Wir-Maschine von Joachim Bessing, DVA, 20011.) - 3.)

Wir-Maschine.
Roman von Joachim Bessing (2001, DVA).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage stephanmaus
(NZZ, 29.9.2001):

Job fressen Gumbo auf
Joachim Bessing an den Steuerknüppeln der Wir Maschine

1999 veröffentlichte Joachim Bessing zusammen mit vier weiteren Stegreif-Schwadroneuren unter dem Titel „Tristesse Royale“ das Sitzungsprotokoll eines Buben-Talks im Berliner Luxus-Hotel Adlon. Man nannte sich damals das „popliterarische Quintett“, und im Medienhimmel war ein Summsen und ein Surren. Täglich kalbte die Klatschspalte. „Tristesse“ traf die Sache, „royale“ weniger. Mittlerweile zerbröseln die literarischen Quartette und Quintette. Auch die popkulturelle Ikone Robbie Williams hat sich vor Jahren schon aus dem Backstreet-Quartett verabschiedet. Die „Wir Maschine“ erweist dem Vorreiter Robbie ihre Referenz: „´Ein cooler Hund´, sagt Bernd. ´Lässige Sau´ sagt Gumbo.“ Es ist die Zeit der Solo-Karrieren gekommen. Die vier dekadenten Adlon-Musketiere haben Joachim Bessing ins Licht der Öffentlichkeit gehievt. Nun kann er seinen ersten Roman veröffentlichen.

Der Autor hat eine Wandlung durchgemacht: aus dem konzeptlos schwadronierenden Adlon-Parvenü ist ein geziert formulierender Décadent mit gesellschaftskritischem Impetus geworden. Kritisiert werden vor allem die oberflächlichen Wertvorstellungen jener schaumschlagenden Mediokratie, die es dem ehemals bekennenden Pop-Literaten überhaupt erst ermöglicht hat zu publizieren. Der Solo-Artist wendet sich heute gegen das gefräßig mahlende Räderwerk der kollektiven Wir-Maschine, die ihn aus dem Nichts in die Öffentlichkeit geschaufelt hat. Im Hintergrund der Wir-Maschine schnurrt die Ego-Turbine des Autors.

Gumbo nennen wir einen jungen Mann, doch der heißt nicht wirklich so. Gumbo ist nur sein Markenname, sein Label in der etikettenfixierten Werbe-Gesellschaft. In einer Hamburger Schickeria-Osteria inhaliert Gumbo den süßlichen Weinatem von Barbara und ist hin und weg. Barbara ist eigentlich lesbisch, will aber wissen, wie das noch mal war, und nimmt den um einige Jahre jüngeren Mann nach ein paar Marillenschnäpsen mit in ihr Luxus-Apartment. Gumbomäßig läuft nun alles prima. Nach dieser Nacht wird Gumbo Barbaras Assistent in der Werbeagentur Wildcard und ihr Bettgespiele im Privatleben.

Der Held verläßt sein studentisches Gumboproletariat, die Werbetussi klont sich ihren Werbefuzzi. Gumbo wird Bobo, einer jener bourgeoisen Bohemians, die David Brooks in seinem Buch „Bobos in Paradise“ als die Yuppies der New Economy beschreibt. Was sich erst als ein Aufstieg in die glamourös glitzernde Werbewelt präsentiert, entpuppt sich bald, wer hätte es gedacht, als Kosmos der falschen Werte. Die größten Irritationen rufen hier kratzige Markenetiketten im Pulloverkragen hervor. Vor den Kußszenen kaut man Kaugummis. In den neuen Jil-Sander-Katalog soll unbedingt künstlicher Schnee, in der Hamburger Gosse rauchen die Junkies Heroin. Die hippen Kreativen jedoch befeuern ihr Hirn mit den Amphetaminen der Nazi-Flieger: „Oder etwa – bei Jil Sander ist ja nichts undenkbar: könnte auch Ya-Ba sein, die Hochleistungspille der Nazi-Flieger.“

Dem Pop-Literaten schwant, hier könne gesellschaftlich etwas im argen liegen. Im Laufe seiner Erzählung entwickelt sich ein Computer-Nerd der Agentur Wildcard zum bombenlegenden Rechtsrevolutionär. Doch sonst entwickelt sich nicht viel. Vor allem aber nicht Gumbo. Bernd der Nerd sprengt den Agentur-Chef mit einem schwarzpulverfarcierten Dönerhackkegel in die klare Hamburger Herbstluft, und der Autor entläßt seinen nunmehr arbeitslosen Helden ins vage Kosmische. Er schnürt los, „über die schattige Wiese, Richtung Milchstraße.“ Gumbo verschwindet als intergalaktischer Dumbo, der fliegende Elephant.

Bessings Wir-Maschine startet mit einigen Anlaufschwierigkeiten. Zu Beginn wird die Figur des alternden Werbe-Profis Alfred eingeführt, den das Metier ausgelaugt hat. Der Alkoholiker Alfred ist die mahnende Kontrastfigur, auf deren Schicksal sich das jüngere Romanpersonal hinzuentwickeln droht. Dieser Werber hatte in den siebziger Jahren seine große Zeit, doch nun ist es vorbei. Dies teilt er mit der satirischen Zugkraft der Figur des lebensverzweifelten Werbers, die in den späten Siebzigern über jede Kleinkunstbühne gegeistert ist und nun eigentlich ausgedient hat.

Alfred hat auf Ibiza das richtige im falschen Leben gesucht, doch es war vergebens, die Wir-Maschine hat ihn fest am Wickel. Kurz hegte er den Wunsch, auszusteigen: „Er wollte probieren, ob es noch etwas anderes gab. Von einem ganz auf sich fixierten Leben träumte er. Wo alles aus ihm heraus entstand und nach seinem Willen auch verging. Den Traum eines jeden Kreativen – Alfred machte ihn sich war.“ Stilistisch müßten auf den ersten Seiten der „Wir Maschine“ die Zündkerzen gesäubert werden. Etwas holprig läuft die Prosa an. Der Autor legt den Sicherheitsgurt an und löst die Handbremse: Traum, dich mach ich mir wahr, Buch, dich schreib ich mir. Kurz sorgt man sich um den Kreativen Bessing.

In den ersten zehn Seiten türmt er Trikolon auf Trikolon, ruckend hoppelt die Wir-Maschine im rhetorischen Dreisprung durch die Exposition. Bessing bringt es bis zur dreimaligen Häufung des rhetorischen Dreiklangs in einem einzigen Satz: „Und (I, 1) je tiefer es fällt über die Stunden, (I, 2) je näher es ihnen kommt, (I, 3) je tiefer es eintaucht in die Atmosphäre, desto lauter wird dabei sein Ton – zuerst ist es (II, 1) ein Rauschen, (II, 2) ein Flattern, dann (II, 3) ein Pfeifen, wird zum (III, 1) Mahlen, zum (III, 2) Dröhnen, einem ohrenbetäubenden (III, 3) Geheul.“ (Numerierung durch den Rezensenten) Bessing ist in seinem werbekritischen Text selbst ein stilistisches Opfer der populärsten Trope der Werbewirtschaft geworden: Feuer, Pfeife, Stanwell, bei Arbeit, Sport und Spiel.

Der Autor versucht sich in einer vage kinematographischen Romaneröffnung, indem er aus kosmischen Höhen ein Objektiv auf seine Figuren trudeln läßt: „Und auf alle drei sirmelt aus großer Höhe ein silbernes Okular herab.“ Dorgelt darnieder? Strungelt hinunter? Xarxelt kerumb? Nein, „sirmelt herab“. Von Alfred heißt es steif und schief: „Im Bereich des Werbetextens, dem Erfinden von Slogans und ganzen Kampagnen war er unschlagbar, ein Genie.“ Und man fürchtet, im Bereich des Prosatextens, dem Erfinden von Sätzen und ganzen Romanen steht es um Bessing nicht ganz so gut.

Doch die Anlaufschwierigkeiten legen sich, und nach weiteren zehn Seiten tuckert die „Wir Maschine“ gleichmäßig schnurrend los. Literarisch handelt es sich hier wieder um ein konventionell verarbeitetes Modell der Generation Golf; zuverlässig, unspektakulär, vielleicht mit einigen Sonderausstattungen, denn Bessing legt wert auf präzis-präziöse Schilderung kostbarer Texturen, anregender Maserungen und zart schimmernder Farbtönungen, hauptsächlich im Pastellspektrum. Seine taktile Vorliebe scheint veloursbepelzten Früchten wie Aprikosen zu gelten, die er in besonders neurasthenischen Momenten Marillen nennt.

Erstaunlich, daß Bessing sich nach Frédéric Beigbéders Abrechnung mit der Werbewelt „39,90 DM“ noch einmal vorgenommen hat, den ganzen verlogenen Reklamezirkus so richtig zu entlarven. Erstaunlich überhaupt, daß das noch jemand für notwendig erachtet. Doch muß nach dem Platzen der New-Economy-Blase und der damit einhergehenden Krise der Werbewirtschaft wohl mit einem verstärkten Vorkommen von Texten über Content-Provider in der Sinnkrise gerechnet werden. Bis nach Klagenfurt wehte das Klagen der orientierungslosen Micro-Slaves. Hier las Rainer Merkel einen Auszug aus seinem neuen Roman „Jahr der Wunder“, der in den Lofts der neuen Wirtschaft spielt. Verunsichert suchen nun die ehemaligen Helden der alten und neuen Medien mit ihren trittsicheren Campers-Boots Halt auf den unteren Sprossen der wackeligen Karriereleiter, deren Wankungen und Schwankungen sie mit gleichmäßigen Schwüngen ihrer Freitag-Taschen auszugleichen suchen.

Bei der Lektüre der „Wir Maschine“ bekommt man das Gefühl, Bessing habe in den letzten Jahren seine Seele bei einem angesagten Kreativdienstleister verkaufen müssen, und nun sei die Zeit der Abrechnungen gekommen. Technisch gelingt Bessing die Abbildung des Medien-Milieus recht gut. Treffsicher bildet er den Jargon der Meetings, Briefings und Hearings ab und zeichnet amüsant und glaubwürdig die hierarchischen Spielchen der Gurus. Fest steht: Job fressen Gumbo auf. Und Alfred auch, Babs, alle, alle. Streckenweise ist das so unterhaltsam wie Helmut Dietls Schickeria-Kommödchen „Monaco Franze“. Ausgelaugte Creative und Art Directors und unterbezahlte Junior-Texter werden sich in Bessings Roman wiederfinden und die Wir-Maschine dankbar unter die Kopier-Maschine legen. Insgesamt blättert der Autor jedoch recht uninspiriert durch den Flip-Chart der leeren Werberseelen. In Bessings Kritik des globalen Gumbokapitalismus spürt man eine gewisse Rage gegen die Wir-Maschine, aber Rage against the Machine klingt anders. Und eigentlich braucht man auch nicht mehr die x-te Adaptation von Bret Easton Ellis literarischem und gesellschaftskritischem Programm für den deutschsprachigen Büchermarkt.

Literarisch am interessantesten wird der Roman dort, wo Bessing ihn von satirischem Realismus ins fantastische Genre kippen läßt. Die beste Passage ist die Beschreibung eines Höllenhundes: „Die Schultern des Hundes kommen so weit nach oben in ihrer Mitte zusammen, daß es aussieht, als sei sein Kopf ein Pfeil, der von den hart arbeitenden Fleischmassen aus dem dahinjagenden Hundekörper geschossen wird. In Rot und Schwarz fliegt der Pfeil nach vorne weg. Geradewegs über die Alster, über ganz Deutschland, bis tief in den Süden, in Münchens Mitte.“ So endet ein Kapitel. Das folgende spielt in München. Einen eleganteren, originelleren Kapitelwechsel hat man schon lange nicht mehr gelesen.

Doch nicht allzu oft gelingt es Bessing, das Gleichgewicht zwischen abgehobener Phantastik und noch halbwegs nachvollziehbaren Gedankenspielen zu halten. So schweift der Text häufig in seitenlange, hermetische Traumwelten seiner Protagonisten ab, die sicher einiges bedeuten. Nur was?

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1002 LYRIKwelt © Stephan Maus

***

Wir-Maschine von Joachim Bessing, DVA, 20012.)

Wir-Maschine.
Roman von Joachim Bessing (2001, DVA).
Besprechung von Christian Schuldt aus der Wochenzeitung, Zürich, 4.10.2001:

Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, da machte sich im Reich der deutschen Literatur die Spezies der Popliteraten breit. Die Herren Kracht, Stuckrad-Barre und Co. setzten auf Fragen des Aussehens, auf Form, Fassade und Selbstbespiegelung. Viele waren begeistert von den leicht snobistisch und dandyesk daherkommenden Autoren und ihrer zeitgeistigen Aura; andere warfen ihnen Affirmation und Moralverlust vor und beschimpften ihre Bücher als «Schlappschwanzliteratur» (Maxim Biller).
Ganz vorn in der Riege der Pop-Protagonisten: Joachim Bessing, Jahrgang 1971, der mit seiner Anthologie «Tristesse Royale» eine Art popliterarisches Manifest schuf. Jetzt hat Bessing mit «Wir Maschine» seinen ersten Roman veröffentlicht. Thema: das Leben der Schönen und Reichen im Hamburger und Münchner Werber- und Medienmilieu. Doch siehe da: Bessing beschränkt sich nicht auf die schöngeistige Abschilderung der Schickiwelt, sondern blickt über den selbstgenügsamen Popliteraten-Tellerrand hinaus – und zwar ganz schön weit.

Konkurrenz um jeden Preis

Schon das Motto des Romans zielt weniger auf Äusserlichkeiten als auf Innenschau: «In every dream home a heartache». Einen Traum hat auch die Hauptfigur von «Wir Maschine»: Gumbo, Mitte zwanzig und Quereinsteiger bei der Hamburger Werbefirma Wildcard, will ganz nach oben. Seine Kollegin Barbara hat ihm zwar den Weg geebnet, doch bis zur Stufe seines Chefs Francis ist es noch ein weiter Weg – was Gumbo durchaus Herzschmerzen bereitet: «Er hält doch schon so lange durch. Davor kann er auf keinen Fall aufgeben. Bis dahin muss er weiter mitmachen. Dafür ist er schon zu weit gegangen.»
Wie Gumbo sind auch Barbara, Francis und der alternde Werbetexter Alfred Teil dieser «Wir Maschine»: befallen vom Karrierevirus, gezwungen, sich anzupassen, einander zu überbieten und auszustechen – sonst sind sie draussen. Das Durchschauen dieser Situation macht es nur noch schlimmer: «Wir alle sind Verbrecher, wir spielen das Spiel. Unser Spiel», weiss Alfred, der einst den «Weissen Riesen» erfand. Doch weil Alfred «zu klug ist, um von sich selbst begeistert zu sein», bricht er regelmässig zusammen und wimmert dann «wie ein todesbedrohtes Tier».

In filmskriptartigen Szenen präsentiert Bessing seine Ausschnitte aus dem Leben dieser ebenso hippen wie abgefuckt-verzweifelten Medienelite: kühl und exakt gezeichnete Impressionen vom Gefangensein im Angstsystem. Sei es das quasiintellektuelle Wortgedresche über Katalogfotos für Jil Sander, der Szene-Smalltalk über In-Restaurants und Promigestalten oder der stets mitlaufende Kokskonsum – die schöne neue Werbewelt gleicht einem unsichtbaren Kerker, dessen Insassen auf einem gemeinsamen Nenner operieren: der Angst.
So wünscht sich Gumbo, genauso tough wie Barbara zu sein – und träumt davon, Francis, den guruartigen Firmentyrann, der «sich aus dem Kraftfeld der Angst, die er erzeugt, nährt», fertig zu machen: «Bis zum Anschlag» würde er ihm Reissnadeln unter seine Fingernägel hämmern. Aber auch Francis kennt die Angst, die «alles bestimmende Furcht vor dem Urteil Nie wieder; dem Ende von allem» – denn: «Wer nimmt ihn dann auf? Wer ist dann für ihn da?»
So versuchen alle, die Zwänge locker zu nehmen, das Spiel cool zu spielen und die Formen und Zeichen, die Oberflächen und Fassaden richtig zu interpretieren. Das führt mitunter zu absurden Situationen, etwa wenn Gumbo rätselt, was Barbaras Wollpullover wohl zu bedeuten habe: «Dieses dicke Zopfmuster; dieser Kragen – meint sie das ironisch? Oder will sie Verletzlichkeit demonstrieren? Kuschelbedürfnis? Und warum dieses Cremeweiss?»
Dass die Handlung stets im Präsens gehalten ist, macht die Auswegslosigkeit der Charaktere umso eindringlicher. Gebrochen werden diese kühlen und unmittelbaren Beobachtungen jedoch immer wieder von hoch poetischen Passagen, in denen sich die Ängste und Albträume der Wir-Maschinisten artikulieren. Mitunter driftet das auch ins Surreale, was dem Geschehen eine gruselige Unterströmung verleiht. Nur selten wirken diese Visionen gezwungen, etwa wenn ein skurriler Theatermonolog eine apokalyptische Vision verkündet, derzufolge Hamburg von anarchistischen Sprengmeistern beherrscht wird.
Derartig Utopisches hängt auch zusammen mit einer – zumal aus popliterarischer Sicht – eigenartig unverblümten Sozialkritik. So denkt Gumbo angesichts der Junkieszene am Hamburger Hauptbahnhof: «Etwas läuft sehr schief in dieser Stadt, diesem Land, dem System.» Und sein Revoluzzerkollege Bernd weiss, wie das Problem zu lösen wäre: «Ein Feuer muss her unter den Arsch dieser Welt.»
Auch wenn das, vor allem gegen Ende, etwas gekünstelt wirkt, ist Bessing mit «Wir Maschine» eine plausible Gegenwartsbeschreibung des verzweifelt fassadengläubigen Turbo-Lifestyles geglückt. Zusammen mit der Inspektion der isolierten Innenwelten der Charaktere summiert sich das zu einer exakt observierten Milieustudie: die Sezierung eines selbstregulativen Gruppenzwangsystems, in dem alle Beteiligten fürchten, «dass es einer ausspricht, dass alles so lächerlich ist und so klein».

Eben dieses Lächerliche und Kleine aber spricht Popliterat Bessing mit seinem Roman aus: Hier wird nicht Selbstgefälliges über die eigene Weltsicht geschwurbelt, stattdessen beobachtet und kritisiert Bessing kühl und präzise ein ebenso glamouröses wie gruseliges Gesellschaftssegment. Das ist eher Aufklärung als Affirmation – aber auch eine Art von Tristesse royale.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

Leseprobe I Buchbestellung 0902 LYRIKwelt © Wochenzeitung

***
Wir-Maschine von Joachim Bessing, DVA, 20013.)

Wir-Maschine.
Roman von Joachim Bessing (2001, DVA).
Besprechung von Susanne Balthasar in der Frankfurter Rundschau, 13.8.2002:

Fahren tun die andern
Pop und Flop: Die "Wir-Maschine" von Joachim Bessing

Noch vor drei Jahren schien Joachim Bessing ein Gespür für richtige Orte und Zeiten zu haben. Damals schloss er sich mit vier anderen selbst ernannten Manifestern zum luxuriösen Lamento, genannt Tristesse Royale, im Berliner Hotel Adlon ein. In der besten Stube der Republik ploppten die Champagnerkorken im Takt der Popworte, dass die Aufregung der Feuilletonisten ob solcher Dekadenz enorm war. Man schrieb das Jahr 99. Mit großem Getöse wurden die schwadronierenden Schnösel in den Pophimmel gehoppt. Sicher, man beklagte die Nichtigkeit und Inhaltsleere der geäußerten Gedanken, aber das tat man so großformatig, intensiv und vor allen Dingen laut, dass die fünf Tristesser plötzlich deutschlandweit bekannt waren. Das Gütesiegel "Tristesse Royale" war im Literaturkonsumentengedächtnis fortan mit dem Begriff Avantgarde verpoppt, also irgendwie jung, neu und aufregend, und über allem schwebte der Name Joachim Bessing.

Bessing? War der nicht damals im Adlon . . .? Ja, war er. Bessing hatte sich im Namen des popliterarischen Quintetts als Herausgeber betätigt. Und nun, zwei Jahre später, liefert Bessing den Roman nach, der ihn de facto zum Popschriftsteller macht. Allerdings ist Pop inzwischen nicht mehr top, sondern flop. Die Feuilletonisten haben die Trümmer der Popliteratur zusammen gekehrt und das Phänomen kleinlaut für tot erklärt. Das Resultat: Joachim Bessings Wir-Maschine wirkt schon beim Start wie ein Auslaufmodell. Wenn sie nicht von der gewaltsamen Zerstörung Hamburgs erzählen würde, was sich auch im Jahr 2002 noch überaus aktuell liest.

Die Wir-Maschine startet zunächst beschaulich: Am Steuer sitzt Gumbo, Mitte Zwanzig, abgebrochener Student und träumt vom Glamour. Gumbo ist kein Golfer, er will lieber gleich 'nen Porsche. Mit allem Drum und Dran wie Hamburg und Werbung und Prada, das Ganze Tralalablabla und Barbara. Sein Ziel heißt Wildcard, eine Hamburger Werbeagentur, in der Luxus das Getriebe schmiert, ein Zentrum dekadenter Hippness. Woran man das merkt? Nun, man redet über Andy Baader, Ulla Kock am Brink, die Hochleistungspille der Nazi-Flieger namens Yaba, trinkt Ayuverda-Tee und kokst. Das alles bringt Gumbo mächtig auf Touren, und wenn nicht das kratzende Schildchen des Designer-Pullis wäre, dann wäre er wahrscheinlich auch nicht glücklicher.

Dass die Werbewelt hinter ihrer schicken Schale einen hohlen Kern verbirgt, wissen wir spätestens seit Frédéric Beigbeiders 39,90; der exorbitante Gebrauch von Markennamen mufft ohnehin schon seit Jahren nach Bret Easton Ellis. Was also an sich nicht mehr neu ist, ist bei Gumbo noch nicht angekommen. Die Helmut-Lang-Hemden für 40 000 Mark im Schrank und der Eames-Sessel im Wohnzimmer geben dem Yuppie-Jünger die vermeintliche Sicherheit, dass er alles richtig macht, weil er sich den richtigen Stil gekauft hat.

Ein Irrtum. Denn Gumbo hat die Wir-Maschine trotzdem nicht im Griff: "Ich habe das Gefühl, im Wagen zu sitzen, fahren tun die anderen." Also all die Barbaras und Francisses und Walters und wie sie alle heißen, diese Wir-Maschinisten. Vielleicht verliebt sich Gumbo deshalb in Barbara. Zart dringt das Gefühl in seine leere Werberseele, spinnt dort feinste Fäden, aber ein romantischer Held lässt sich aus dem steifig-spröden Material nicht stricken: "Barbara, die er nur vom Hinsehen kannte, die sehr gut aussah, glamourös mit ihren langen und vielen blonden Haaren und ihrer interessanten Nase; die sich hervorragend anzog und die, wie er vermutete, sehr reich war."

Wie hübsch. Solche Sätze sind zwar schnell konsumierbar, aber für den Titel Qualitätsprodukt langt es dann doch nicht. So gleitet der stilbewusste Gumbo reichlich stillos am glatten Luxuskörper seiner Geliebten ab, verirrt sich im Labyrinth des Logolandes, scheitert schließlich am schönen Schein: Er muss die Jil-Sander-Kampagne abgeben und statt dessen was über die EU-Osterweiterung machen, oh Gott. Es ist der Auszug eines jungen Mannes in die Wirklichkeit samt Scheitern, den Bessing in das Werbeumfeld gehievt hat.

Doch den Ansatz ruiniert die Darstellung. Zum einen verliert sich Gumbos Figur im Gewusel der Werbeheinis, von denen viel zu viele durcheinander schwirren. Am Ende ist es wie nach einem langen Werbeblock, wenn man sich vor lauter Spots an kein Produkt erinnern kann. Zum anderen hat Bessing Gumbos Schlingern im glatt geölten Werbeumfeld mit einer gehörigen Portion Extravaganz aufgerauht. Seltsam geht es schon auf den ersten Seiten zu: Es "sirmelt aus großer Höhe ein silberfarbenes Okular herab". Ein Rummsen hebt an - "zuerst ist es ein Rauschen, ein Flattern, dann ein Pfeifen, wird zum Mahlen, zum Dröhnen, einem ohrenbetäubenden Geheul", das es nur so brüllert, bummdidelbumm. Und popsalahop toppt Bessing den fantasievollen Neologismus mit exzessiven Trips in noch abgedrehtere Welten: Wie psychedelische Blasen tun sich Löcher auf, saugen Menschen ein, sausen Teufelsdoggen in den Himmel, und die begrenzte Wirklichkeit erweitert sich über die Grenzen des Ich hinaus in die Unendlichkeit. Meistens geschieht das unter dem Einfluss von Drogen, manchmal aber auch aus einer reinen Laune heraus. Solche fast schon poetischen Anwandlungen zieren und brechen das sonst so spröde Textgefüge zugleich.

Während die surrealistischen Trips der Realität nichts anhaben können und in der Kreativ-Branche ohnehin weitgehend akzeptiert sind, birgt Gumbos Kollege Bernd tatsächlich gesellschaftskritisches Potential. Ausgerechnet der wohlgeordneten Welt der Markenzeichen will Bernd das Chaos entgegensetzen: "Da muss eine Verunsicherung her, eine tiefe Erschütterung. Die Angst muss wieder umgehen." Dass er gleich vom Bombenlegen reden würde, hätte Gumbo wirklich ahnen können - schließlich trägt Bernd ein Rage-against-the-Machine-Shirt.

Sein gewalttätiger Angriff könnte in das Zentrum der Wir-Maschine zielen: Chaos gegen Codes könnte das Schlagwort einer Anti-Pop-Kampagne sein. Tatsächlich aber ist Bernds Amoklauf nicht zielgerichtet. Der rechtsaffine Bernd jagt Junkies und Döner-Buden in die Luft, ein unkontrollierter Angriff - Hauptsache, es knallt. Dass dabei der Wildcard-Chef Francis draufgeht, ist Zufall. Mit politisch motivierten Terroranschlägen wie denen auf das World-Trade-Center hat das außer dem spektakulären Anblick allerdings wenig zu tun. Und wenn Gumbo im Angesicht der Apokalypse an der Alster "Das sieht schön aus" sagt, dann ist dort auch kein revolutionärer Krieg erklärt worden, sondern ein Spezialeffekt explodiert, eine pompöse Popplatitüde.

Das erinnert augenfällig an Christian Krachts jüngsten Roman 1979, in dem sich der Held im Arbeitslager über seine Gewichtsabnahme freut. Offenbar geht es Bessing weniger um gesellschaftliche Kritik in einer globalisierten Popkultur, als vielmehr um die Frage, was vom kategorischen Ästhetizismus übrig bleibt, wenn die äußeren Strukturen in Auflösung begriffen sind. Das ist reichlich wenig. Am Ende steht der Popper im Dreck, ausgezogen in die Wirklichkeit, angekommen im Chaos, nichts dazugelernt. Und dabei kann er einem noch nicht mal richtig Leid tun.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0802 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau