Winesburg. Ohio.
Kurzprosa von
Sherwood Anderson,
(2011, Manesse Verlag - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von
Michaela Mottinger im Kurier, Wien, 7.1.2012:
Knapp zwei Dutzend Kurzgeschichten aus dem
Kleinstadtleben. Sherwood Anderson, der große US-Erzähler, schrieb sie 1919. Nun
wurden sie neu übersetzt.
Lakonisch schildert Anderson, was sich in seinem literarischen Landstrich, den
er mit etwa hundert Figuren bevölkert hat, ereignet.
Nämlich eigentlich nichts.
Keine großen Unglücke, ein paar kleine. Keine funken-sprühenden Liebschaften. Ein paar, die halten, ein paar, die verglimmen. Die Scholle ist hart, das Leben ist’s auch. Die Menschen leben es. Aus.
„Winesburg, Ohio“ ist ein wenig wie Walton’s Mountain. Und das ist keineswegs despektierlich gemeint. Als Großstadteinzelkind wünschte man nichts mehr, als Teil dieser US-Serien-Großfamilie zu sein, die alle Schicksalsschläge dank Mutter Waltons Lächeln meisterte. Bei Anderson sind die Personen abgründiger. Mit zwei, drei kühnen Strichen entwirft er einen Charakter, dessen Abrackern mit der Moderne, der beginnenden Industrialisierung, der Emanzipation. Oder dessen Gleichgültigkeit all dem gegenüber. Da gibt es einen schwulen Lehrer; den Arzt, der in Chicago ein Mörder war; den Bentley-Clan, den die Suche nach dem Allmächtigen statt in dessen Arme zum Alkohol führt ...
Gottgläubige gibt’s viele in dieser gottverlassenen Provinz. Konfrontationen – nie.
Und einer nur löst im „Land der Freien“ (Zitat aus der US-Hymne) seine Fesseln und reist Richtung Schriftstellerei. George Willard. Er hätte Andersons Ende aufschreiben können. Der starb 1941, weil ihm der Zahnstocher einer Martini-Olive den Magen perforierte.
KURIER-Wertung: ***** von *****
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