Wilde
Nelken.
Gedichte von Jürgen
Theobaldy (2005, Zu Klampen).
Besprechung von Michael
Braun, Januar 2006:
DER
WINDFLUSS DER
POESIE
„Wilde Nelken“: Jürgen Theobaldys
mystische Weltempfindung
Am Anfang aller Poesie, so
glaubte einst der spätmittelalterliche japanische Dichter Matsuo
Basho, steht das Wort „Windfluss“, japanisch „furyu“. Basho war ein
Dichter, der seine Weltempfindung in Sekundengedichte übersetzte, in knappe,
schwebende, offene Notationen, die von ebenso einfachen wie intensiven
Sinneseindrücken ausgehen. Für diesen Zen-Mystiker erscheint die Windbewegung,
wie sie Blätter, Gräser und Zweige zum Schwirren oder Rieseln bringt, als eine
Urszene des Lyrischen.
Von solchen Urszenen der
Weltempfindung handeln auch die neuen Gedichte des Dichters Jürgen Theobaldy.
Auch bei ihm setzt der Windfluss den Vers des Dichters in Bewegung: „Ein
kahles Feld vor meinem Fenster liegt. / Wie haben sich dort schwere Weizenähren
/ im Sommerwind noch hin und her gewiegt!“
Jürgen Theobaldy, 1944 in Straßburg
geboren, aufgewachsen in Mannheim, und im politisch bewegten Berlin in den
1970er Jahren zum Herold einer Dichtung der „Neuen Subjektivität“
aufgestiegen, hat in seinen frühen Jahren das Gedicht „ins Handgemenge“ führen
wollen, hinein in die turbulenten Kämpfe dieser Zeit. Nun sind es eher die
stillen Bilder und zarten Glücksversprechen eines Sinneseindrucks, einer
kleinen Naturbeobachtung, die ihn beschäftigen. Diese Gedichte riskieren viel
in ihrem Minimalismus der Mittel. Denn gerade poetische Miniaturen wie das Haiku
stürzen ja oft ab in Kurzatmigkeit und schiere Simplizität. Aber Theobaldy hat
viel gelernt von den Virtuosen des Haiku und des Senryu, von Basho und seinen
zen-buddhistischen Introspektionen. Seine kleinen Meditationen der
Selbstvergewisserung komponiert er in „Wilde Nelken“ zu einem lyrisches
Stundenbuch der Jahreszeiten und Liebeserklärungen.
Dem lyrischen Ich genügt der Blick aus dem Zugfenster, der winzige Käfer am Wegrand oder das „frühe Leuchten“ der „jadeweißen Zweige“ des Pflaumenbaums“, um den intensiven Erfahrungsmoment in eine Metaphysik der Diesseitigkeit zu verwandeln. Selten sind in der zeitgenössischen Dichtung so lebenszugewandte, so daseinsverliebte und so unzergrübelte Gedichte geschrieben worden. Ob das Subjekt sich eines ekstatischen Naturmoments vergewissert oder in nachgetragener Liebe der toten Eltern gedenkt – fast immer proklamiert, wie im Gedicht „In der Mittagssonne“, ein „Herr Zuversicht“ das uneingeschränkte Ja zum Dasein. Den Fallstricken der Banalität kann der Sekundendichter nicht immer entgehen. Aber von seinen „späten Bildern“ und „mittleren Tempi“ lässt man sich gerne inspirieren, besonders in jenen Momenten, wenn das Ich daran geht, die eigene begrenzte Lebensstrecke zu vermessen: „Der letzte Omnibus fährt leer zurück. / Den Akt der Liebe kannst du nicht verfilmen. / Die späten Bilder nimmst du mit dir mit. / Wie oft hat sich ein Wort nicht sagen lassen! / Die letzten Fragen, liebe Eltern, sind zu schwer.“
Leseprobe I Buchbestellung 0106 LYRIKwelt © Michael Braun