Wir
waren die Mulvaneys.
Roman von Joyce
Carol Oates (2003, DVA - Übertragung Renate Orth-Guttmann).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau,
24.9.2003:
Es gibt Schriftsteller, die berühmt, aber
unbekannt sind, weil sie so wenig schreiben, dass sie ein ewiges Gerücht, eine
Fama, bleiben. Und es gibt den umgekehrten Fall: Schriftsteller, die so viel
schreiben, dass niemand mehr ihr Werk vollständig überblickt, die zwar berühmt,
aber ihrer schieren Überproduktivität wegen ebenso unbekannt sind. Ein solcher
Fall ist die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates. Ihre Veröffentlichungsliste
ist weniger beeindruckend denn furchterregend. Jahr um Jahr ein neuer Roman,
wenn nicht zwei, dazu Erzähl- und Lyrikbände, Aufsätze und Essays.
Schreiben in solch schierer Quantität gilt als suspekt. Es verdankt sich
entweder den herabgesetzten Ansprüchen der Unterhaltungsliteratur oder aber dem
obsessiven Umkreisen eines ewig unerledigten Themas, eines unverarbeiteten
Traumas. Beides trifft auf Joyce Carol Oates zu. Unübersehbar befindet sich
auch ihr 1996 in Amerika und nun in deutscher Sprache publizierter Roman Wir
waren die Mulvaneys in Grenznähe zur literarischen Unterhaltung. Und unübersehbar
gibt es einen Hang der Autorin zu Geschichten, in denen das Private, Familiäre
ins Gewalttätige kippt.
Als ihr persönlichstes Buch hat die 65-jährige Autorin den Roman über die
Familientragödie der Mulvaneys bezeichnet. Eine Aussage, die dazu verführt, in
diesem Roman die Urgeschichte zu suchen, die die märchenhafte Text- und
Buchvermehrung in der literarischen Werkstatt von Joyce Carol Oates antreibt.
Der Roman umfasst knapp 600 Seiten - keine Frage, weniger wäre künstlerisch
mehr. Er wird erzählt vom jüngsten Mitglied der Familie Mulvaney - keine
Frage, er wäre ein besserer Erzähler, wenn er von der Lizenz zu einem
vagabundierenden, von einer zur anderen Figurenperspektive wechselnden
Allwissenheit weniger Gebrauch machte. Er sagt "ich" und meint
"wir", Joyce Carol Oates ahnt diesen Widerspruch und versucht ihn zu
bereinigen. Die Jüngsten in der Familie, erklärt sie an einer Stelle des
Romans, die Kinder, die am unteren Ende der Geschwisterreihe stehen, hätten im
Grunde genommen keine eigenen Erinnerungen. Sie hätten so oft und so viel von
den Erinnerungen der anderen und Älteren gehört, dass sie einfach deren
Erfahrungen als die eigenen übernehmen. Sie sind deshalb, so könnte man
folgern, die idealen Familienchronisten, sie geben das Orchester des Clans
wieder.
Tatsächlich ist auch in Natalia Ginzburgs Familien-Lexikon die jüngste
Schwester die Erzählerin für all die Stimmen der anderen. Aber, und das ist
der entscheidende Unterschied, sie berichten nur, was sie diese Stimmen auch
sagen hörte. Der Erzähler der Mulvaneys aber erzählt von der Zerstörung
einer Familie durch ein Verbrechen, das nie beim richtigen Namen genannt und
dessen Umstände immer verschwiegen wurden. Die Welt der Mulvaneys, ihr Leben
auf einer Farm am Rande einer amerikanischen Stadt in den sechziger Jahren, ist
so heil wie die Welt von Bullerbü. Die Eltern lieben sich, die vier Kinder,
drei Söhne und eine Tochter, gedeihen in und außerhalb der Schule, der Glaube
an Gott und an den amerikanischen Traum ist groß und unbeschädigt.
Aber all das geht am Valentinstag 1976 kaputt, als die 17-jährige Tochter
Marianne von einem älteren Mitschüler, dessen Familie der Oberschicht angehört,
vergewaltigt wird. Die fanatische Religiosität vergiftet das Mädchen mit
Schuldgefühlen und hindert sie daran, bei der Justiz gegen den Täter
auszusagen. Der Vater, den die eigene Ohnmacht kränkt, kann die Geschändete
nicht mehr um sich haben und schickt die Tochter aus dem Haus.
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