Windweit der Mensch.
Gedichte von Thomas Christen (2010, BoD).
Besprechung von Marcus Neuert für die Rezensionen-Welt, November 2010:

Sage noch einer, mit Autorendienstleistern wie BoD könne man keine ansprechenden Bücher produzieren.

Thomas Christens im Sommer 2010 erschienener Paperback-Lyrikband mit dem Titel „Windweit der Mensch“ beweist zumindest der gelungenen äußeren Erscheinung nach mit schöner Schrift und ansprechendem Cover gleich einmal das Gegenteil. Dem Rücktitel ist zu entnehmen, dass es sich bei dem Düsseldorfer Autor unter anderem auch um den Verfasser von Liedtexten für Udo Jürgens und Milva handele. Ob diese Erwähnung nun unbedingt eine geeignete Werbung für literarische Texte im Allgemeinen oder gar für zeitgenössische Lyrik im Besonderen abzugeben vermag, sei einmal dahingestellt – auf jeden Fall macht sie neugierig, lässt aufhorchen, ebenso wie die Tatsache, dass der Band satte 190 Seiten umfasst, was zum Teil wohl einfach auch daran liegt, dass die Gedichte von Christens Erstling „Ferngespräche“ (BoD 2007) komplett enthalten sind.

So viel Lyrik ist ja fast schon verdächtig. Mitunter sogar verdächtig gut, wenn Christen einfühlsam metaphorische Gebäude und innere Befindlichkeiten miteinander verknüpft („Seelenhäuschen“, S.138f., „Tempel“, S.140f.). Auch einige der eingestreuten aphoristischen Gedichte haben durchaus ihren Reiz durch ihre intellektuelle und emotionale Eigenständigkeit („überredet“, S.144, „weiterer Versuch, dich zu beschreiben“, S.38).

Insgesamt gesehen verriete der sprachliche Duktus durchaus eine lyrische Grundgestimmtheit, ein Vermögen des Autors, sich poetisch auszudrücken, wäre da nicht immer wieder eine Disparität der Begriffsebenen, die oft einfach nicht zueinander finden. Leider gelingt Christen nur selten ein wirklich eigenständiger Ton, wenn auch immer wieder einzelne gelungene Sprachbilder aufscheinen wie „Halbwüchsiger Wind -/taumelnd im rissigen Porzellan/träumender Blüten“ („Im Garten“, S.125) oder „Ohne Gepäck/ stiegen sie aus,/ die Worte,/ aus den zerbrechenden Wagen.“ („Bernsteinzeit“, S.116). Unglücklicherweise tun das seine eignenen Worte eher nicht. Teilweise neigt er zu „Überbilderung“ durch zu viele Adjektive, die den gewählten Begriffen nicht trauen und sie entweder unnötig verstärken oder aber im Gegenteil ungenau werden lassen: „Wissen verstaut in braundunklen/ gläsern vergessenen Preziosen“ („Salvatorische Klausel“, S.132). Oder aber er bedient sich reichlich abgebrauchter Kalauer („So-nett“, S.174).

Weniger wäre oft mehr gewesen. In dem Gedicht „Manchmal träume ich“ etwa könnte man getrost auf die ganze vierte Strophe verzichten, die eine bis dahin feinsinnig geschilderte emotionale Entwicklung unnötig ins Allgemeingültige zu transzendieren versucht und damit notgedrungen scheitert. Da ist man als Leser dankbar für die wenigen wirklich temporeichen lyrischen Gebilde wie „Reißwolf“ (S. 43ff.), das nach atemloser Jagd in einer sarkastischen Paraphrase auf Brechts Haifisch gipfelt: „Ja, der Reißwolf,/ der hat Zähne,/ und die trägt er überall./Glaube ja nicht,/ wenn er käme,/ übersäh’ er deinen Stall.“

Leider wohnt jedoch der Mehrzahl der Texte eher eine gepflegte Larmoyanz als eine nachvollziehbare literarische Aussage inne. Es steht zu befürchten, dass hier das Liedertexten zu stark abgefärbt hat. Und auch die Ordnung der Gedichte nach Luftbewegungen irgendwo zwischen „windstill“ und „stürmisch“ ist nicht unbedingt sinnfällig und wirkt etwas aufgesetzt. Auffällig oft verwendet Thomas Christen immer wiederkehrende sprachliche Versatzstücke, die seinen Texten eine gewisse Emphase verleihen und sich wie ein Ostinato unter das Gesagte legen. Und das passt dann eben meist auch.

Am besten ist Christen dort, wo er mit einfachen Mitteln und Strukturen arbeitet, auf Überfrachtung und ausgelutschte Bilder verzichtet wie z.B. in „Erneuter Versuch...“, S.92f. oder „Wenn“, S. 100f. Vielleicht hätte man durch Weglassen den größeren positiven Effekt für das Werk erzielen können. Ein Drittel des Umfangs hätte das Schaffen von Thomas Christen wohl dezidierter dokumentieren können als die vorliegende textliche Überfülle.

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