Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch von Rüdiger Safranski, 2003, Hanser1.) - 2.)

Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?
Buch von Rüdiger Safranski (2002, Hanser).
Besprechung von Rolf Spinnler in der Stuttgarter Zeitung vom 1.4.2003:

Immunschutz für alle
Rüdiger Safranski schreibt über die Globalisierung

Dass sich jemand als freier Schriftsteller auf dem Buchmarkt behaupten kann, wenn er über philosophische Themen schreibt, kommt heutzutage selten vor. Rüdiger Safranski, der 1945 in Rottweil geboren wurde und heute in Berlin lebt, ist dieses Kunststück gelungen. Das ist umso erstaunlicher, als er mit Büchern über Arthur Schopenhauer und Martin Heidegger bekannt wurde, also sich für Autoren eingesetzt hat, die als unzeitgemäß, ja politisch verdächtig galten. Inzwischen hat sich Safranski eine große Fangemeinde erschrieben und es sogar zu einer Fernsehsendung im ZDF gebracht, wo er zusammen mit Peter Sloterdijk zum "Philosophischen Quartett" einlädt.

Diese herausgehobene Position fordert offenbar ihren Tribut, denn Safranski lässt sich neuerdings seine Stichworte vom Zeitgeist vorgeben. Unter dem Titel "Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch?" hat er soeben einen hundert Seiten umfassenden Essay über ein Problem vorgelegt, das längst bis zur Erschöpfung in Talkshows und Symposien breitgetreten wurde. Gibt es da wirklich noch bisher unbeachtete Aspekte zu entdecken, oder wird hier nicht einfach auf ein marktgängiges Thema gesetzt?

Unprätentiös wie in seinen bisherigen Büchern geht Safranski auch diesmal an seine Sache heran. Der aufgeschlossene Laie, nicht der Gelehrte ist sein Adressat. Er schreibt lesbare Sätze, glänzt mit eleganten Formulierungen, verzichtet auf akademische Rituale wie Fußnoten oder Literaturhinweise und imponiert durch einen souveränen Überblick über die Philosophiegeschichte von Platon bis Heidegger. Das alles muss kein Fehler sein, aber es hat seinen Preis. Denn der Blick aus der Vogelperspektive übersieht leicht jene tückischen Details, in denen bekanntlich der Teufel steckt, und gleicht der globalen Aussicht vom Feldherrnhügel auf die Weltgeschichte, die Safranski in seinem Buch gerade kritisieren will.

"Das Denken gerät in eine Globalisierungsfalle bei dem Versuch, aufs Ganze zu gehen." So lautet die Grundthese des Essays, die er in immer neuen Variationen entfaltet. Safranski spricht von "Globalismus" und meint damit eine Weltsicht, die aus den unbestreitbaren Prozessen der weltweiten Vernetzung von Ökonomie, Politik, Verkehr und Information die moralische Forderung ableitet, diese globale Vernetzung noch weiter voranzutreiben, weil sie gut und erstrebenswert sei. Drei Fraktionen von Globalismusideologen hat der Autor ausgemacht: die neoliberalen Global Players mit ihrem Ruf nach einer entfesselten Marktwirtschaft ohne Schranken, die postnationalen Träumer vom Ende des Nationalstaats und die ökologischen Menschheitsretter mit ihren Appellen an das schlechte Gewissen der Umweltsünder und Wohlstandskonsumenten.

Safranski hat zwei grundsätzliche Einwände gegen diesen Globalismus: Er beruhe erstens auf einer falschen Wahrnehmung der Verhältnisse, und zweitens überfordere er die Menschen. "Der Globalismus als Ideologie erzeugt das Bild einer Weltgesellschaft, die einheitlicher erscheint, als sie ist." Ein handlungsfähiges Subjekt namens "Menschheit" als Gestalter einer einheitlichen Weltgeschichte existiert nämlich nicht; es gibt nur die Menschen im Plural, die jeweils in ihre eigenen unterschiedlichen Geschichten verstrickt sind. Wer im Namen der "Menschheit" oder der "Menschenwürde" die Welt vor dem Bösen retten will, kaschiert mit diesen Parolen nur die eigenen Interessen. Das sagt Safranski auch im Hinblick auf die aktuelle amerikanische Politik, der er ins Stammbuch schreibt: "Auch ,wohlmeinende' Macht geht nicht vor Recht."

Der Überforderung durch den Globalismus hält der Philosoph die individuelle Tugend der Selbstbegrenzung "als Immunschutz gegen überwältigende Reize und entgrenzende Horizonte" entgegen. Worauf es ankomme, sei das Individuum, das sein eigenes Leben im Hier und Jetzt gestalten müsse: "Der Einzelne - jeder Einzelne - ist das Sinnzentrum des Ganzen." Und der Autor gibt auch gleich ein paar Tipps, wie man sich gegen die Zumutungen der Globalisierung, den Mobilitätswahn und die Dauerkommunikation wehren kann: durch Verlangsamung, Eigensinn, Ortssinn, Abschalten, Unerreichbarsein. Philosophie als Lebenshilfe - da scheint Safranski ja eine neue Aufgabe gefunden zu haben.

Der Essay kommt - wir sagten es schon - ohne Fußnoten und Literaturliste aus. Man kann dieses unakademische Auftreten sympathisch finden, freilich auch argwöhnen: Da will jemand seine Quellen verbergen. Denn bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass der Autor kaum einen originellen Gedanken in die Debatte einbringt. Alles kommt einem irgendwie bekannt vor: hier ein bisschen Luhmann, da ein wenig Nietzsche, und Heidegger ist immer dabei.

Das Plädoyer für eine individuelle Lebensgestaltung gegen die Zumutungen der globalen Ökonomie und Politik erinnert an Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen", wo der Selbstverwirklichungstrip von Eichendorffs Taugenichts gegen die Stürme der großen Politik verteidigt wird. Ja, es gibt ein richtiges Leben im falschen, versichert uns Safranski. "Glück im Winkel" nannte man im Zeitalter des Biedermeier diese Haltung. Auch die Absage an den Feldherrnblick der Geschichtsphilosophie wurde uns schon von Odo Marquard empfohlen, den Verzicht auf die Allmachtsfantasien eines moralischen Universalismus hat uns Hans Magnus Enzensberger in seinen "Aussichten auf den Bürgerkrieg" ans Herz gelegt. Und im Kapitel "Dickicht und Lichtung" bedient sich Safranski großzügig aus einem Buch, das hier zu Lande nur wenige kennen dürften: Robert P. Harrisons "Wälder. Ursprung und Spiegel der Kultur". Fortsetzung

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Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch von Rüdiger Safranski, 2003, Hanser2.)

Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?.
Buch von Rüdiger Safranski (2002, Hanser).
Besprechung von
Julia Charlotte Brauch aus dem titel-magazin:

Wider Hysterie und Panik

Ein Gespenst beherrscht die Welt: Das Gespenst der Globalisierung. Ständig schlagen uns die Medien den Begriff um die Ohren, in Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet. Wer genau hinsieht, stellt fest, dass sich hinter dem Wort Globalisierung häufig ein schwammiges Bedeutungskonglomerat versteckt, das immer dann zum Einsatz kommt, wenn es sich in irgendeiner Form um weltumspannende Informations- und Geldflüsse sowie unkontrollierbare globale Entwicklungen handelt. Wir hantieren blind, aber mit einer selbstverständlichen Beiläufigkeit mit dem Begriff, weil er inzwischen so ubiquitär geworden ist, dass sich keiner mehr zu fragen traut: Was hat es mit der Globalisierung eigentlich auf sich? Rüdiger Safranski traut sich. Er geht noch weiter und stellt die anthropologische Grundfrage: „Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?“

Für Safranski unterscheidet sich der Mensch vom Tier durch seine Fähigkeit zur Außensicht aufs eigene Leben. Dem heutigen Durchschnittsmenschen aber geht genau dieses existentielle Vermögen schleichend abhanden. Es verliert sich in einer Überfülle an Informationen und Diskursen, so dass der Einzelne an chronischer Überforderung leidet und das Individuum Gefahr läuft, seine Konturen zu verlieren. Das Hauptproblem liegt dabei in der nicht zu bewältigenden Flut an Informationen, die den Menschen nach seiner ethisch-moralischen Erziehung zur Verantwortung, zum Einschreiten aufrufen, jedoch auf kein adäquates „global vereinheitlichtes Handlungsubjekt“ treffen. Eine weitere Gefahr sieht Safranski in einem monoton und eng gewordenen Universum, das durch eine Kommunikation in Echtzeit geschrumpft wirkt und die regionalen Charakteristika nivelliert. In seinem Essay zeigt Safranski sehr allgemein gehalten den Teufelskreis zwischen Problemen der Globalisierung und denen des Individuums auf und gibt am Ende einen leisen Ratschlag, wie sich das Ich selbst aus dieser Schlinge ziehen kann.

Zunächst unterscheidet Safranski zwischen Globalisierung und Globalismus. Während der Begriff „Globalisierung“ wertungsfrei verwendet wird, stellt „Globalismus“ ein „Symptom der Überforderung“ dar, nämlich weil der Einzelne nicht in der Lage ist, das komplexe System der Globalisierung zu begreifen und sich daher hinter vereinfachenden Ideologien verschanzt. Safranski nennt drei grundverschiedene Tendenzen dieses Globalismus: den Neoliberalismus, den Anti-Nationalismus und die Ökologie-Ökumene. Heilsversprechend ist keine dieser Ideologien, also greift Safranski bei seinen Überlegungen zurück auf die großen Weltprojekte zentraleuropäischer Philosophie.

In der Tradition Hobbes‘, Kants, Hegels und Nietzsches geht Safranski von einem „Verfeindungs-Apriori“ aus. Durch den Trieb des Individuums zur Selbsterhaltung und Abgrenzung von anderen ist in einer demokratischen und individuellen Welt kein politisches Universum möglich. Also denkt Safranski an ein „Pluriversum“ im Sinne von Kants Weltfrieden, an eine Machtbalance aus Demokratie, Handel und Weltöffentlichkeit, lässt aber gleichzeitig heutige Probleme des kantianischen Konzepts nicht außer Acht. So erkennt er eine Kehrseite im wiewohl verteidigenswerten „kalten Projekt“ der westlichen Aufklärung, die nach dem Prinzip der Gewaltenteilung Politik und Religion trennt, die aber dadurch, dass sie die Religion zur bloßen ‚Gesinnung‘ degradiert, pervertierte fundamentalistische Religionen geradezu zur Verachtung dieser Aufklärung und zu Terroraktionen auf den Plan ruft und damit den „Kampf der Kulturen“ unfreiwillig anheizt.

Das zentrale Anliegen des Essays bezieht sich jedoch nicht auf die Probleme der Globalisierung selbst, sondern auf deren Projektionen auf das menschliche Individuum. Safranskis zentraler Punkt ist wiederum die Gewaltenteilung, die für das moderne Subjekt am eigenen Leib durch den „Widersteit verschiedener Wertsphären“ eine „Zumutung“ sei. Der Philosoph betont die enorme Aufgabe des nach Ganzheit strebenden Menschen, trotz der vielfältigen Ablenkungen durch die Außenwelt innerhalb seiner begrenzten Lebenszeit und Lebenswelt das eigene Selbst bewusst abzugrenzen und zu gestalten. Dabei greift er auf die zeitlose Vorstellung Schillers von der „ästhetischen Erziehung des Menschen“ zurück, ebenso wie auf Goethes Bildungsbegriff.

Safranski sieht diese klassisch-humanistischen Konzepte weniger mit dem Ziel einer „gesellschaftlichen Breitenwirkung“, als vielmehr zur Rettung des souveränen Subjekts vor der Reizüberflutung, quasi als „kulturellen Immunschutz“. Er rückt die Verhältnisse zwischen Ich und Welt ein Stück weit ins rechte Licht, wenn er die Bedeutung des Einzelnen vor einer inzwischen „zoologisch“ zusammengepferchten Menschheit aufwertet: „Jedes Individuum ist die Bühne, wo die Welt ihren Auftritt hat.“ So schließt der Autor mit einem Ratschlag, frei nach J. P. Hebels Kalendergeschichte “Unverhofftes Wiedersehen”, die Weltgeschichte nach Möglichkeit in die eigene Lebensgeschichte einzubetten und nicht allzu übermächtig werden zu lassen.

Ein kluger und brillanter Essay, der sich konsequent an seine eigenen Maßgaben hält: er ist knapp, präzise und schafft den nötigen Abstand zu Euphorie und Hysterie des Globalisierungsrummels.

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