, die sich in der Wirklichkeit ihre Erfüllung und Bewährung suchen, fortan Regie; dass ihm von dort auch das Rettende naht, kann er da noch nicht einmal ahnen.
Thomas Hettche hat einen durchaus drastischen Thriller geschrieben, der die Leser in rasendem Stillstand quer durch die USA, von New York nach Los Angeles, führt. Doch der Roman um Niklas Kalf, der eine Biografie des vor den Nazis in die USA geflüchteten und dort bei Experimenten mit einem neuartigen Raketenantrieb zu Tode gekommenen Physikers Eugen Meerkaz schreibt, erzählt neben dem eigentlichen Plot noch einmal eine ganz andere Geschichte. Und diese handelt von der Sehnsucht nach einem Land, das sich die jugendliche Vorstellungskraft einst als Traumlandschaft erschaffen hatte. Es erweist sich jedoch, dass die Wirklichkeit weit hinter der Imagination zurückbleibt. Doch nun geschieht das Verblüffende: Gerade dies – die Ernüchterung – stärkt die Zuneigung zu dem Land der einstigen Träume.
Thomas Hettches Thriller ist denn vor allem eine Liebeserklärung an das verwirrende, das vielfältige und wandlungsfähige Amerika. Denn jenseits der aus der Vorstellung gewonnenen Bilder entdeckt Niklas Kalf eine Welt, die ihm auf eine irritierende Weise zugleich fremd und vertraut ist. Und so gelingt es Thomas Hettche, einen Amerika-Roman voll innerer Bewunderung und stiller Zuneigung zu schreiben in einer Zeit, da es gerade in Europa wieder einmal sehr chic geworden ist, mit einem gewissen Geschichtsdünkel auf Amerika hinunterzuschauen.
Die Wiederholung der Geschichte
Niklas Kalf ist nicht frei von solchen Anwandlungen; doch hat bei ihm das Klischee noch nicht die Form der Herablassung angenommen, sondern eher eine biedere Naivität bewahrt. Zwar wetterleuchtet es gewaltig hinter den Kulissen des Romans. Amerika mobilisiert seine Streitmacht, und Kalf kann einem damals geläufigen Denkbild, das Amerika mit dem römischen Imperium verglich, nicht widerstehen. Doch zuallererst und jenseits der Politik, für die er sich dann doch wenig interessiert, haben es ihm die Weite und die Leere der Landschaft angetan; sie sind ihm ein Reflex der angeblichen Geschichtslosigkeit des Landes. Rom oder Barcelona mit ihren archäologischen Ablagerungen vor Augen, erscheinen Kalf die aus dem Nichts erbauten Städte in Texas oder die unberührten Landschaften gänzlich unbelastet von jeglicher Geschichte.
Dass dann Kalf gerade hier, in Marfa, Texas, in Form eines einstigen Kriegsgefangenenlagers aus dem Zweiten Weltkrieg einen Ausläufer der deutschen Geschichte (und zuletzt auch die von den Erpressern gesuchten Papiere) findet, ist eine ironische Pointe in Thomas Hettches Roman, mit der die Wunschvorstellung einer Geschichtslosigkeit des Landes auf brutale Weise Lügen gestraft wird. Thomas Hettches Roman ist daher auch ein kluger Kommentar zu der weitverbreiteten, wohlfeilen Amerika-Feindlichkeit, die im Grunde auf einer enttäuschten Liebe beruht: Man hatte gehofft, in Amerika das bessere Selbst zu finden, und trifft daselbst doch nur auf eine kriegführende Nation und also auf eine Wiederholung der (eigenen) Geschichte.
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