Wir Ertrunkenen von Carsten Jensen, Knaus, 2008Wir Ertrunkenen.
Roman von Carsten Jensen (2008, Knaus-Verlag
- Übertragung Ulrich Sonnenberg).
Besprechung von Judith Leister in Neue Zürcher Zeitung vom 13.05.2009:

Mit Mann und Maus
Die sieben Weltmeere unter dem Bug: Carsten Jensens Seefahrer-Roman «Wir Ertrunkenen»

Das Leben ist keine Dampferfahrt, bei der es schnurstracks von A nach B geht, o nein. «Es reicht nicht zu wissen, wohin Du willst, denn das Leben besteht wie der Kurs eines Segelschiffs fast nur aus Umwegen, für die mal Windstille und mal Sturm verantwortlich sind», sinniert es in Carsten Jensens Roman «Wir Ertrunkenen». Im dicken Schmöker des 1952 geborenen Dänen tauchen nicht nur viele Dampfer und Schoner auf – beziehungsweise gehen unter –, sondern auch jede Menge Bewohner der Küstenstadt Marstal. Die See ist hungrig nach den Kapitänen und Steuermännern, nach den Smutjes und Leichtmatrosen, die von der Insel Aerö aus mit Handelswaren in die Welt segeln, in der Arktis Pinguine sichten, von Tropenstürmen durchnässt werden, das berüchtigte Kap Hoorn umrunden und am Schluss dennoch oft genug ertrinken. Ganz anders als ihre abenteuerlustigen Männer fühlen die Marstaler Frauen. Sie hassen das Meer. In einer vaterlosen Gesellschaft müssen sie sich meistens allein um alles kümmern.

Eine Stadt ist der eigentliche Held in diesem dänischen Bestsellerroman. Die Handlung setzt 1848, mit dem Deutsch-Dänischen Krieg, ein und reicht bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Epos vom Aufstieg und Fall der einst nach Kopenhagen wichtigsten dänischen Schifffahrtsstadt beginnt mit einem Knalleffekt: Durch eine Explosion fliegt der Seemann Laurids meterhoch in die Luft und landet anschliessend unversehrt auf seinen Füssen.

Meereshass, Meeresliebe

Dieser Laurids, der dabei «Petrus' Arsch» gesehen haben will, fährt anschliessend wieder zur See und verschwindet eines Tages spurlos. Sein Sohn Albert macht sich Jahre später auf, den Verschollenen zu suchen – und wird sich nachher wünschen, ihn nicht gefunden zu haben. Zurück in Marstal, lernt der alt gewordene Albert die Witwe Klara kennen. Doch noch vor der Heirat stirbt er, und die junge Frau findet sich im Besitz einer Handelsflotte wieder – die sie aus Hass auf das menschenverschlingende Meer nach Kräften schachmatt zu setzen versucht. Gegen Klaras erbitterten Widerstand fährt ihr Sohn Knud Erik zur See und transportiert im Zweiten Weltkrieg Güter über den Nordatlantik. Mitten im Kriegsgeschehen rettet er seine Jugendliebe, die gerade im eiskalten Wasser einen gesunden Knaben, Harald Blauzahn genannt, zur Welt gebracht hat.

Basisdemokratische Mustergemeinde

Ja, Carsten Jensen gibt in seinem Buch so viel auf Wahrscheinlichkeit wie der Flunkerteddy Käpt'n Blaubär. Wundersame Rettungen und unheilvolle Verstrickungen ballen sich zu wilden Haufen bunten Seemannsgarns. Laurids' Himmelfahrt bleibt nicht das einzige ungelöste Rätsel. Ein Schrumpfkopf, der auf verschlungenen Wegen schliesslich zur Entlarvung eines Mörders führt, spielt eine Rolle. Menschen begegnen sich durch absurde Zufälle nach Jahren wieder, mancher sieht die Zukunft voraus. Gestrenge Kapitäne kommen vor, brutale Steuermänner, gewiefte Reeder, exotische Frauen, skrupellose Menschenhändler und jagdlüsterne Kannibalen. Der Verrohung auf Deck und in den Kolonien steht der grausame Schullehrer in Marstal, eine echt bergmaneske Figur, gegenüber. Melville und Conrad standen Pate, an grauslichen, aber auch komischen Abenteuern mangelt es nicht.

Über allen Wassern schwebt – neben Ausflügen in die Ich-Erzählung und die personale Erzählweise – eine allwissende Stimme, ein kollektives «Wir». Diese Stimme lobt zum Beispiel die auf Gedeih und Verderb aneinandergefesselte Gemeinschaft an Bord als Modell, denn «jede wirkliche Ordnung hängt vom Gleichgewicht ab». Manchmal bekommen diese Lebensweisheiten ein allzu lokalpatriotisches Tremolo. Die Bewohner von Marstal werden dann zur basisdemokratischen Mustergemeinde, weil sie gemeinsam eine Hafenmole gebaut und einen Gedenkstein errichtet haben. Auch stilistisch mag der eigentlich als ironischer Autor bekannte Jensen nicht das Letzte aus sich herausgeholt haben. Trotzdem ist man nach 784 Seiten auch als eingefleischte Landratte traurig, wenn man von den weitgereisten Fischköpfen aus Marstal Abschied nehmen muss.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home I 0509 LYRIKwelt © JL/NZZ