Tragödie/Wölkchen
in Hosen.
Gedichte von Wladimir
Majakowski (2002, Edition Urs Engeler - Übertragung Alexander
Nitzberg).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 15.2.2003:
Rauschbereites
Ich
Müssen Wolken Wölkchen
werden? Wladimir Majakowski, neu übersetzt
Unter den bedeutenden Literaturübersetzern
aus dem Russischen ist der Dichter Alexander
Nitzberg gewiss der streitlustigste. Wer sich die derben Angriffe ansieht,
die der 1969 in eine Moskauer Künstlerfamilie hineingeborene Autor seinen
Kollegen widmet, kann den prekären Eindruck gewinnen, hier werde mutwillig ein
Verdrängungswettbewerb gestartet. Die meisten kanonischen Übersetzungen
moderner russischer Poesie - von Ralph
Dutli, Peter Urban oder Felix
Philipp Ingold - verwirft Nitzberg als mehr oder minder fehlerhafte
Freveleien am Urtext.
In einem bislang noch unveröffentlichten Essay hat Nitzberg in stolzer
Apodiktik definiert , worauf es ihm - etwa bei der Übersetzung von Gedichten Anna
Achmatowas - ankommt: nämlich auf die "exakte prosodische Nachbildung
der Textvorlage (in Rhythmus, Melodik, Reim)". Die Kühnheit dieses
Glaubens an die semantische und phonetische Texttreue manifestiert sich nun auch
in seiner jüngsten Übersetzungs-Tat, der Übertragung zweier futuristischer Frühwerke
von Wladimir Majakowski. Nicht weniger als eine kongeniale Mimesis der "gänzlich
neuartigen Reimtechnik" Majakowskis hat sich Nitzberg vorgenommen, nebst
der überfälligen Revision der "zahlreichen Missverständnisse und
Bezugsfehler", die nach Nitzbergs Ansicht in den bislang existierenden Übertragungen
zu finden sind. Tatsächlich gibt es in Sachen Majakowski einen markanten
Revisions-Bedarf, basiert doch das Bild des Dichters noch immer auf den
Vermittlungsbemühungen des österreichischen Essayisten Hugo Huppert, der den
Lebensweg Majakowskis als glücklichen Reifungsprozess vom verworrenen
futuristischen Feuerkopf zum klassischen Revolutionär idyllisierte.
Den bilderhungrigen Avantgardisten aus der georgischen Provinz, der schon unter
Stalin zur Ikone des autoritären Sowjetkommunismus umfunktioniert wurde, will
nun Nitzberg gegen alle ideologischen Vereinnahmungen als virtuosen
Sprachartisten retten. Tatsächlich fallen die ersten Werke des tragischen
Dichters - die Verstragödie Wladimir Majakowski und das lange Poem Wolke
in Hosen, die Nitzberg nun in neuer Übersetzung vorlegt - noch in die Jahre
1913 bis 1915, da sich Majakowski mit allen Mitteln der exzentrischen
Selbstinszenierung in die Spektakel des russischen Futurismus stürzte. Der
zwanzigjährige Dichter agierte damals als hochbegabter lyrischer Bürgerschreck,
der in seinen Gedichten die Multiperspektivität der kubistischen Malerei in
eine bizarre Metaphorik übersetzte. Sein erstes poetisches Lebenszeichen war im
Mai 1913 die Veröffentlichung des vierteiligen Poems Ich!, das wegen
seines hochfahrenden Gestus so manchen literarischen Zeitgenossen zu einem
drastischen Urteil veranlasste. "Vorsicht! Da brüllt ein
Menschenfresser!" , urteilte etwa Alexey Krutschonych, und Marina Zwetajewa
mokierte sich über den Ich-Exhibitionismus des jungen Kollegen. Auch Wolke
in Hosen beginnt mit einer Hypostasierung des Ich, das als enttäuschter
Liebhaber der verlorenen Geliebten hinterher trauert, aber die Trauer in eine
heftige Anklage gegen alle religiösen, ästhetischen und politischen Normen ummünzt.
Der Verzweiflungsschrei nach Liebe fraternisiert in den insgesamt vier Teilen
des Poems mit dem typisch avantgardistischen Gestus des Bildersturms. Ein erklärter
"Schreihals-Zarathustra" räumt auf mit der traditionellen Kunst und
Poesie.
Im furiosen Schlusskapitel von Wolke in Hosen inszeniert das liebesnärrische
und rauschbereite Ich den Angriff auf Gott. Es ist schon erstaunlich, dass
dieses ketzerische Evangelium eines Rebellen, dieses stilistische Wechselbad aus
überhitztem Expressionismus, larmoyantem Liebes-Pathos, blasphemischem
Wutschrei und alltagssprachlicher Derbheit, auch noch fast hundert Jahre nach
seiner Niederschrift seine poetische Frische bewahrt hat. Dass die poetische
Hass-Energie und die ästhetische Virtuosität des frühen Majakowski uns auch
heute noch erreichen, ist ein unzweifelhaftes Verdienst der Nitzberg-Übersetzung.
Tatsächlich gelingt es dem Übersetzer, für die von ihm präzis analysierte
Reimtechnik Majakowskis mit ihren vielfach verschlungenen Binnenreimen und
Assonanzen sehr dynamische und bildkräftige Entsprechungen zu finden. An
einigen Stellen führt die Artifizialität der Reim-Übertragung aber zu
manieristisch verschwitzten Nachbildungen. Majakowskis lyrische Antizipation der
großen politischen Umwälzung von 1917 liest sich in einer früheren Übertragung
von Alfred Edgar Thoß poetisch schlüssig: "Ich, das Gespött der
Menschheit von heut, / lang und scharf wie ein schlüpfriges Lied, / ich sehe
jenseits des Gebirges der Zeit, / einen Schreitenden, den niemand sieht. / Wo
die stumpfen Blicke der Generationen / an den Häuptlingen hungriger Horden
verlechzen, / geht, geschmückt mit dem Dornenkranz der Revolutionen, / das Jahr
neunzehnhundertsechzehn." In seinem Verlangen nach eigensinniger Reimkunst
hat Nitzberg die gleiche Stelle in ein recht preziöses Deutsch transferiert,
wobei klanglich reizvolle und metaphorisch sehr taube Partien miteinander
kollidieren: "Ich, / umgreint von Menschensippen, / ein langer / obszöner
Witz, / nehme selbst über zeitliche Klippen / von dem, was da kommt, Notiz. /
Denn fern, wo die Augen schlecht sehn, / da schreitet im Dornenkranz / das Jahr
neunzehnhundertsechzehn, / als Haupt eines hungernden Aufstands." Hier bewährt
sich der Übersetzer Nitzberg zwar als jener "Rastelli der Reimkunst",
auf den Peter Rühmkorf
schon so manche Eloge gesungen hat. In seinem Anspruch auf lyrische Kongenialität
riskiert der Übersetzer aber viele waghalsige Fügungen, die - wie das
ungelenke "umgreint von Menschensippen" oder die Wahl des Diminutivs
im Poem-Titel Wölkchen in Hosen - nur dem übersetzerischen Überbietungszwang
geschuldet sind, nicht aber der Poesie.
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