Wirklichkeit
und Verlangen.
Gedichte von Luis
Cernuda (2004, Suhrkamp - Übertragung Susanne Lange).
Besprechung von Cornelia Jentzsch in der Frankfurter Rundschau, 24.3.2004:
Schönheit als Gegengift
Ein einziges großes Selbstgespräch: Das
Werk des spanischen Dichters Luis Cernuda, neu übersetzt und ausgewählt
Unter dem sprechenden Titel Wirklichkeit und
Verlangen erscheint jetzt, zwei Jahre nach dem einhundertsten Geburtstag
Luis Cernudas, ein fast dreihundert Seiten starker Band mit Gedichten dieses großartigen
Dichters. "Die Poesie Cernudas ist eine Kritik unserer Werte und
Glaubensanschauungen; in ihr sind Zerstörung und Schöpfung untrennbar
miteinander verbunden, denn das, was sie bejaht, impliziert die Auflösung
dessen, was die Gesellschaft für richtig, heilig oder unveränderlich hält",
schreibt Paz. Der Band gibt mit der von Susanne Lange getroffenen und auch übersetzten
Auswahl aus den einzelnen Werken einen breit gefächerten Blick über das
gesamte Schaffen Cernudas. Zwischen den ersten Gedichtbänden Anfang der
zwanziger Jahre, die noch in Spanien entstanden, und dem letzten Gedichtband Trostlosigkeit
der Chimäre, der im amerikanischen und lateinamerikanischen Exil
geschrieben wurde, liegen vierzig seismografisch in Versen nachgezeichnete
Jahre. Anders als in der bereits 1978 im Leipziger Reclam Verlag erschienenen
Auswahl von Erich
Arendt, Das Wirkliche und das Verlangen, konzentriert sich Susanne
Lange in ihrer Zusammenstellung auf die späteren Zyklen. Arendt legte den
Akzent seiner Auswahl auf den frühen, emphatisch-expressionistischen Cernuda
und übersetzte ihn auch dementsprechend. Wo Arendt schrieb: "metallne
Reflexe entflammend oder leuchtende Stähle, und seine Bahn zerfetzt die
symmetrischen Wogen", heißt es jetzt in der Übersetzung Langes schlicht:
"metallene Reflexe oder funkelnden Stahl, ihr Kurs durchsticht das Gleichmaß
der Wellen". Die nüchterne Übersetzung Langes hinterlässt im Leser, bei
allem Verdienst Erich Arendts um die Erschließung spanischer Dichter im
deutschsprachigen Raum, das Bild eines genaueren, schlagartigeren und
desillusionierteren Cernuda.
Der Titel Wirklichkeit und Verlangen, der über beiden Ausgaben steht,
stammt von Luis Cernuda selbst. Unter diesem Credo subsummierte er sein
poetisches Werk, das er als ständige Fortschreibung eines einzigen großen
autobiografischen Gedichtes sah. Für jemanden wie Cernuda, für den das
"Leben bedeutet, alleinzusein mit dem Tod", bilden Verlangen und
Wirklichkeit sich einander suchende Teile eines Ganzen. Doch wo setzt man die
"Wirklichkeit" an? Ist das Verlangen wirklicher, das Cernuda bis in
die letzte Faser seines Seins als greifbaren Schmerz empfindet, oder die irreale
Wirklichkeit, die Verlangen von vornherein als störende Komponente ausblendet?
Irreal oder besser illusorisch und ausweglos zeigt sich diese Wirklichkeit, in
der "die Menschen wie ein Streichholz erlöschen beim Erklimmen der mühsamen
Jahre ihres Lebens". Sie ziehen vorbei als trübe Abfolge von Generationen,
in denen "der erschöpfte Körper sich bückt über die gleiche noch warme
Spur eines anderen Leibes, der ins Vergessen stürzte".
Nicht nach dieser Wirklichkeit verlangt es
Cernuda, diesen Etikettenschwindel durchschaut er. Er sucht nach jenem
bestimmten existentiellen Verlangen, das dem Menschen den Grad seiner
Anwesenheit anzeigt, er befindet sich "auf der Suche nach barmherzigen
Winden... , die das Verlangen segnen, ausgerottet mit der Wurzel, bevor seine
Blüte erschien".
Sein Schmerz zeige ihm, so schreibt Cernuda, dass ebenso gewaltig die stillen
Menschen leiden, denen die Muße fehle, ihre Qual gegen den Himmel zu
schleudern. Doch er könne ihnen nicht in ihr entschiedenes Schweigen folgen,
denn ihn erleichtere der Trost der Stimme. Und diese Gabe, die Dichtkunst, nutzt
Cernuda Wort für Wort. Er nutzt sie vor allem als Kampf gegen die Zeit, die als
leere grenzenlose Wüste den Menschen bedrohe, wie er in dem Gedicht
"Gottes Besuch", einem versuchten Lebensresümee, schreibt. Die Liebe
ist für Cernuda eines der Gegenmittel gegen den leeren, sinnlosen Verfall von
Zeit. Doch weil Liebe immer ein Austausch zwischen zwei Polen ist, von denen er
selbst nur einen davon bilden kann, ist dieses Elixier schwer in der
Wirklichkeit und nur im Verlangen leicht zu finden. Auch Schönheit zählt zu
den Gegengiften, denn "Schönheit ist Geduld". Cernuda sagt von sich
selbst, er ging verloren in der Zeit wie auch im Leben. Für den Dichter sei der
Tod ein Sieg, durchs Leben treibe ihn nur dämonischer Wind; diese Worte
schreibt Cernuda im Angedenken an Lorca, als dieser 1936 von Falangisten
ermordet wurde.
Nicht nur aufgrund seiner inhaltlichen Stringenz
liest sich Verlangen und Wirklichkeit als ein einziges großes Gedicht
Cernudas, sondern auch wegen der Geschlossenheit seiner Form. In allen Zeilen
behält sich der Verfasser den Monolog vor, denn dort, wo Gott ihn verlassen
hat, beginnt der Mensch zu sich selbst zu sprechen. Einsam und zurückgelassen
redet er, ein "blendend nackter Sohn des göttlichen Gedankens".
Cernuda hätte die bitteren, scharfkantigen Worte seiner Gedichte nicht auf das
Papier setzen können, wenn er sie nicht vorher selbst gekostet und gefühlt
hätte. Das macht das trostlose Beben seiner Verse, den Nachhall einer nicht
endenwollenden Erschütterung im Leser aus.
"Laß gut sein in deinem Lumpenkleid aus Sternen: stirb du nur zur rechten
Zeit." Das mag vielleicht für den Dichter gegolten haben, nicht aber für
sein Werk.
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