1.) - 3.)
Wo das
Meer beginnt.
Roman von Bodo
Kirchhoff (2004, Frankfurter Verlagsanstalt)
Besprechung von Dieter
Lohr, 10.9.2004:
Die Liebe, das Leben – und das Erzählen darüber
Eine verunglückte Liebesgeschichte, ein unglücklicher Schiedsspruch, dann eine unglückliche Liebesgeschichte, dann noch eine und schließlich ein unerwartetes Ende. Ein glückliches? Bodo Kirchhoff spannt den Bogen des Erzählens. Er spannt ihn weit, immer weiter – fast bis zum Zerreißen.
Nach einer Probe für das Schülertheater begeben
sich die beiden Hauptdarsteller Viktor Haberland und Tizia Jentsch auf ein Schäferstündchen
in den Keller des Gymnasiums. Es kommt zu „irgend etwas zwischen verunglückter
Liebe und verunglücktem Sex“, das Mädchen schreit, der Hausmeister alarmiert
das Lehrerkollegium, das gerade eine Tür weiter den Geburtstag der Rektorin
feiert und – mit noch vollen Mündern – geschlossen anrückt und Viktor und
Tizia in flagranti ertappt. Nur: Wobei?
Und nun haben die neun Oberstudienrätinnen, -räte und eine -rektorin darüber
zu entscheiden, wo die Grenzen zwischen Liebe, Sex und Gewalt verlaufen, ob hier
eine Vergewaltigung stattgefunden hat und ob Viktor von der Schule fliegt oder
noch sein bevorstehendes Abitur ablegen darf.
Später bietet der Protokollant der Sitzung, Dr. Branzger, Viktor einen Deal an:
„Ich erzähle dir, mit Hilfe dieser Unterlagen und der Erinnerung, was in der
Konferenz über dich gesagt wurde, und du erzählst mir, nur mit Hilfe der
Erinnerung, was an dem Abend nach der Theaterprobe zwischen dem Mädchen und dir
wirklich passiert ist. Meine Geschichte aus dem Besprechungsraum, Haberland,
gegen deine Geschichte aus dem Keller.“
Noch später – nämlich zwölf Jahre – reflektiert Viktor, mittlerweile
Mitarbeiter des Goethe-Instituts Lissabon, über dieses Gespräch mit Branzger,
vielmehr über die teils nächtelangen Gespräche, und natürlich über den
Vorfall selbst. Anlass sind ein vorzubereitender Vortrag über ‘Das traurige
Ich’, sowie das anstehende Wiedersehen mit Tizia.
„Wer etwas erzählen will, muss einen Berg versetzen. Erst trägt man ihn nach und nach ab und lernt dabei alles kennen, was später in der Geschichte vorkommen soll, dann richtet man ihn unter noch ungleich größerer Mühe anstelle der Wirklichkeit wieder auf. Und das nicht in der Reihenfolge, in der man ihn abgetragen hat, da hätte man sich die Plackerei sparen können, sondern nach den Gesetzen der Schönheit; und wenn ich von Schönheit rede, meine ich damit weder, dass es an jeder Stelle gut klingt und noch dazu gut endet, noch dass man alles verstehen muss oder durch Tricks bei der Stange gehalten wird. Ich meine damit eher eine verborgene Schönheit, die sich erst im Bogen des Ganzen zeigt, aber so weit sind wir noch lange nicht; wir stehen noch am Anfang, und nun trink erst mal den Kaffee…“
Nach eben diesem Motto baut Kirchhoff seinen
ganzen Roman auf. Von verschiedenen Seiten und auf unterschiedlichen Ebenen und
Meta-Ebenen nähert man sich dem Vorfall im Keller, und dabei greift alles so
genau ineinander, dass es einem mitunter fast schon zu perfekt erscheint, zu
oberstudienrätlich, und zuweilen glaubt man eben den ‘Lehrerroman’ vor sich
zu haben, den Branzger so eloquent karikiert.
Nichtsdestotrotz: Spannend und kurzweilig ist die Sache allemal. Das Ende aber
ist ein dickes: Unmerklich drängen die so kunstvoll gewobenen und gefädelten
Neben- und Parallel-Handlungen den Vorfall im Keller nicht in den Hintergrund,
sondern bauen ihn als das ‘Es’ in das Gesamtkonzept ein, das Gesamtkonzept
des Romans, des Erzählens, der Person Viktor, des Lebens und Liebens im
Allgemeinen. Das Wesentliche liegt anderswo als im Anlass. Auch ist der Anlass
keineswegs die Ursache. Wie weit der Bogen des Erzählens wirklich gespannt ist,
wird tatsächlich erst im Ganzen des Romans und mithin am Ende klar.
Bodo Kirchhoff ist mit ‘Wo das Meer beginnt’ wieder einmal ein großartiges Erzählwerk gelungen: Packend, mitreißend und voll tiefer Weisheit.
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2.)
Wo das
Meer beginnt.
Roman von Bodo
Kirchhoff (2004, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Jamal
Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 20.9.2004:
Weit ausholen
Ein festliches Ereignis: Bodo Kirchhoff
liest im Literaturhaus
"Natürlich kann die Liebe auch
Not sein", heißt es in Bodo Kirchhoffs neuem Roman Wo das Meer beginnt.
Das Zitat lässt sich programmatisch auffassen. Nicht zum ersten Mal steigt der
Frankfurter Autor durch die Dunkelkammern der Liebe, die allenfalls von lunaren
Effekten aufgehellt werden. Seit dem Debüt Ohne Eifer, ohne Zorn
schreibt er gegen ein abwiegelndes, wenn nicht steriles Verständnis der Übereinkünfte
und Festlegungen an, in denen Menschen Halt suchen, um aufs Ganze zu gehen.
Natürlich versteht man sich auch da leicht falsch. Das ist die Ausgangslage im
Roman. Der Abiturient Haberland könnte am Ende eines Schultheaterabends zu weit
gegangen sein bei seiner Mitschülerin Tizia, die von ihrer Mutter unnachsichtig
auf die Rolle der Aparten festgelegt wurde. Außer Frage steht, dass ihr seine
Avancen nicht gleichgültig waren. Fraglich ist, ob sie im Einzelnen auch
wollte, was sich daraus ergab. Kirchhoff las diese, von ihm so bezeichnete
"Ouvertüre" im hervorragend besuchten Frankfurter Literaturhaus
erstmals öffentlich: in einem dramatischen, vom Publikum ständig beifällig
aufgenommenen Vortrag.
Man konnte das weit Ausholende daran aber auch riskant finden, eben so wie den
Gegenstand der Emphase, der nicht frei ist von schwülen Stellen. Die
Suchbewegungen am Leib, aus denen Kirchhoffs Prosa kommt, haben oft etwas
Heikles. Die Helden dieses Autors fürchten Pathos nicht. Das gilt für Branzger,
einem Haberland außerordentlich gewogenen Lehrer, der auch noch nach Jahren an
einer Auflösung der Geschichte im Theaterkeller des fiktiven Frankfurter Hölderlin-Gymnasiums
interessiert ist. Er möchte seine Version der Vorgänge gegen Haberlands
Wahrheit eintauschen und liefert dazu noch eine eigene Liebesgeschichte, die in
Lissabon spielte.
Lissabon ist aber auch der Schauplatz einer weiteren, unerhörten Begebenheit.
Haberland, inzwischen mit Veranstaltungen eines deutschen Kulturinstituts in der
portugiesischen Hauptstadt befasst, trifft Tizia als Rezitatorin wieder. Im
Literaturhaus deutete Kirchhoff diesen Gang der Ereignisse nur an.
Immer wieder sprach der Autor sein Publikum direkt an, vor dem er sich im Abgang
wie ein Schauspieler vor dem Vorhang verneigte, so als sei das Podium seines
Vortrags eine Bühne. So hochgestimmt und festlich waren bereits die
einleitenden Worte seines Verlegers Joachim Unseld gewesen. Er hob die Lesung in
den Rang eines literarischen Großereignisses. Die Resonanz schien diese
Zuordnung zu bestätigen.
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3.)
Wo das
Meer beginnt.
Roman von Bodo
Kirchhoff (2004, Frankfurter Verlagsanstalt)
Besprechung von Martin Lüdke in DIE ZEIT,
23.3.2005:
Was geschah damals auf der Matratze im Keller?
Mit dem Roman »Wo das Meer beginnt« hat
Bodo Kirchhoff seinem alten Thema Sex und Gewalt eine neue und souveräne Form
gegeben
Es geht, wie immer bei Kirchhoff, um Liebe, Sexualität und Gewalt, um homoerotische Motive und, eher neu, ums Altern. Es geht aber auch um den freien Willen und die Versuche der neurologischen Hirnforschung, den »Geist« mit Hilfe biochemischer Verfahren zu erfassen. Shakespeares Sommernachtstraum spielt eine Rolle, dazu der Kunstbesitz ehemaliger Frankfurter Juden. Mozarts Così fan tutte klingt durch. Aber vor allem das vielstimmige, oft etwas zu kernige Gerede eines überalterten Lehrerkollegiums, in dem der Fall des Helden hin und her gewendet wird. Es geht ebenfalls um eine dem Versuch angepasste Poetologie, die etwas aufgesetzt wirkt.
Am Ende bleiben dabei einige blinde Motive auf der Strecke. Entsprechend schwer, um nicht zu sagen: schwerfällig kommt die Erzählung in Gang. Dennoch bleibt die Frage, wie diese Einwände zu gewichten sind. Denn dort, Wo das Meer beginnt, beginnt auch eine nicht nur unterhaltsame und bewegende, sondern vor allem spannend erzählte Geschichte. Mit dem Ich-Erzähler, jetzt Anfang 30, einem Dr. Branzger, der 1979 bereits seinen ersten Auftritt hatte (Ohne Eifer, ohne Zorn), stellt der Autor eine facettenreiche, faszinierende Persönlichkeit vor. Branzger will von Viktor Haberland, seinem Schüler, wissen, was da im Keller des Frankfurter Gymnasiums vor sich gegangen sei. Nach einer Theaterprobe waren Haberland und eine Klassenkameradin auf einer Matratze im Keller über die bloße Probe der gespielten Liebe hörbar hinausgegangen. Am nächsten Tag hatte das Mädchen behauptet, es sei von Haberland, immerhin Sohn eines hessischen Landesministers, vergewaltigt worden. Seitdem sind zwölf Jahre vergangen. Jetzt sitzt Haberland als Mitarbeiter des Goethe-Instituts in Lissabon, bereitet eine Veranstaltung mit dem passenden Titel Das traurige Ich vor.
Auf diesen geplanten Abend laufen die verschiedenen Erzählstränge zu. Einer der zu erwartenden Gäste ist ebenjenes Mädchen, das vor zwölf Jahren Beteiligte dieses Schulskandals war. Jetzt, zwölf Jahre danach, entwickelt Haberland im Gespräch mit dem Lehrer die – ganze? – Geschichte. In diesem Sinne handelt es sich hier buchstäblich um ein Experiment. Es spricht einiges für die Vermutung, dass Kirchhoff die experimentellen Energien seiner frühen Versuche neu geformt hat. Alles, was er schreibt und denkt, kreist um das Energiezentrum, das er zwischen Eros und Narzissmus lokalisiert. Wo er sich einst, beim Bodybuilding oder Bordellbesuchen, selbst zum Gegenstand der Beobachtung gemacht hatte, wo er dann später, in der Mexikanischen Novelle bis hin zu Infanta, auf exotischen Schauplätzen das Ich seiner selbstverliebten Helden spiegelte, an dieser Stelle hat sich etwas verändert. Ein Formprinzip wird erkennbar, das sich als Ergebnis einer Reflexion auf die eigenen Voraussetzungen darstellt. Kirchhoff lässt seine Figuren nach der Genese ihrer Beschädigung forschen. Zudem stellt sich Haberland keineswegs als narzisstischer Charakter dar. Er wird vielmehr von seiner Umgebung als Narzisst eingestuft. Diese Zuschreibung markiert die Veränderung: als soziale Diagnose. Der (frühere) pathologische Befund wird (jetzt) zur konventionellen Münze, zum Gegenstand beiläufigen Geredes.
Nach dem Schundroman ist das tatsächlich ein Unterhaltungsroman. Allerdings raffiniert komponiert. In der Rekonstruktion der Gespräche, die das Geschehen im Schulkeller aufhellen sollten, rückt zugleich der Zeitpunkt der erneuten Konfrontation der einstigen Protagonisten immer näher. Dazu tritt der andere Gesprächspartner, Dr. Branzger, mit seinem eigenen Schicksal immer deutlicher ins Zentrum. Eine eher bescheidene Pointe setzt schließlich ein Frankfurter Hirnforscher. Es ist also, vom Ende her gesehen, eine ziemlich anspruchsvolle Versuchsanordnung, die Kirchhoff erzählend so abarbeitet, dass seine alte monomanische Besessenheit von Sex, Liebe und Gewalt nicht mehr verbissen exerziert werden muss, sondern leicht und souverän entfaltet werden kann.
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