Wirklichkeit und Verlangen von Luis Cernuda, 2004, SuhrkampWirklichkeit und Verlangen.
Gedichte von Luis Cernuda (2004, Suhrkamp - Übertragung Susanne Lange).
Besprechung von Cornelia Jentzsch in der Frankfurter Rundschau, 24.3.2004:

Schönheit als Gegengift
Ein einziges großes Selbstgespräch: Das Werk des spanischen Dichters Luis Cernuda, neu übersetzt und ausgewählt

Der Dichter Luis Cernuda sei einer der ganz wenigen Moralisten, die Spanien hervorgebracht habe, in dem Sinne, wie Nietzsche der große Moralist des modernen Europa war. So äußerte sich Octavio Paz, der in Mexico-City zur Welt kam, über seinen spanischen Dichterkollegen Luis Cernuda, der in eben dieser lateinamerikanischen Stadt als Exilant 1963 verstarb.

Über seine Herkunft schrieb Cernuda: "ein Jammer, daß dies mein Land war". Spanien sei für ihn das "Land der Toten, wo nun alles tot geboren wird, tot lebt und auch tot stirbt; ein zäher Albtraum: ein träger Aufzug mit restaurierten Resten und Reliquien (...) die Geschichte meines Landes vollzogen erbitterte Feinde des Lebens." Doch nicht nur aus politischen, moralischen oder religiösen Gründen stand Cernuda seinem Land frontal gegenüber. Cernuda war in allen Bereichen seines Lebens und Denkens so sehr Außenseiter, dass er als einer der ersten Vertreter der Moderne in der spanischen Dichtung gelten kann. Sein Werk ist für Octavio Paz eines der beeindruckendsten Zeugnisse für die Situation des modernen Menschen, der zur paradoxen Einsamkeit der Promiskuität verdammt sei. Dass Cernuda homosexuell war in einer Gesellschaft, in der die Ehre der Ehemänner zwischen den Beinen der Frauen liegt, wie Paz meint, dreht den Zeiger nur noch in einem unwesentlichen Ausschlag weiter in Richtung eines zur Einsamkeit verdammten Denkens und Fühlens. Doch die Verbannung lehre auch viel über das eigenen Land, schrieb Cernuda später aus England. "Was wissen die von ihm, die es regieren? Die sich von ihm versorgen lassen mit bequemem Leben und hohem Ansehen? Seine Kinder sind auch wir, die dunklen Kinder."

Luis Cernuda wurde kurz nach der Wende ins 20. Jahrhundert in die beginnende Moderne hineingeboren. Er stammt aus Andalusien, wo auch die fast gleichaltrigen Federico Garcia Lorca und Rafael Alberti herkamen, genauer aus Sevilla. Sein Vater, ein Militär, starb, als Cernuda achtzehn war, den Tod erlebte er als Befreiung vom häuslichen Drill. Nach einem Jurastudium und ersten literarischen Kontakten ging Cernuda nach Madrid. Wie die anderen beiden Andalusier trat er dort, zumindest sympathisierend, der seit dem Goldenen Zeitalter bedeutendsten spanischen Dichtergruppe "Generation 27" bei, die sich unter anderem dem Surrealismus zuwandte. Im spanischen Bürgerkrieg kämpfte Cernuda auf republikanischer Seite und er zog für kurze Zeit mit dem Gewehr und einem Band Hölderlin in die Berge. Allerdings erkannte er bald, dass seine eigentliche Kraft das Wort war - "ich wollte nützlich sein, aber es nützte nichts". 1938 wurde Cernuda zu Vorlesungen nach England eingeladen, von hier aus kehrte er nicht mehr nach Spanien zurück, sondern trat ein lebenslanges Exil an.

Unter dem sprechenden Titel Wirklichkeit und Verlangen erscheint jetzt, zwei Jahre nach dem einhundertsten Geburtstag Luis Cernudas, ein fast dreihundert Seiten starker Band mit Gedichten dieses großartigen Dichters. "Die Poesie Cernudas ist eine Kritik unserer Werte und Glaubensanschauungen; in ihr sind Zerstörung und Schöpfung untrennbar miteinander verbunden, denn das, was sie bejaht, impliziert die Auflösung dessen, was die Gesellschaft für richtig, heilig oder unveränderlich hält", schreibt Paz. Der Band gibt mit der von Susanne Lange getroffenen und auch übersetzten Auswahl aus den einzelnen Werken einen breit gefächerten Blick über das gesamte Schaffen Cernudas. Zwischen den ersten Gedichtbänden Anfang der zwanziger Jahre, die noch in Spanien entstanden, und dem letzten Gedichtband Trostlosigkeit der Chimäre, der im amerikanischen und lateinamerikanischen Exil geschrieben wurde, liegen vierzig seismografisch in Versen nachgezeichnete Jahre. Anders als in der bereits 1978 im Leipziger Reclam Verlag erschienenen Auswahl von Erich Arendt, Das Wirkliche und das Verlangen, konzentriert sich Susanne Lange in ihrer Zusammenstellung auf die späteren Zyklen. Arendt legte den Akzent seiner Auswahl auf den frühen, emphatisch-expressionistischen Cernuda und übersetzte ihn auch dementsprechend. Wo Arendt schrieb: "metallne Reflexe entflammend oder leuchtende Stähle, und seine Bahn zerfetzt die symmetrischen Wogen", heißt es jetzt in der Übersetzung Langes schlicht: "metallene Reflexe oder funkelnden Stahl, ihr Kurs durchsticht das Gleichmaß der Wellen". Die nüchterne Übersetzung Langes hinterlässt im Leser, bei allem Verdienst Erich Arendts um die Erschließung spanischer Dichter im deutschsprachigen Raum, das Bild eines genaueren, schlagartigeren und desillusionierteren Cernuda.

Der Titel Wirklichkeit und Verlangen, der über beiden Ausgaben steht, stammt von Luis Cernuda selbst. Unter diesem Credo subsummierte er sein poetisches Werk, das er als ständige Fortschreibung eines einzigen großen autobiografischen Gedichtes sah. Für jemanden wie Cernuda, für den das "Leben bedeutet, alleinzusein mit dem Tod", bilden Verlangen und Wirklichkeit sich einander suchende Teile eines Ganzen. Doch wo setzt man die "Wirklichkeit" an? Ist das Verlangen wirklicher, das Cernuda bis in die letzte Faser seines Seins als greifbaren Schmerz empfindet, oder die irreale Wirklichkeit, die Verlangen von vornherein als störende Komponente ausblendet? Irreal oder besser illusorisch und ausweglos zeigt sich diese Wirklichkeit, in der "die Menschen wie ein Streichholz erlöschen beim Erklimmen der mühsamen Jahre ihres Lebens". Sie ziehen vorbei als trübe Abfolge von Generationen, in denen "der erschöpfte Körper sich bückt über die gleiche noch warme Spur eines anderen Leibes, der ins Vergessen stürzte".

Nicht nach dieser Wirklichkeit verlangt es Cernuda, diesen Etikettenschwindel durchschaut er. Er sucht nach jenem bestimmten existentiellen Verlangen, das dem Menschen den Grad seiner Anwesenheit anzeigt, er befindet sich "auf der Suche nach barmherzigen Winden... , die das Verlangen segnen, ausgerottet mit der Wurzel, bevor seine Blüte erschien".

Sein Schmerz zeige ihm, so schreibt Cernuda, dass ebenso gewaltig die stillen Menschen leiden, denen die Muße fehle, ihre Qual gegen den Himmel zu schleudern. Doch er könne ihnen nicht in ihr entschiedenes Schweigen folgen, denn ihn erleichtere der Trost der Stimme. Und diese Gabe, die Dichtkunst, nutzt Cernuda Wort für Wort. Er nutzt sie vor allem als Kampf gegen die Zeit, die als leere grenzenlose Wüste den Menschen bedrohe, wie er in dem Gedicht "Gottes Besuch", einem versuchten Lebensresümee, schreibt. Die Liebe ist für Cernuda eines der Gegenmittel gegen den leeren, sinnlosen Verfall von Zeit. Doch weil Liebe immer ein Austausch zwischen zwei Polen ist, von denen er selbst nur einen davon bilden kann, ist dieses Elixier schwer in der Wirklichkeit und nur im Verlangen leicht zu finden. Auch Schönheit zählt zu den Gegengiften, denn "Schönheit ist Geduld". Cernuda sagt von sich selbst, er ging verloren in der Zeit wie auch im Leben. Für den Dichter sei der Tod ein Sieg, durchs Leben treibe ihn nur dämonischer Wind; diese Worte schreibt Cernuda im Angedenken an Lorca, als dieser 1936 von Falangisten ermordet wurde.

Nicht nur aufgrund seiner inhaltlichen Stringenz liest sich Verlangen und Wirklichkeit als ein einziges großes Gedicht Cernudas, sondern auch wegen der Geschlossenheit seiner Form. In allen Zeilen behält sich der Verfasser den Monolog vor, denn dort, wo Gott ihn verlassen hat, beginnt der Mensch zu sich selbst zu sprechen. Einsam und zurückgelassen redet er, ein "blendend nackter Sohn des göttlichen Gedankens". Cernuda hätte die bitteren, scharfkantigen Worte seiner Gedichte nicht auf das Papier setzen können, wenn er sie nicht vorher selbst gekostet und gefühlt hätte. Das macht das trostlose Beben seiner Verse, den Nachhall einer nicht endenwollenden Erschütterung im Leser aus.

"Laß gut sein in deinem Lumpenkleid aus Sternen: stirb du nur zur rechten Zeit." Das mag vielleicht für den Dichter gegolten haben, nicht aber für sein Werk.

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