1.)
- 4.)
Woran ich
glaube. Alphabet des Lebens.
Essay von Carlos Fuentes
(2004, DVA - Übertragung Sabine Giersberg).
Besprechung von Kersten
Knipp in Neue
Zürcher Zeitung vom 20.04.2004:
Zürich, eine tiefere
Stadt
Carlos Fuentes buchstabiert das
«Alphabet des Lebens»
Der fremde Blick ist bisweilen der ergiebigste. Nicht der gründlichste vielleicht, dafür aber der schöpferischste. Denn er sieht, was andere nicht sehen. Nichts ist ihm selbstverständlich, alles birgt Überraschung, Einsicht, Erkenntnis, gibt neuen Sinn und neue Bedeutung preis. Es gilt nur hinzuschauen. Hinzuschauen und stillzuhalten.
Und wirklich hält Carlos Fuentes still, als er 1950 zum ersten Mal in Zürich weilt. Ein junger Mann ist er da, Student an der Genfer Universität, Angestellter der Internationalen Arbeitsorganisation und Sekretär des mexikanischen Uno-Botschafters. Freunde haben ihn nach Zürich eingeladen, und als wäre die Stadt nicht schon Erlebnis genug, wird sie dem angehenden Schriftsteller zum Ort einer Begegnung, die er sein Leben lang nicht mehr vergessen wird. Denn gleichzeitig hält sich, als Schweizer Wahlbürger und Gast des Hotels Dolder, auch Thomas Mann in Zürich auf: steif, streng, zurückhaltend; leidenschaftlich nur in den wenigen selbstvergessenen Momenten.
Scheuer Beobachter
Und es ist die Kunst des scheuen Beobachters Fuentes, ihn in eben diesen Momenten nicht aus den Augen zu lassen. So entgeht ihm auch nicht, wie der Grossschriftsteller die Augen nur auf einen wirft: den jungen Kellner des Hotels, wunderschön in seiner Jugend, unerreichbar aber für ihn, den Alten, der solche Jugend niemals mehr wird kosten können. Doch verzweifeln muss Mann nicht darüber, die Begierde bleibt flüchtiger Hauch, aufgelöst durch den Alltag, in den Tochter Erika den Vater sanft zurückführt. So ist es bloss ein kleiner Ruck am Ärmel, der, bereitwillig befolgt, für Fuentes das grosse Geheimnis der Kunst offenbart: den Willen zu Abkehr und Verzicht. «Für Mann, das sah ich an diesem Morgen, hatte die künstlerische Form Vorrang vor dem verbotenen Leib.»
Kontrollierter Rückzug, niedergehaltene Leidenschaft: Vielleicht ist dies Askese, ganz sicher aber Dienst am Lebenswerk. Denn Schriftsteller gehören zu den gefährdeten Wesen. Der verfressene Balzac, der zügellose Baudelaire, der ausschweifende Coleridge - jeder entflieht den Mühen des Schreibtischs auf seine Weise. Dass sie aber immer wieder an ihn zurückkehren, eben dieser Akt macht für Fuentes das Geheimnis der schöpferischen Arbeit aus: «Die Regel für Kreativität steht fest. Sie lautet Disziplin. Allein sein können. Das Ich in etwas zu projizieren, das die Person übersteigt.» Kunst, das ist ganz altmodisch eben auch die Bereitschaft zu Ordnung und Zucht, und darum tut Erika Mann dem Vater einen grossen Gefallen, wenn sie ihn aus der erotischen Wacht zurückzieht in jene «Ordnung des Geistes, der Literatur, der künstlerischen Form, wo Thomas Mann der Herr und nicht nur das Spielzeug seiner Emotionen ist».
Grosser Essayist
Doch diese Erfahrung, berichtet Fuentes weiter, hielt Zürich nicht nur für Thomas Mann bereit. Auch andere Grosse kamen in die Stadt: Joyce, Tzara, Lenin; sie schufen Sprachkunst, Dada, Umsturzpläne. Und wieder ist es an Fuentes, dem Beobachter, hieraus grosse Schlüsse zu ziehen: «Zürich, die Schatztruhe der Archetypen der modernen Welt? Bei weiterer Betrachtung, warum nicht?»
Und doch, lässt Fuentes in seinem wunderbaren Essay- und Bekenntnisband «Woran ich glaube. Alphabet des Lebens» erkennen, ist Zürich nur eine unter vielen Heimstätten der Moderne. Auch das Spanien des Cervantes gehört dazu, auch Lateinamerika, der von den Landsleuten des grossen Dichters aus seiner Geschichte geworfene Kontinent, gezwungen, sich nach dem Rückzug der Eroberer noch einmal neu zu erschaffen. Die Texte, die Fuentes der spanischsprachigen Kultur widmet, stellen ihn auch als den grossen Essayisten und Historiker vor, als der er dem deutschsprachigen Publikum bisher nur wenig bekannt ist. Das ist umso bedauerlicher, als sich die Probleme «Iberoamerikas», wie das gleichnamige Kapitel dieses sehr persönlichen und in höchstem Mass anregenden Essay- und Bekenntnisbandes zeigt, von denen Europas in mancher Hinsicht kaum unterscheiden. Hier wie dort schlagen sich die Menschen mit der stets gleichen, doch immer wieder neu durchlebten Herausforderung: Orientierung zu stiften in einer unübersichtlichen, chaotischen Welt. «Die Moderne», diagnostiziert Fuentes, ist «ein endloses Projekt, auf ewig unabgeschlossen». Ob es sich wenigstens steuern lässt? Auf der Suche nach Beistand schaut Fuentes in alle nur denkbaren Richtungen, scheut auch den Blick nach oben nicht: Auch «Gott» und «Jesus» zählen zu seinen Referenzpunkten, wenngleich ihre Macht an der Grenze zum kostbarsten und gefährlichsten Gut des Menschen, der Freiheit, endet. «Jesus als lebendiger Kern menschlicher Möglichkeiten und Widersprüche», bekennt Fuentes, «ist für mich die eingängigste und bleibendste unter den Christusvorstellungen.»...Fortsetzung
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2.)
Woran ich
glaube. Alphabet des Lebens.
Essay von Carlos Fuentes
(2004, DVA - Übertragung Sabine Giersberg).
Besprechung von ela
aus Rheinischer
Merkur, 29.04.2004:
Der vor allen Dingen mit seinem Roman „Die Jahre mit Laura Diaz“ bekannt gewordene Romancier Carlos Fuentes hat mit seinem neuen Buch „Woran ich glaube. Alphabet des Lebens“ ein privates und politisches Glaubensbekenntnis abgelegt. Der ehemalige mexikanische Botschafter und Harvard-Dozent erlaubt als Privatmann, Politiker, Schriftsteller und engagierter Essayist Einblicke in die Überzeugungen und Grundpfeiler seines moralischen Wertesystems. Entstanden ist ein Alphabet biografischer Schlüsselbegriffe von A wie Amor über B wie Buñuel, J wie Jesus und S wie Sociedad civil bis Z wie Zürich. Ein überzeugendes Leitmotiv ist die Dialektik von Politischem und Privatem, Globalem und Lokalem. Auf seinem Parforceritt durch Kultur, Geschichte, Politik und Philosophie Europas, Nord- und Südamerikas droht der transatlantische Denker allerdings selbst den Leser ein ums andere Mal abzuhängen.
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3.)
Woran ich
glaube. Alphabet des Lebens.
Essay von Carlos Fuentes
(2004, DVA - Übertragung Sabine Giersberg).
Besprechung von Nicole
Henneberg in der Frankfurter
Rundschau, 14.7.2004:
Linke Träume und literarische
Zebras
Carlos Fuentes legt seine Bekenntnisse
vor, triff den Surrealistenfreund Luis Bunuel und hofft auf Besserung der Welt
Phantastisches berichteten die Entdecker vom
amerikanischen Kontinent nach Europa. Sie beschrieben blondgelockte Sirenen mit
Fischschwänzen, hausgroße Meereschildkröten und glutheiße Feuersalamander,
deren Haut kalt ist wie Eis. Der ganze Kontinent schien ein verzauberter Ort zu
sein, an dem blutige Riten, unvorstellbarer Reichtum und edle Träume
verschmolzen. An dieser Hypothek trägt der in seinem Land als politischer Autor
wie als Erzähler hochangesehene Carlos Fuentes bis heute. Er ist als
Diplomatenkind in Washington aufgewachsen, hat in Genf studiert und vertrat
Mexiko mehrere Jahre lang als Botschafter in Paris; Erfahrungen, die seinem
Bekenntnisbuch Woran ich glaube unmittelbar eingeschrieben sind als der
Versuch, eine Balance zwischen polyglottem Lebensgefühl, europäischem Wissen
und lateinamerikanischer Hoffnung herzustellen. Er ist stolz auf sein Land, in
dem schon einmal eine Revolution gelang; und vertraut auf die Wiederbelebung
ihrer positiven Energien.
Das Zauberwort ist gleich geblieben und heißt auch heute noch
"menschliches Kapital", für Fuentes die stärkste Waffe gegen die
Zumutungen und Nivellierungen des globalen Kapitalismus. Es sind die ehrwürdigen
linken Träume, die er, geprägt vom demokratisch-humanitären Aufbruch unter Lázaro
Cárdenas in den dreißiger Jahren, mit unverminderter Leidenschaft beschwört:
lokale Wirtschaftsprojekte, ermöglicht durch Kleinkredite; Nachbarschaftshilfe,
Lektürezirkel und Barfußärzte. Fuentes glaubt an die Selbstheilungskräfte
der zivilen (im Buch heißt es missverständlich der "bürgerlichen")
Gesellschaft gegen die Wunden der Globalisierung und so bilden Educatión,
Experiencia, Libertad und Sociedad Civil ein unauflösliches, argumentatives
Netz, dessen Fäden im Stichwort Revolución zusammenlaufen; gekrönt von den
bis heute tragfähigen Errungenschaften Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
- die französische ist seine Lieblingsrevolution.
Roman, der große Bewahrer
Auf diesen (vor vier Jahren in deutscher Übersetzung
erschienenen) Roman, die Geschichte der Großeltern väterlicher- wie mütterlicherseits,
nimmt Carlos Fuentes in seinen Bekenntnissen immer wieder Bezug, um das epische
Erzählen als einzigen, wenn auch stets blind entstandenen Beweis gegen das
Vergessen und Verschwinden anzuführen: "Die Geschichte ist eine Flasche,
die ins Meer geworfen wurde. Der Roman ist das in der Flasche gefundene
Manuskript", postuliert er unter dem Stichwort "Novela" und bürdet
dem Roman damit viel auf. Er soll bewahren, was die menschliche Quintessenz
ausmacht: den Glauben an die eigene Identität, die Liebe und die Hoffnung auf
einen möglichen gesellschaftlich-humanitären Fortschritt. "Ich glaube an
Balzac", schreibt Fuentes, weil keiner "so dezidiert der
gesellschaftlichen Wirklichkeit ihren Platz gibt und darum herum ein Gespenst
aufbaut, das als Warnung dient: die phantastische Erzählung". Seine
Figuren sind mit so viel Leidenschaft ausgestattet, dass sie den Leser - ob er
will oder nicht - zum Komplizen ihrer Irrtümer werden lassen; nur Don Quichote,
der besessene Leser, der seiner Phantasie mehr traut als seinen Augen, sei ihm
darin noch ebenbürtig.
Viel hat Fuentes gelesen, und er spart nicht mit Verweisen auf so gut wie alle
großen Philosophen und den Fundus der europäischen Kulturgeschichte, was die
Lektüre manchmal etwas ermüdend macht. Als könnte der Brückenschlag zwischen
Lateinamerika und Europa nur gelingen, wenn ein poeta doctus besessen
Stein auf Stein schichtet. Wie abweisend, trotz aller postulierten Intimität,
sich diese Detailhäufung liest, macht gerade sein Kronzeuge für den
politischen Mut deutlich: György Konrad erzählt, ohne alle staatstragenden
Formulierungen, von den winzigen Akten der Sinnlichkeit, Kreativität und
Freundschaft, die eine ganze Gesellschaft zu retten vermochten. Und plötzlich
versteht man das Dilemma: Fuentes wollte gleichzeitig ein programmatisches und
ein ganz privat autobiographisches Buch schreiben; und konstruierte ein sorgsam
gebautes, streng gegliedertes Gedankengebäude, in dem sich manchmal überraschende,
anarchisch-spielerische Durchblicke öffnen.
Das Kapitel "Yo" ("Ich") ist ein solcher: zuerst bahnt sich das Ich zwar den kategorialen Weg zur Person und weiter zur Gesellschaft, findet sich plötzlich aber bestürzt vor einem Spiegel wieder und verliert den Boden unter den Füßen. Verzweifelt stürzt es sich auf den letzten, abzuarbeitenden Buchstaben - aber es fällt ihm, ganz unpassend, nur "Zebra" ein. Was ein Glück ist, denn hier endlich bricht die Lust am Erzählen den Disziplinpanzer auf und die Schrecken der Nacht und des Traumes beginnen, in Gestalt literarischer Zebras, zu galoppieren.
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4.)
Woran ich
glaube. Alphabet des Lebens.
Essay von Carlos Fuentes
(2004, DVA - Übertragung Sabine Giersberg).
Besprechung von Andreas
Steppan im Münchner
Merkur, 04.02.2005:
Leben von A bis Z
"Was ich glaube": Carlos Fuentes' Bilanz
Carlos Fuentes schrieb schon mit 30 Literaturgeschichte. Romane wie "Nichts als das Leben" prägten das Schreiben einer Generation mit, und der Erfolg hielt sich über Jahrzehnte bis hin zum jüngsten Bestseller "Die Jahre mit Laura Díaz". Zwischenzeitlich bestimmte er wie kaum ein anderer die Debatten über politische Entwicklung und kulturelle Identität Lateinamerikas. Nun, mit über 70, wäre es bei einer so bedeutenden Persönlichkeit an sich Zeit für die Autobiografie.
Doch Konventionen liegen dem Mexikaner nicht.
Fuentes verzichtet auf die übliche selbstverliebte Schilderung der eigenen
Vita. Seine Lebensbilanz in Buchform, "Woran ich glaube", besteht aus
pointierten und tiefsinnigen Essays, die besser als jedes Erinnerungsbuch erklären,
was seine Persönlichkeit, seine Vorlieben und seine Überzeugungen ausmacht.
Auch hinter dieser Art von Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich steht natürlich
ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das auf den ersten Blick sogar etwas
pedantisch wirkt. "Alphabet des Lebens" ist der Untertitel des Buches,
was darauf hindeutet, dass Fuentes seine Essays nach Stichwörtern von A bis Z
geordnet hat.
Komme, was wolle, dieser Universal-Intellektuelle hat also zu allem etwas zu
sagen: Angefangen bei "Amor" und "Amistad", Liebe und
Freundschaft, geht es weiter bei Balzac und
Buñ~uel, "Celos",
Eifersucht, oder "Cine", Kino, und so fort. Zum Glück macht Fuentes
seine strikte Systematik am Ende bei Z wie "Zebra" mit etwas
Selbstironie verzeihlich. Mit einem eleganten intellektuellen Schlenker nimmt er
dieses merkwürdig gemusterte Tier zum Ausgangspunkt für eine rasante,
blitzgescheite Reise durch die Geschichte der fantastischen Weltliteratur.
Aus der Vogelperspektive
Auch bei den anderen Kapiteln muss man vor
Fuentes' Verstand, Bildung und Menschlichkeit kapitulieren. Der Mexikaner
fordert eine kontrollierte Entwicklung der Globalisierung, damit sie mit
sozialer Gerechtigkeit einhergehen kann, er warnt davor, den Terrorismus mit
einzelnen Ländern zu identifizieren, und tritt für ein offenes Miteinander der
Kulturen ein. An anderer Stelle gibt Fuentes aus der Vogelperspektive des reich
Belesenen Überblicke über weltgeschichtliche, kulturelle und philosophische
Zusammenhänge, wie man sie in dieser Kürze selten gesehen hat. Dazwischen
findet sich viel Lebensklugheit, die nur manchmal etwas zu laut danach schreit,
als Zitat auf einem Kalenderblatt zu landen.
Zutiefst bewegende Momente hat das Buch, wenn Fuentes Einblicke ins Private gewährt.
Seiner Ehefrau Silvia macht er eine wunderschöne Liebeserklärung. Und er
huldigt seinem Sohn Carlos Fuentes Lemus, dem Maler und Dichter, der mit 25
Jahren starb. Die Kapitel fügen sich wie ein Puzzle zum Bild eines
herausragenden Intellektuellen zusammen. Ohne eine zu sein, erfüllt dieses
"Alphabet des Lebens" die höchsten Ansprüche an eine Autobiografie.
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Leseprobe I Buchbestellung 0205 LYRIKwelt © Münchner Merkur