Wir fürchten das Ende der Musik.
Gedichte von Jürg Halter (2014, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Juni 2014:

Das schon Gesagte ist das noch Sprechende

Nein, ich habe auf keiner Benutzeroberfläche im Internet recherchiert, wer denn dieser Jürg Halter, der Dichter des im Wallstein Verlag erschienenen Gedichtbandes „Wir fürchten das Ende der Musik“ eigentlich ist, sondern mich mit den Angaben im Klappentext begnügt, (geboren 1980 in Bern; Studium an der Hochschule der Künste Bern. Dichter und Performer.

Unter dem Namen Kutti MC ist er auch als Rapper bekannt und hat mehrere Alben veröffentlicht), um unvoreingenommen seine Gedichte, freudig und angenehm überrascht, zu mir sprechen zu lassen und zu lesen.

Jürg Halter ist ein Dichter, dessen Gedichte voll und ganz überzeugen. Sie stammen von einem wissbegierigen und nachdenklichen jungen Mann, der klar sieht und das, was er erfährt und wahrnimmt, deutlich ausspricht, fast als spräche er mit sich selbst über alle Ideen und Gedanken, die ihm dabei kommen wie nebenbei. Es sind Gedichte, vertraut und konkret, verrückt wie das Leben oder „ 7 Tage in der Cuba Bar“, in der es immer drei Uhr morgens ist. Es sind Gedichte wie Notizen, um sich des eigenen Standpunktes zu versichern während der Selbsterkundungsreise durch die Höhen und Niederungen der Welt. Es sind Gedichte eines Ichs, das eigene Fragen stellt und nach Zusammenhängen sucht, das die eigene Befindlichkeit, also eigentlich die von uns allen, hinterfragt und formuliert.

Es sind Gedichte mit Wiedererkennungswert, poetisch, mit Worten spielend, um der Wahrheit nah und näher zu kommen: „Wir stoßen weiter vor./ Mehr ist nicht genug./ Alles ist das Ziel.// Wir stoßen weiter vor./ Niemand zieht sich zurück, / es gibt nur Zurückgedrängte.“

Jürg Halter ist ein wunschlos, nicht wunschlos glücklicher Dichter, der, man möge mein Pathos verzeihen, nicht nur mit den Augen, auch mit dem Herzen sehen kann: „Was zu tun ist, das wissen wir meist und tun es./ Aber wir haben keine Ahnung, wohin mit dem Gefühl, wenn’s in unserer Brust weit und dunkel wird.“

Oder: „Eine sich stets wiederholende Szene// Die sich leerenden Straßen/ an einem Sommerabend/ in einer kleinen Stadt./ Das Rücklicht des letzten Busses,/ ein leichter Wind, der geht./ Im Ohr ein Lied über/ das Ende einer Freundschaft.“

Jürg Halter ist ein glücklicher, nicht glücklicher Dichter, der die Liebe nicht missversteht: „Erfüllung// Seit wir einander verstehen, / bleibt nichts mehr zu sagen.// Unsere im Zeitraffer/ explodierenden Herzen.“

Oder: „Miniatur für eine gewesene Sehnsucht// Ich reibe meine kalten Hände/ bis diese sich entzünden/ und mit ihnen die Frage/ nach deinem Verbleib./ Schon trägt frei ein/ Feuerwehrmann/ mich aus der/ brennenden/ Szenerie.“

Jürg Halter ist ein Dichter, ebenso unsicher wie selbstbewusst, der keinen Widerspruch, der Widerspruch duldet: „Es gibt kein Schweigen// Das schlimmste Verbrechen an einem Menschen/ durch einen anderen ist vorstellbar.// Es nicht sagen zu können ist immer noch besser/ als darüber zu schweigen – finster leuchtend.// Es gibt viele Wörter, doch niemand kann uns/ nicht Betroffenen erzählen, wie es wirklich war.// ein Moment ist im Moment Geschichte./ Das schon Gesagte ist das noch Sprechende.“

Seine Gedichte sind musikalisch. Einfach und klar strukturiert ähneln sie einprägsamen Liedern. Sie verkörpern politische Botschaften ebenso wie die Poesie alltäglichen Lebens oder ein „Morgenritual“: „Ich bin lächerlich./ Davon können getrost alle Menschen ausgehen.“

Sie vermitteln, auf ihre Weise lakonisch, ein „O, aufgeklärtes Leben, unsere Droge!“ Sie sind offenherzig und menschenfreundlich, der Welt zu gewandt, kritisch und skurril.  „Erst wenn alle Stecker gezogen worden sind, wird/ der Strom wieder in uns fließen.“

Immer wenn wir sie lesen, werden wir Verständnis finden, „Die göttliche Musik“.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0614 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Michael Starcke