Wirren von Henryk Sienkiewicz, 2005, ManesseWirren.
Roman von Henryk Sienkiewicz (2005, Manesse Verlag - Übertragung Karin Wolff).
Besprechung von Adam Olschewski in Neue Züricher Zeitung vom 11.1.2006:

Polen im Dienste der Wiedergeburt
«Wirren» - ein vergessener Roman von Henryk Sienkiewicz

Gegen Ende seines Lebens kehrte er zu seinen Anfängen zurück. Mit dem Roman «Wirren», der 1910 erschien, begab sich Henryk Sienkiewicz auf das gesellschaftskritische Terrain seiner um 1880 entstandenen Erzählungen. Damals galt er als ein Anhänger des Positivismus. Nach «Wirren» folgten nur noch ein Jugendbuch sowie ein Romanfragment. 1916 starb Sienkiewicz.

Obwohl der Literaturnobelpreisträger von 1905 und Verfasser des Bestsellers «Quo vadis?» im heutigen Polen ein schichtenübergreifend populärer Autor ist, ging «Wirren» in seiner Heimat weitgehend vergessen. Das Geschehen spielt um das Jahr 1905 in der Nähe von Warschau und in der Stadt selbst. Es gibt zu jener Zeit kein autonomes Polen, die Gegend ist - eine Folge der drei Teilungen - in russischer Hand.

Mehrere Personen, meist adeliger Herkunft, treffen sich auf einem Gut. Die Haupthandlung konzentriert sich auf den jungen Gutsbesitzer Wladyslaw Krzycki, der sich in Fräulein Anney aus England verliebt. Sie wahrt ein Geheimnis, dessen Enthüllung Überlegungen zu Standesunterschieden nach sich zieht. Hinzu gesellen sich allerlei Verwandte, ein Arzt, ein Notar, ein Taugenichts. Man tauscht sich aus über das Wesen des Menschen, über den Staat, über Beethoven, die Unzufriedenheit der Bauern und die Agitation des sozialistisch gesinnten Hauslehrers und, natürlich, über die Liebe - all das in ländlicher Umgebung. Bald ist man aber in Warschau, wo sich das Geschehen endgültig vom Privaten ins Politische verlagert, da revolutionäres Gedankengut aus Russland Fuss fasst, das Proletariat auf die Strasse strömt. So ist der Romantitel auf zweifache Weise zu verstehen - als die Schilderung eines Durcheinanders in Herzensangelegenheiten und als das Ideenchaos der Epoche.

Dass Sienkiewicz zu den handwerklich Grossen zählt, steht nach der Lektüre dieses Romans und dank der stimmigen Übersetzung von Karin Wolff ausser Frage. Leider sind die dargestellten Figuren vorwiegend durch ihr Erscheinungsbild bereits definiert. Viele scheinen zudem einzig für eine Wiedergeburt Polens zu leben. Dazu noch schlägt sich Sienkiewicz auf die Seite der Oberklasse, aus deren Perspektive er berichtet, die gelegentlichen kritischen Töne ihr gegenüber fallen moderat aus, ein Appell ans Umdenken adeliger oder gutbürgerlicher Positionen findet nie statt. Die Beweggründe der rebellierenden Arbeiterschaft, in der Figur des alleine durch seine Physiognomie abstossenden Hauslehrers Laskowicz präsent, werden mit wenig Leidenschaft vorgetragen. Es bleibt ein Eindruck von allzu starken Kontrasten haften, um eigene, wohl konservative Ansichten, durchzusetzen, ein Eindruck von angestrebter, aber gescheiterter Objektivität.

Man sollte sich lieber an Sienkiewiczs historische Romane halten, die zwar auch patriotisch angelegt sind und von des Autors Losung durchdrungen, seine Literatur diene der «Kräftigung der Herzen» polnischer Bürger im nicht existierenden Polen. Sie brachten ihm den Vorwurf ein, positivistische Ansichten und somit die Realität verraten zu haben. Vor allem die auf Deutsch leider nicht mehr lieferbare Trilogie aus drei dickbändigen Romanen, die im 17. Jahrhundert spielen und miteinander zusammenhängen («Mit Feuer und Schwert», «Herr Wolodyjowski», «Die Sintflut»), gewährt einem Zugang zur polnischen Mentalität und stillt zugleich alle Abenteuerlust. Zwar sind jene Bücher recht schematisch entworfen, es geht stets um Krieg und Liebe, aber immerhin sind sie mit immensem Drive und grosser Klarheit der Erzählmittel verfasst. Eine Analyse gesellschaftspolitischer Zustände täuschen diese Romane jedenfalls nie vor.

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