Windows
of the World.
Roman von Frédéric
Beigbeder (2004, Ullstein
- Übertragung Brigitte Große).
Besprechung von Saimone Dattenberger aus der
Münchner
Merkur, 27.2.2004:
Fenster zur Welt
Beigbeders Roman über den 11. September
Es liegt im Dachgeschoss des Nordturms des World
Trade Centers. Die Buben hatten sich den Ausflug so sehr gewünscht, und der
Vater, der viel lieber lang geschlafen hätte, gab nach. Um halb neun fahren die
drei hinauf zu den "Fenstern zur Welt". "Da hüpft natürlich a
posteriori mein Ex-Werber-Herz: Es hätte einen grandiosen Namen für diesen Ort
gegeben, schlicht und poetisch, eine erhabene Marke: ,End of the World’."
Frédéric Beigbeder hat für seinen Roman über das Attentat aufs WTC zwei
Erzähler gewählt: Carthew Yorsten, eines der Opfer dieser ungeheuerlichen Tat,
rekapituliert sein Leben und schildert in einer fiktiven Live-Situation die
Katastrophe minutengenau von 8.46 bis 10.21 Uhr, vom ersten Schrecken über
Fluchtversuche, Hoffnung auf Rettung aus der Luft bis zur Resignation: Er
springt mit Jerry - der jüngere Sohn ist bereits erstickt - aus dem Fenster,
bevor sie noch qualvoller als ohnehin sterben müssen. "Aber Sie haben
nicht gesehen, wie jene, die sprangen, in Stücke gerissen wurden, Sie haben die
Blutfontänen nicht gesehen und das mit Stahl und Plastik verschmolzene
Fleisch."
Sinnleere einer geldgeilen Generation
Beigbeder selbst ist der andere Erzähler, der im
Abstand von zwei Jahren über das Schreiben dieses Buchs reflektiert. Über das
Verhältnis Frankreich-USA, über die Sinnleere der eigenen geld- und sexgeilen
Generation, die keine Verantwortung übernehmen will, über rüden Kapitalismus
und dumme Technikgläubigkeit. Der Autor Beigbeder verzahnt also die Ebenen des
Erfundenen, der genauen Recherche inklusive authentischer Telefon-Zitate von
Opfern und der essayistischen Nachdenklichkeit.
Der französische Schriftsteller des Jahrgangs 1965 war mit seinem Roman
"39,90" (2001), einer frechen, süffig geschriebenen Abrechnung mit
der Werbe-Branche, seiner eigenen, bekannt geworden. Als Reklamefritze war er
damit erledigt. Heute ist er Programmchef eines Verlags und Literaturkritiker.
Für "Windows on the World" hat Beigbeder die Provokationen abgelegt.
Er versucht, möglichst ehrlich zu sein. Fängt alle Vorwürfe ab, indem er sie
selbst thematisiert: von der Aussichtslosigkeit, derartiges Leid künstlerisch
erfassen zu wollen, bis hin zur eigenen Autoren-Eitelkeit und Yuppie-Hohlheit.
Carthew, ein oberflächlicher Unsympath, ist sein Alter Ego, das erst im
Untergang zum Menschen reift.
Der Tod macht die Zyniker knieweich, zwingt ihnen Gebete auf die Lippen. Zerrt
ihnen die Ideologie von der Freiheit, von der egomanischen Freiheit, aus Gehirn
und Seele. Es scheint, als wolle Beigbeder genau das für sich selbst lernen -
durch die von ihm geschaffene Figur des amerikanischen Mannes und Vaters. Der
Schriftsteller besucht das Restaurant "Ciel de Paris" im Tour
Montparnasse mit seiner Tochter, sucht die Todesangst bei einem Concorde-Flug
nach New York, forscht dort dem Schmerz dieser Stadt nach. Lässt, wenn auch
selbst ungläubig, seinen Weltverbesserer-Freund - eine Regierung für den
Globus - zu Wort kommen.
Als Autor ist er klug genug, trotz aller Reflexionen spannend und zugleich
menschlich, durchaus auch sentimental zu erzählen: Eindreiviertel Stunden
dauertes es vom Einschlag der Boeing in die Stockwerke 94 bis 98 des Nordturms
bis zum Einsturz des Gebäudes. Die kurzen Ausflüge ins Pornografische wirken
dabei krampfhaft aufgepfropft, sind wohl als fleischliche Verzweiflung im
Angesicht des Todes gedacht. Selbst wenn es solche "Ausreißer" nicht
gäbe, wäre "Windows on the World" dennoch kein großes Werk. Die
gestalterische Potenz und Tiefe eines Kertész
oder Gryphius, eines Celan
oder Vonnegut hat
Beigbeder nicht - und er nimmt sein Ego viel zu wichtig. Er hat jedoch einen
lesenswerten "Gebrauchsroman" über ein sehr schweres Thema
geschrieben.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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