Winterreise.
Theaterstück
von Elfriede Jelinek, (2012, Akademietheater).
Besprechung von
Michaela Mottinger im Kurier, Wien, 6.4.2012:

Jelineks "Winterreise": Turnübung mit Text
Regisseur Stefan Bachmann zeigt am Akademietheater Elfriede Jelineks "Winterreise". Eine steile Vorlage, schräg nach vorne gespielt.

Er könnte kaum einheimischer sein, der Zugang, den der Schweizer Regisseur Stefan Bachmann für die österreichische Erstaufführung von Elfriede Jelineks "Winterreise" am Akademietheater fand.
Seilschaften.
Also bitte.
Auf beinah 45-Grad-steiler Bühnenfläche lässt er seine mit Karabinern gesicherten Darsteller per Seilzug hochziehen. Oder runtersausen. Samt Ski, Rodel und Snowboard. Oder auf bloßem Po. Das ist interessant anzuschauen – die Anspannung, die Anstrengung, der Kampf mit dem Raum.
Und anzunehmen.
Als eine von vielen möglichen Illustrationen der Kalvarienbergstationen, über die Jelineks Text führt.

Verschlungene Wege

Die Literaturnobelpreis­trägerin begibt sich auf den Spuren von Franz Schuberts Liedzyklus "Winterreise" auf gleichnamige Wanderschaft. Die wird bei ihr zur Kopfreise. Auf verschlungenen Wegen, heißt: in Wortwiederholungen, Wortverdrehungen, mäandern die Textmassen um die Themen Einsamkeit, Vergehen, Aus-der-Zeit-gefallen- und Am-Leben-vorbei-geschrammt-Sein.

Jelinek arbeitet sich an der eigenen Biografie – der Hassliebe zur Mutter, dem in die Psychiatrie verbrachten Vater, ihrer unterdrückten Sexualität – ebenso ab, wie am gesellschaftspolitischen Geschehen und der österreichischen Mentalität.
Hypo Alpe-Adria.
Natascha Kampusch.
Sportwahn.
Hüttengaudisauferei.

Natürlich lässt sie, lassen sie ihre Lieblingsthemen nicht los. Das gibt sie, die alte Leier"frau" (gespielt von Barbara Petritsch als gewichtigem Alter Ego), zum Schluss selbstironisch-ehrlich sogar zu. Während ihr vom "Ein Stern, der deinen Namen trägt" grölenden Ensemble der Satz abgeschnitten wird. Ein Wurm im Ohr.

Bachmann hat in Jelineks Text die hohe Musikalität freigelegt – er lässt ihn im Duett, im Chor, im Kanon, als Quodlibet sprechen –, und bei aller Ernsthaftigkeit: auch seine Entertainmentqualitäten. Die Jelinek’sche Art über Unzulänglichkeiten, Verzweiflungen zu lachen.

Was auch das Publikum jauchzend tut. Während in akrobatischer Meisterschaft durch den Text geturnt wird.

Da hangeln sich Gerrit Jansen und Simon Kirsch als zynische, Zeitung lesende Banker nach oben, schlingert Ersterer als sitzengelassene Braut, Zweiterer auf allen möglichen Sportgeräten nach unten. Beim übermütigen Kirsch hat man überhaupt den Eindruck, er will wissen, was das Seil hält.
Dorothee Hartinger gewinnt den Contest im manisch Schnellsprechen, Melanie Kretschmann greift mit Wunderkerzen wedelnd an.

Das ist schon eine steile Vorlage, die die Jelinek da geschrieben hat. Die will man schön schräg nach vorn spielen. Wofür minutenlang der Applaus tobt.
Aber da. Mitten drin.
Ein Moment Atemstillstand. Der große Rudolf Melichar spricht den Monolog des dementen Vaters. Verloren, müde, seine Sätze von der Souffleuse erfragend.
Ein Spiel. Herz sticht.
Ein Bravourstück. Ein Konterpart zur kalauernden Kletterpartie. Bachmann beweist sich einmal mehr als einfühlsamer Inszenator. Er weiß, dass das Leben tragisch, aber die Kunst heiter ist. Oder war das umgekehrt?

KURIER-Wertung: ***** von *****

Fazit: Spaß an der Selbstzerfleischung

Stück
Jelinek paraphrasiert Franz Schuberts Lied­zyklus"Winterreise", indem sie anhand seiner Motive persönlich und politisch Bilanz zieht.

Inszenierung
Spaß und Selbstzerfleischung mit Gesang. Für Letzteren sorgt Rockröhre und "Selig"-Frontmann Jan Plewka. Schubertianer werden entsetzt sein: Das klingt nicht nach Fischer-Dieskau, sondern nach Whisky Soda. Bühnenbild: Olaf Altmann.

Schauspieler
Geben alles, hängen nie in den Seilen. Klasse!

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