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Witterungen.
Buch von Julien Gracq (2001, Droschl - Übertragung Dieter Hornig).
Besprechung von Thomas Laux in Neue Zürcher Zeitung vom 8.11.2001:

Grenzbewohner
Julien Gracqs «Witterungen»

Unter den Ikonen der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts hat er seinen festen Platz, und noch heute, trotz einer seit langem zum Stillstand gekommenen Buchproduktion, umgibt seinen Namen eine Aura von Mythos und Geheimnis. Der mittlerweile 91-jährige Julien Gracq hat mit einem vergleichsweise kleinen Œuvre (einer Handvoll Romanen, einem Theaterstück, einigen Erzählungen und ein paar Bänden anspruchsvoller Literaturkritik) den Sprung in das Pantheon der Pléiade schon zu Lebzeiten geschafft, womit die Reverenz an die Klassizität seines Werkes bereits sanktioniert worden ist. In dem jetzt auf Deutsch erschienenen Band «Witterungen» (im Original: «Lettrines», von 1967) zeigt sich Gracq wieder als das, was ihn im Herzen ausmacht - als Stilisten, hier vor allem in der von ihm favorisierten Form des abgeschlossenen Fragments und ähnlich wie in dem vor wenigen Jahren auch auf Deutsch erschienenen Band «En lisant en écrivant» (deutsch: «Lesend schreiben»)....
Fortsetzung

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2.)

Witterungen.
Buch von Julien Gracq (2001, Droschl - Übertragung Dieter Hornig).
Besprechung von Hans-Jürgen Heinrichs aus der Frankfurter Rundschau, 28.2.2002:

Erkundungen am Rande des Sehfelds
Die Aufzeichnungen von Julien Gracq sind eine Entdeckungsreise durch die Literatur der Moderne

Unter dem ebenso schlichten wie geheimnisvollen Titel Witterungen ist nun endlich der erste Band von Julien Gracqs Aufzeichnungen, die er bis 1973 geführt hat, auf Deutsch erschienen. Der (eher ungewöhnliche) Plural verweist darauf, dass es nicht nur um eine meteorologische Bestimmung geht, sondern vielmehr um Stimmungen und Gestimmtheiten, die sich am Wechsel und an der Dynamik des "himmlischen" Geschehens entfachen: am nahenden Gewitter zum Beispiel oder am strahlenden wolkenlosen Himmel. Ja, der Begriff "Witterungen" umfasst, im Sinne Gracqs, das intensive Einfühlen in die Natur insgesamt und meint auch: "die Witterung, die Spur, die Fährte aufnehmen", etwas beriechen und auf etwas frühzeitig aufmerksam werden, es gleichsam eratmen. Diese Wortbedeutung lenkt den Blick bereits darauf, dass die Naturverbundenheit dieses im deutschsprachigen Raum nie populär gewordenen Wörter-Jongleurs nur einen Schwerpunkt der Aufzeichnungen bildet. Erst einmal steht Gracqs Umgang mit der Literatur im Vordergrund, die er, mit der Kraft seiner Sinne, "beriecht".

Fasziniert ist er vor allem vom Roman, in dem für das Nebeneinander kein Platz sei, überall mache sich der Zusammenhang breit. Diese poetologische Überzeugung prägt auch die Form seiner Skizzen. Selbst wenn es in der Natur von Aufzeichnungen liegt, dass sie fragmentarisch und sprunghaft sind, dass Beobachtungen, Reflexionen und Interpretationen zumeist eher zwanglos nebeneinander stehen, so haben doch gerade die Meister dieses Genres (wie etwa Elias Canetti, Ernst Jünger, E. M. Cioran oder eben der 1910 geborene Julien Gracq) gezeigt, dass sich auch hier im Kern das Prinzip behauptet, das Gracq für den großen Roman reklamiert.

Im Roman werde, so Gracq, eine "universale Resonanz" und ein "intelligibler Klang" erzeugt. Die in Aufzeichnungen mögliche größere Freiheit im Umgang mit disparaten Themen, in der Führung der handelnden Personen und im Wechsel der Tonarten erzeugt ebenfalls eine Art Organismus mit einem "intelligiblen Klang". Was auf den ersten Blick zuweilen nebeneinander aufgereiht erscheinen mag, erweist sich bei näherem Hinsehen in einem Punkt zentriert: in Gracqs Schöpfertum, in dem Sinne, in dem er vom Schöpfer sagt, er sei ganz mit sich selbst erfüllt.

Gracqs Aufzeichnungen sind - vor allem, was die zentralen Bemerkungen zur Literatur betrifft - niemals aus der Position eines Kritikers geschrieben, sondern immer aus der Perspektive des Schriftstellers, der alle Probleme des Schreibens aus eigener Anschauung kennt. So ausgerüstet und zutiefst davon überzeugt, dass der Roman "Traum" sei und "als solcher vollkommen in seine Wahrheit eingesetzt" werde, geht es auf große Entdeckungsreise quer durch die Literatur der Moderne.

In der Charakterisierung des Romans als Traum und als Resultat einer starken affektiven Ladung, eines "großen Kraftfeldes", wird Julien Gracq unschwer als Weggefährte und Verehrer André Bretons erkennbar. Seine "einzigen wirklichen Schutzheiligen und Erwecker" seien zuerst Jules Verne ("ich verehre ihn ein bisschen kindlich"), Edgar Allan Poe, Stendhal, Wagner und eben Breton gewesen. Selbst wenn man den Stoff von Poes Erzählungen "ganz einfach aneinanderreihte", würde sein "originelles Timbre dennoch völlig deutlich und getreu erklingen". Und Breton habe die "heftige Neigung" in den Roman gebracht.

Gracq liebt die Schriftsteller, deren Werke von einem "schöpferischen Elan", von Freiheit und Musik getragen sind, einen starken inneren Kern haben, der alles an sich zieht, was zu ihm gehört, und alles andere bedingungslos abstößt. Valéry etwa habe "keinen Dämon" und seine Reflexionen seien "planlos aneinandergereiht"; bei Proust hätten erst die Jahre die Schärfe seines Schreibens richtig einstellen können, von Hemingway sei man nur solange gebannt, wie er anwesend sei. Schon unmittelbar danach denke man nicht mehr an ihn. Gracqs Zuspitzungen - ob in seiner Beurteilung eines literarischen Werkes oder eines politischen Ereignisses - haben nichts von einer Pointierung an sich, die schon verflogen ist, kaum dass man sie gehört hat. Seine Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen, verdanken sich immer eines leidenschaftlichen Umgangs mit Themen, die Aussicht darauf haben, das bloß Zeitgenössische zu überdauern.

Gracq ist - und davon legen auch auf exemplarische Weise seine Bücher Die Halbinsel, Die Form einer Stadt oder Der große Weg Zeugnis ab - ein Weltbürger, ein Kosmopolit und Flaneur durch geographisch fixierbare, geistige und seelische Landschaften. Die "Terra incognita der Sinnlichkeit", die ihm Bretons und Max Ernsts Bücher erschlossen, hat er mit jeder seiner Schriften neu bevölkert: mit Landschaftsphysiognomien und Physiognomien geistiger Strömungen. Seine Texte sind geprägt von Überschüssigem; einer Überfülle an Sprache und der fortwährenden Ausgestaltung der Fiktion. Vergleichbar den Schmuckinitialen der mittelalterlichen Handschriften - daher der französische Originaltitel Lettrines - beginnt er jede neue Reflexion und jedes Kapitel ornamental, mit der Kraft des Impulsiven. Zentral dabei die Vorstellung des Möglichen. Literatur sei ihrem Wesen nach Entwurf eines Möglichen, das nur darauf warte, "sich in Wille und Begehren zu verwandeln".

Das Mögliche, das sich in Wille und Begehren verwandelt und die Form eines literarischen Textes annimmt, ist für Gracq immer ganz eng mit einer emotionalen Bewegtheit und Dynamik verbunden, die ihn, auf vergleichbare Weise, auch zu einem begeisterten Landschaftsnomaden machen, zu einem, der am liebsten aufbricht und unterwegs ist. Das Wandern durch Landschaften erscheint wie die Materialisierung eines geistigen Wegs. Von großer Kraft etwa seine Beschreibungen eines alten Waldes (wo er sich eingetaucht fühlt in ein "mefitisches, regloses, aufdringlich nach Gruft, Pilzen und moderndem Holz riechendes Dunkel ganz früher Zeitalter") oder der "kahlen, aufgeschürften, staubigen" Erde an den unbebauten Stellen mancher spanischer Städte.

Die Landschaft der Bretagne sieht er, im Vergleich zur Normandie, weniger als Erde denn als Gerippe, eine "knotige, sehnige Magerkeit", bei seinen Spaziergängen durch die Sologne wird er zu einem poetischen Botaniker, einem Liebhaber der "Birke mit ihrer Silhouette, die sich zarter vom Himmel abhebt als die jedes anderen Baums", wird zum Verehrer des auf einem "trockenen Filz violett blühenden" Heidekrauts. Er durchquert Roggen- und Maisfelder, die ihm "wie ein vom Unkraut umbrandetes Atoll" vorkommen. Die Poesie der Wegbeschreibungen und der (symbolisch hochbesetzten) Wegkreuzungen verdichtet sich gegen Ende immer mehr. Wanderungen werden zu Seelenwanderungen und zu Abstiegen ins Reich der Fabeln oder in den Garten Eden. Gleichsam unter der Hand verwandelt sich eine vertraut geglaubte Landschaft in eine Wildnis.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zur Literatur hin. Der Roman ist Traum, hat Gracq gesagt. Und die Landschaft ist es auch. Gracqs Landschaftsbeschreibungen sind auch Traumerzählungen. Einmal notiert er: wenn er eine Erzählung beginne, sei ihm, als ob das Sehfeld, das ihm zur Verfügung stehe, gänzlich am Rande des Fadens dieser Erzählung läge. Dies hängt damit zusammen, dass er so tief eintaucht in die Bilder seiner Seele, die ja nie direkt und nie von ihrem Zentrum her wahrnehmbar sind. Man hat nur von den Peripherien her Zugang zu ihnen, auf Umwegen, Seitensprüngen, Wanderungen.

Und ganz im Sinne dieser Liebe für das Randständige, den schmalen Übergang zwischen dem, was existiert, und dem Nicht-Gewordenen oder Verworfenen sind auch Gracqs Bemerkungen zum nicht geschriebenen Buch zu verstehen: An jeder Wende des Buches sei ein anderes mögliches Buch ins Nichts zurückgestoßen worden. Und diese in die "Vorhölle der Literatur" verbannten Bücher, die nicht das Tageslicht der Schrift erblickt hätten, seien nicht ganz verschwunden. Das Phantasma dieser Bücher habe den Schriftsteller vorangeschleppt - im Licht dieser Bücher seien mitunter ganze Teile des Buches geschrieben worden. "Die gewundene Reiseroute des Autors durch die Wüste der ungeschriebenen Seiten lässt sich nur erklären, wenn man nicht bloß die Abfolge der Wasserstellen berücksichtigt, an denen er getrunken hat, sondern auch die Luftspiegelungen, auf die er so oft zugewandert ist." Das, was also ungeschrieben bleibt oder als Potenzial und Fragment im geschriebenen Buch aufleuchtet, wird von Gracq mit Leidenschaft und auch Pathos, aber zugleich aus Distanz angeschaut, so, als könne es sein Lebensgefühl nicht grundlegend irritieren.

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