Wiener Fenstersturz von Egyd Gstättner, 2017, PicusWiener Fenstersturz.
Roman von Egyd Gstättner (2017, Picus Verlag).
Besprechung von Alexander Peer in der Wiener Zeitung, 05.11.2017:

Egyd Gstättners origineller Roman "Wiener Fenstersturz

Die Welt von Gestern scheint für den Kärntner Autor Egyd Gstättner ein unversiegbarer Quell. War im Roman "Das Geisterschiff" der Secessionist Auchentaller im Zentrum des Erzählens, so ist der "Wiener Fenstersturz" dem vielseitigen Egon Friedell gewidmet. Dieser floh am 16. März 1938 durch einen tödlichen Sprung aus seiner Wohnung in der Gentzgasse vor der SA. Friedell wusste schon lange um die Gefahr, war aber unentschieden, sein Domizil zu verlassen: eine Bibliothek mit Tausenden Notizen, ein Zetteluniversum, das ihn bei der Entwicklung seiner umfassenden Reihe kulturgeschichtlicher Analysen - allen voran der "Kulturgeschichte der Neuzeit" - immer neu stimulierte.

Ein Gelehrter und ein Clown wohnten, ach! in seiner Brust. Diese Ambivalenz verstörte einmal die einen, einmal die anderen. In seinem Stück "Goethe im Examen", das 1908 in Wien uraufgeführt wurde, nahm diese Doppelbegabung erfrischend Gestalt an.

Das große Begehren, akribische Forschung immer auch der erhellenden Anekdote wegen zu betreiben, muss Friedell attestiert werden. Gstättners Roman huldigt diesem Begehren. Zum einen in der Konzeption einer wahrhaften Groteske, da der aus dem Fenster stürzende Friedell von H.G. Wells’ nun endlich erfolgreich gebastelter "Zeitmaschine" aufgenommen wird. Damit reist Friedell erst in die Zukunft - das Wien von heute. Danach legt er den terminalen Retourgang ein und gelangt so in das Wien seiner Kindheit in der Hochblüte der Gründerzeit.

Durch die Wiederholung ereignet sich eine therapeutische Intervention in Bezug auf eine traumatisierende Kindheitserfahrung. Vielleicht würde Friedell gerade darüber herzhaft lachen müssen, hatte er doch selten eine Gelegenheit verpasst, um die Psychoanalyse ins Lächerliche zu ziehen.

Der Roman Gstättners ist in drei Bücher aufgeteilt. Insbesondere im dritten Buch, in dem die dramatische Ehe oder vielmehr Trennung von Egons Eltern erzählt wird, ist der Ton klug gewählt und angemessen ruhig. Wohingegen das zweite Buch eine Betrachtung der Gegenwart durch die Folie des Fremden unternimmt und dabei allerlei Skurrilität in dem vermeintlich Normalen identifiziert, - hier dient der beinahe manische Erzählton einer Kulturanalyse. Das erste Buch wiederum porträtiert den engen Kreis um Friedell, der retrospektiv dessen Persönlichkeit und Marotten sowie Vorzüge bekenntnishaft schildert.

Zudem ist Gstättners "Wiener Fenstersturz" auch insofern vom Geist Friedells beseelt, als er Kulturgeschichte als Groteske abhandelt und anspielungsreich diverse Verfehlungen der Menschheit, insbesondere den politischen Irrweg des Nationalsozialismus und seine drohende Dämmerung in Form des wiederkehrenden, national fokussierten Denkens sarkastisch erläutert. Für Kenner des frühen 20. Jahrhunderts tut sich ein Panorama Wiens auf, das Friedell, der als geborener Friedmann 1916 vom Judentum zum Protestantismus konvertierte, maßgeblich mitprägte: seine Langzeitbegehrte Lina Loos, Peter Altenberg, Alfred Polgar, Karl Kraus und viele mehr. In Gstättners bizarrer Handlung erweist sich H.G. Wells als eigentlicher Mörder von Kraus: demnach wurde der begnadete Wutbürger 1936 nicht von einem Radfahrer niedergestoßen (und verstarb im selben Jahr), sondern durch den ungeschickt durch die Zeit manövrierenden Wells.

So grotesk das auch klingt, die Verbindung von Friedell zu Wells ist gegeben, wenngleich nur in der Literatur. Postum erschien 1946 Friedells "Die Reise mit der Zeitmaschine" bei Piper.

Im "Wiener Fenstersturz" erreicht diese literarische Verbindung eine neue Qualität. Sicherlich taugt Gstättners Buch nicht als Biographie, aber diese hat ja schon 1971 Peter Haage verfasst und darin auch Friedells Neigung belegt, das eigene Leben mit Legenden zu erhellen oder zu verdüstern, je nach Stimmung. Es wäre schließlich kein Buch, das dem Privatgelehrten, Bonvivant und Theatermenschen Friedell gerecht würde, nährte es nicht jene schöne Beklommenheit, die in der unerbittlichen Gewissheit besteht, dass das bessere Leben im Fiktionalen aufgehoben ist und nur so viel Wirklichkeit herein gelassen werden sollte, wie eben Not tut. Oder, mit Friedell gesprochen: "Daß die Philosophen ernste Menschen sind, ist ebenfalls nur eine Legende (. . .): der Philosoph fängt erst dort an, wo der Mensch damit aufhört, sich und das ganze Leben ernst zu nehmen."("Der Lausbub", 1914).

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Wiener Zeitung]

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