Wörterbuch von Jenny Erpenbeck, 2005, Eichborn1.) - 3.)

Wörterbuch.
Roman von Jenny Erpenbeck (2005, Eichborn).
Besprechung von Michaela Schmitz aus Rheinischer Merkur, 17.03.2005:

Schattenseite der Wörter
Jenny Erpenbeck schreibt über die Opfer der Diktaturen und entdeckt dabei die Gewalt der Sprache

Das „Wörterbuch“ von Jenny Erpenbeck ist kein alphabetisches Nachschlagewerk, sondern eine nach der Psycho-Logik eines gespaltenen Bewusstseins strukturierte niederschmetternde Sprachkunde. Ein oberflächlich intaktes Wortregister, tatsächlich aber ein Lexikon der Lüge mit einer nur scheinbar harmlosen Begrifflichkeit. Subkutan, unter einer hauchdünnen Schicht Normalität, lauern Gewalt und Terror.

Ein Mädchen wächst als Tochter eines hohen Militärs einer südamerikanischen Diktatur auf. Erst als die Revolution die Familie zur Flucht zwingt und den Vater schließlich ins Gefängnis führt, erfährt sie, dass sie adoptiert wurde, nachdem ihre leiblichen Eltern zu Tode gefoltert worden sind. Unfähig, die Wahrheit zu verkraften und mit der Freiheit umzugehen, gelingt es der namenlosen Ich-Erzählerin nicht, sich von den Mördern ihrer Eltern zu lösen. Ihr Schicksal ist eine Parabel vom Ende einer diktatorischen Gesellschaft und von seinen Folgen. Erpenbecks Buch ist ein lexikalisches Psychogramm der Opfer einer Gewaltherrschaft. Ihre geliehene Identität speist sich, auch während des unumkehrbaren unaufhaltsamen Verfalls und noch über den Zusammenbruch hinaus, aus der begrifflichen Prägung des Herrschaftssystems.

Das Mädchen kehrt schließlich zu seinen Stiefeltern - und die Geschichte am Ende zu den gewohnten Sprachmustern und vertrauten Satzgefügen zurück. Aber etwas hat sich verändert: Die Erzählung wird in der dritten Person fortgeführt. Grammatisches Symptom der Selbst-Entfremdung. Die Lüge ist die Wahrheit. Und andersherum. Vater und Mutter sind Vater und Mutter. Eltern. Milch trinkt man gegen Hunger. Trinken. Milch. Alles andere ist Lüge. Die Lüge, eine verblassende Spur der Erinnerung. Die Zeit, eine Frage des Blickwinkels. Der Tod, so der Adoptivvater, trifft zuerst „diejenigen welche, dann deren Freunde, dann die, die sich an sie erinnern, später alle, die Angsthaben“ und erst ganz zuletzt alle. Also: Festhalten an der Eindeutigkeit der Worte. Der Ball ist ein Ball. Auge, Nase, Mund. Das Messer ist ein Messer. Kein Folterinstrument. Keine Waffe gegen die Erinnerung. Und nicht das letzte Wort. Die Wahrheit, eine Lebenslüge. Denn in Wahrheit wird, die Ich- Erzählerin weiß es und will es doch nicht wissen, „irgendein Wort . . . wohl einmal das letzte sein, Messer vielleicht, oder irgendein anderes, irgendein Wort, das schon immer da war“.

Mit unerbittlicher Genauigkeit erstellt Jenny Erpenbeck die exakte Kartografie einer aus den Fugen geratenen Sprache und eines beschädigten Bewusstseins. Die formalen Mittel, die sie dazu einsetzt, eine experimentelle Sprache, die oft aber gerade durch ihre zwanghafte Originalität wieder an Kraft einbüßt. Was immer wieder besticht, ist der Klang, die höchst suggestive Sprachkomposition und der bis in die letzte Silbe, bis in die kunstvolle Interpunktion hinein ausgefeilte Sprachrhythmus. Der Leser wird einer monologisierenden, manchmal sogar geschwätzigen Kopfprosa ausgesetzt, die ihn mit einer ungeheuren Zentrifugalkraft durch den Text schleudert. Merkwürdig ist nur, dass der Text, ausschließlich auf sich selbst und nicht über sich hinausweisend, wie ein schwarzes Loch alles in sich zu verschlingen scheint. Wenige Eindrücke bleiben haften, selbst die kraftvolle Sprachlichkeit verblasst schnell. Und seltsamer noch, dass die Erzählung trotz Einsatz dieser gewaltigen sprachlichen Mittel nicht wirklich zu berühren vermag. ?

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Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur/Michaela Schmitz

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Wörterbuch von Jenny Erpenbeck, 2005, Eichborn2.)

Wörterbuch.
Roman von Jenny Erpenbeck (2005, Eichborn).
Besprechung von Harald Loch aus den Nürnberger Nachrichten vom 21.04.2005:

Zwischen den Welten
Jenny Erpenbecks verstörendes „Wörterbuch“

Ohne Schnickschnack und ohne Plot kommt Jenny Erpenbeck aus. Ihrem kurzen Roman „Wörterbuch“ fehlen alle die Accessoires der in Erzählschulen stromlinienförmig gestylten jungen deutschen Prosa, recht eigentlich sogar auch die Handlung. Das Buch bewegt sich in einer Welt zwischen der Wirklichkeit eines „Irgendwo und Irgendwann“ und einer darin eingeflochtenen Traumwelt. Ein Mädchen erzählt, wie es - von den Eltern sehr behütet - in einem nicht näher genannten Land aufwächst, in dem fast immer die Sonne scheint. Empört hört sie heimlich, wie ihre Großeltern sie „verwöhnt“ nennen.

Man könnte bei dem Spielort entfernt an „blühende Landschaften“ denken. Dort herrscht - oder herrschte? - ein gelegentlich nur assoziativ zu erlebendes Gewaltregime. Gelegentlich verschwinden Menschen, später auch die Statuen von ihren Sockeln. Irgendetwas hat sich verändert. „Mein Vater kennt sich mit den Strömungen aus“, heißt es wiederholt. Er ist in das unklar bleibende Geschehen verstrickt und wird zusammen mit ihrer Mutter später eingesperrt. Aber sind es überhaupt ihre Eltern? Haben sie nicht vielmehr ihre leiblichen Eltern umgebracht?

„Verstörend“ nennen wir solche Literatur. Man wird nicht über das hinter allem stehende Geschehen aufgeklärt. Die äußere Welt ist eine Andeutung, sparsam möbliert, ihr Nichts wird genauer beobachtet als ihr Material. Kaum etwas steht an seinem Platz. Das heißt aber auch, dass die Wörter in ihrer Bedeutung indifferent werden. Insofern ist der Roman wirklich ein „Wörter“-Buch, das die einzelnen Bestandteile seiner Prosa gegen andere Bedeutungen abgleicht. Zitate aus den vorchristlichen, althochdeutschen Merseburger Zaubersprüchen stehen neben Bestandteilen aus Predigten, wenn es gilt, den morschen Putz von den Wortfassaden zu klopfen. Selbst simple Spruchweisheiten aus deutschen Landen, kaum für literaturfähig zu halten, finden hier ihre Funktion.

Jenny Erpenbeck setzt diese Dekonstruktion von Worthülsen aber nicht etwa ein, um ein glänzendes Gebäude geistreicher Sprachspiele an ihrer Stelle zu errichten. Sie verzichtet geradezu ausdrücklich auf solche aus romanischen Literaturen geläufige Fingerübungen. Sie setzt das Kindlich-Unbeschwerte gegen etwas Düsteres. Ihre Virtuosität besteht darin, dabei das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Kontrastprogramm

Offenbar besteht mehr als nur eine konstruierte Nähe zwischen der traumhaften Idylle und dem grauenvollen Kontrastprogramm. Die den Lesefluss mit ihrer stark verdichtenden Prosa absichtlich hemmende Autorin klärt das nicht näher auf. Den Weg aus der Verstörung lässt sie den Leser allein gehen. Sie lässt ihm aber nicht etwa den Ausweg, das, was er nicht versteht, als „hermetisch“ abzutun, als etwas, was sich verstandesmäßig nicht nachvollziehen lässt. Darin liegt die Herausforderung an den Leser und der Respekt vor seiner Bereitschaft, Literatur nicht nur zur Ablenkung zu lesen. Jenny Erpenbeck lenkt den Blick gerade auf das, wovon er sich so gern abwendet.

Hochachtung vor dem Verlag und seinem Lektor Wolfgang Hörner, die solche Bücher verlegen und verantworten. Hier schreibt eine Autorin sehr zeitgemäß gegen den Zeitgeist.

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Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten

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Wörterbuch von Jenny Erpenbeck, 2005, Eichborn3.)

Wörterbuch.
Roman von Jenny Erpenbeck (2005, Eichborn).
Besprechung von Hans Christian Kosler aus der Neue Zürcher Zeitung vom 12.7.2005:

Die dunkle Seite des Mondes
Jenny Erpenbecks «Wörterbuch»

Inmitten des derben Wachstuch-Realismus der schreibenden Ossi-Frauen nimmt sie sich wie eine Wortkünstlerin aus. Die Sprache der 1967 in Ostberlin geborenen Schriftstellerin ist elegant, geschmeidig und frei von allem missionarischen und ideologischen Ballast. Wo andere sich dem banalen Nachbuchstabieren des Alltags verschreiben, setzt Jenny Erpenbeck auf Andeutungen und Ahnungen, die ihren Büchern eine merkwürdig anziehende Transparenz verleihen. Ein Kind stand im Mittelpunkt ihres ersten Romans («Geschichte vom alten Kind»), und auch ihr neues Buch, «Wörterbuch», handelt von einem kleinen Mädchen. Indem sich die Autorin vorwiegend in dessen Perspektive versetzt, folgt sie einem bewährten Stil- und Erkenntnismittel: Nichts trifft die Wurzel allen Übels empfindlicher als eben jener der Wahrheit verpflichtete Kindermund.

Es ist ein imaginäres Niemandsland, in das Erpenbeck ihren Leser entführt. Namen werden keine genannt, weder der des Mädchens noch der einer Stadt oder irgendeines topographischen Anhaltspunkts. Nur so viel erfährt man: dass dort immer die Sonne scheint und dass lediglich die Grossmutter einen entlegenen Teil des Landes kennt, in dem schneebedeckte Berge liegen. Schnell ahnt der Leser, dass diese scheinbar behütete Kindheitswelt mit ihrem grossbürgerlichen Interieur und dem Klavierunterricht, den das Mädchen bekommt, alles andere als heil ist. Der Vater sorgt in einem fensterlosen «Palast», vor dem graue Autos stehen, «für die Ordnung» und besitzt eine Dienstwaffe. Ein Ostberliner «Palast der Republik» oder ein Gefängnis? Das Mädchen muss in der Schule jeden Morgen mit blauem Halstuch, blauem Filzschiffchen und goldenem Abzeichen zu einem Fahnenappell antreten. Eine Mischung aus DDR und südamerikanischer Militärdiktatur – so ungefähr hat man sich das unheimliche Staatengebilde vorzustellen, das Erpenbeck zunächst nur chimärenhaft entstehen lässt. Doch die dunklen Ahnungen nehmen mit fortschreitender Lektüre Konturen an. Mehr und mehr entpuppt sich der Vater, den das kleine Mädchen liebt, als ein brutaler Scherge, und das Vokabular, das es gelernt hat, entstammt dem Wörterbuch des Unmenschen. Nur Wörter wie Ball, Auto, Vater und Mutter – so die Erzählerin – seien heil gewesen, alle anderen hatten «von vorneherein Schweigen als Bleigewicht an den Füssen, so wie der Mond seine dunkle Seite mit sich herumschleppt, sogar wenn er voll ist»...Fortsetzung

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