winkschaden, abgesetzt von Christian Steinbacher, 2011, Czermin1). - 2.)
winkschaden, abgesetzt.
Gedichte und Stimmen von Christian Steinbacher (2011,
Czernin-Verlag)
Besprechung von ncb. in Neue Zürcher Zeitung vom 4.08.2011:

Sinngerinnsel

Christian Steinbacher ist ein Wortakrobat, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen könnte. Nichts wäre seinen Gedichten fremder als simple Einfühlung oder gar ein kruder Realismus. Vielmehr gilt: «Hier lebt kein Eindruck, nur Verflochtenheit.» Es sind kleine Labyrinthe, die den Leser immer wieder in ihre Wortwelten hineinziehen, mit flottierenden Stimmen, Sprachschichten und Metren. Und mit kleinen Stolperfallen, die ganz bewusst gesetzt sind und den Lauf der Gedanken und Bilder neu ausrichten. Alles scheint sich in diesen Gedichten zu verbinden und wieder zu trennen. Einmal läuft der Sprechende der Sprache hinterher, einmal läuft er ihr voraus. Ja mehr noch, die Sprache selber beginnt zu laufen. Oder besser: zu holpern und zu stolpern. Und so, wie die Verse in Reimen kurz stocken, um sich gleich wieder zu lockern, so geraten immer wieder Sinngerinnsel ins Blickfeld und lösen sich auf. Steinbachers Gedichte drehen uns die Bilder durch den Kopf. Sie laden uns ein, die «Andockstellen» offen zu halten. Und führen uns so vollends ins Ungesicherte hinein.

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winkschaden, abgesetzt von Christian Steinbacher, 2011, Czermin2.)
winkschaden, abgesetzt.
Gedichte und Stimmen von Christian Steinbacher (2011,
Czernin-Verlag)
Besprechung von Helmut Schönauer, 23.08.2011:

Der entrückte Zustand einer Figur wird in der Literatur manchmal beschrieben mit der Fügung, dass diese Person Stimmen hört. Dabei wird selten dargelegt, was diese Stimmen eigentlich sagen.

Christian Steinbacher, der Meister der entrückten Lyrik nennt sein Buch „Winkschaden, abgesetzt“, Gedichte und Stimmen, darin erfahren wir endlich, was diese Stimmen von Entrückten sprechen könnten.

Schon das Wort Winkschaden ist ein Kosmos für sich, bedeutet er doch in der Geheimsprache von Eisenbahn-Nostalgikern, dass aus dem Fenster einer schönen Eisenbahngarnitur irgendein Trottel herauswinkt und so das Foto beinahe unbrauchbar macht.

Die Gedichte Christian Steinbachers kommen äußerlich gesehen oft im Kleide der Romantik daher, man speichelt für Naturlyrik oder Spruchdichtung ein, und dann baut sich eine Welt auf, wie man sie noch die gesehen hat. Gedanken aus der Zukunft sind als Vorabdruck angelegt, Szenarien aus dem Gedankenlabor in Pipetten des Vierzeilers eingefüllt, die Natur hat sich ihrer Substanz entschält und ist zu einem semantischen Dschungel ausgewuchert.

„Du lächelst vor dich hin, es läuft kein Film // Die Sitzordnung bestimmt die Reichweite des Denkens, / ein guter Tag, wir renovieren, wir nähen Knöpfe an, / und ohne weitern Drang, auch ohne Flausen diesmal, / die Brise vor dem Fenster stimmt uns zu.“ (20)

Während die Gedichte in ihren Themen beinahe alle erdenklichen psychischen Zustände eines Individuums ansprechen und ständig in unerwartete Bilder umschwenken, sind die Überschriften verlässlich weiße Flecken im Lexikon aller erdenklichen Bedeutungen.

Winkschaden, Blicktrasse, Kein Guckloch nicht, Milchschlaf. Diesen Titeln sind meist Gebrauchsanweisungen untergeordnet oder süffisante Kommentare. „Na wird der sechzig auch noch.“ (123)

Der Übergang zwischen Gedichten und Stimmen ist fließend. Plötzlich tritt aus dem poetischen Gebilde eine Stimme heraus und deklamiert, kommentiert oder ironisiert die vorgegeben Materie.

Christian Steinbacher tritt in manchen Passagen als purer Textkomponist auf, dann wiederum verfasst er ein Stück Poetologie, die aus reiner Anwendung besteht. Seine Gedichte sind fürs erste einmal unterhaltsam, dann wieder getragen ironisch. Schrift, Layout und phonetische Realisation jagen sich wie Schere, Stein, Papier. Nach allen lyrischen Aufregungen wird der Leser oft noch mitten im Text herunter gebremst auf eine Erlebnisfrequenz, mit der sich der Alltag aushalten lässt.

„Angeknabberter Morgen / hier zu später Stunde/ oder viel zu früh / starrst du auf das Pendel, / starrst du auf die Waage, stößt sie leicht kurz an, stierst / wieder weg durch alles“ (69).

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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