Wie man leben soll von Thomas Glavinicv, dtv1.) - 2.)

Wie man leben soll.
Roman von Thomas Glavinic (2004, dtv).
Besprechung von Franz Haas in Neue Zürcher Zeitung vom 22.07.2004:

Dicker Mann, was nun?
Ein tragikomischer Roman von Thomas Glavinic

Vier sehr verschiedene Bücher hat der Österreicher Thomas Glavinic (geb. 1972) bisher geschrieben, und nie hat er ein Thema wiederholt, kein Genre ist ihm zur Masche geworden. Sein neuer Roman «Wie man leben soll» ist das witzige Selbstporträt eines tollpatschigen Mannes, der in den letzten anderthalb Jahrzehnten glücklos durch eine Wiener Jugend gestolpert ist. Zwischen Schule und Liebeskummer, Studium und Übergewicht sucht er sein Heil in jener massenhaft vorhandenen Ratgeberliteratur, die schon der Romantitel parodiert. Am Ende hat dieser dicke Taugenichts auch einmal Glück, doch fraglich ist, ob er dadurch glücklich wird.

Formaler Übermut

Eigenwillig und originell ist auch die Erzählhaltung: das ganze Buch in der Man-Form, in jenem wunderlichen Singular der dritten Person, der sonst nur in Kochbüchern und Lebensratgebern verwendet wird. Solch formaler Übermut ist riskant (Georges Perec hat einen kompletten Roman im Singular der zweiten Person geschrieben, Agota Kristof einen im Plural der ersten). Zunächst kann das wie eine eintönige Stilübung wirken, doch schliesslich behält die Komik die Oberhand, denn Thomas Glavinic jongliert gewitzt mit den Nöten seiner Generation, tunkt gekonnt das Selbstmitleid in Ironie.

Bereits auf der ersten Seite präsentiert sich der Held (Jahrgang 1970) eloquent: «Wenn man Karl Kolostrum heisst und schon immer der dickste der Klasse war», dann sei man einiges gewohnt. Als Tschernobyl explodiert, fummelt er gerade zum ersten Mal an Mädchen herum. Als die Berliner Mauer fällt, experimentiert er gerade aus Neugier mit Homosexualität. Als Jugoslawien zu zerfallen beginnt, hat er schon auf das Inserat eines Paares in einem Pornomagazin geantwortet. Auf diesem Gebiet hat er also nicht mehr viel zu lernen, doch der Rest seiner Herzensbildung geht weniger zügig voran. Er hängt in Spielhallen herum, gibt das Studium der Kunstgeschichte auf und wird Taxifahrer. Schliesslich macht das Fernsehen seine Apotheose als Starmusiker möglich - ein Romanschluss, der aber trotz den bitter bizarren Zügen allzu märchenhaft in der Luft hängt.

Treues Zerrbild

Mit Ausnahme der wundersamen Auferstehung auf den letzten vier Seiten bietet dieser Roman das treue Zerrbild einer Epoche und einer Generation, die sich in der falschen Zeit und am falschen Ort fühlt. «Wieso war man kein Achtundsechziger? Das war eine Zeit, in der man dick sein durfte und Drogen probieren konnte», so hadert dieser junge Herr Karl mit der Welt und vertieft sich in Ratgeber mit Titeln wie «So komme ich nach oben», aus denen er ausführlich zitiert. Zunächst ist er noch «ein allseits geschätztes Dickerchen», doch um mehr Achtung zu bekommen, riskiert er, «dass man sich wie ein Hanswurst aufführt». Die soziale Herkunft hilft ihm auch nicht weiter - der Vater ist abgängig, die Mutter Alkoholikerin, die Verwandtschaft eine chaotische Spiesserrunde.

Bei allen grotesken Einschüben (drei Tote aus Versehen) bleibt der Roman «Wie man leben soll» doch erstaunlich nahe an der Realität, für die Thomas Glavinic einen spöttisch guten Blick hat. Es ist das Wien der «Kronenzeitung», der Wirtshäuser und Studentencafés, der Wohngemeinschaften mit verpissten Katzenklos, der hängen gebliebenen Jugend, die plötzlich altert und sich für Reality-TV-Shows begeistert. Der Maulheld Karl ist mittlerweile extrem fettleibig, hat sich, wie überall, auch in der grausamen Arena des Fernsehens «zum Trottel gemacht» und soll dafür belohnt werden, als unterhaltsames Monster, mit 33 Jahren und 150 Kilo ein komisch tragisch dickes Kind seiner Zeit.

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Wie man leben soll von Thomas Glavinicv, dtv2.)

Wie man leben soll.
Roman von Thomas Glavinic (2004, dtv).
Besprechung von Wolfgang Kühn in DUM - Das alternative Magazin:

Selten so gelacht, seit ich Sue Townsend? Pubertätsklassiker The secret diary of Adrian Mole zur Seite gelegt habe, all those years ago.
Hochachtung vor Thomas Glavinic, der nach seinem vielgerühmten Glauser-Krimipreis-gekrönten Roman "Der Kameramörder" nicht ein zweites Mal ausschlachtenderweise auf dasselbe Pferd gesetzt hat. Nachdem uns Wolf Haas mit seinen Du-Brenner-Du-Kriminalromanen einen anderen ungewohnten Erzählstil vertraut gemacht hat, wagt Thomas Glavinic den nächsten Coup: das allseits verpönte, weil unpersönliche "man" begleitet uns auf 238 Seiten durch die außergewöhnliche und zugleich banale Existenz der tragisch-komischen Hauptfigur Charlie Kolostrum. Man mag meinen, Glavinic hat aus unser aller "secret diary" geklaut, wenn er seinen Charlie durch "das erste Mal", durch Matura und Führerschein holpern und stolpern lässt.
"Wie man leben soll" - ein gelungener Seitenhieb auf die wunderbare Welt der Lebensratgeber: sich nicht zu viel bewegen, einfach treiben lassen. Take it easy! Es geht immer irgendwie weiter. Alles wird gut! Irgendwie. Von selbst.
Merke: Thomas Glavinic hat nach "Carl Haffner? Liebe zum Unentschieden" und "Der Kameramörder" seinen dritten ganz großen Roman abgeliefert. Man darf gespannt sein, was da noch kommen wird ...

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