Wie
im Siebenten.
Roman
von Andreas Unterweger
(2009, Droschl).
Besprechung von Kathrin Kuna in DUM
- Das alternative Magazin, 2009:
Der Buchtitel spielt gleichermaßen auf den
siebenten Gemeindebezirk wie auf den siebenten Himmel an. (Mancher könnte es
auch so verstehen, dass es sich in Neubau wie im Himmel lebt und liebt.) In
diesem Teil Wiens spielt Andreas Unterwegers Liebesgeschichte, die vom Autor
bzw. seinem Alter Ego und dessen Liebe zur geschiedenen Judith aus
Niederösterreich handelt. Konsequenterweise wird am Anfang schon gewarnt, dass
nicht immer alles so schön war, wie zu Beginn, als man noch nächtelang
ineinander schmelzen wollte und morgens den mit Sand gefüllten Blumenkasten als
Souvenir aus den nächtlichen Träumen vom Meer (Achtung: Sea of Love) vorfand.
Der erste Satz im Roman betont die Notwendigkeit (den Zwang?) der Dokumentation
dieser Liebesgeschichte: In jenen schwierigen Zeiten war es einfach
lebensnotwendig, gewisse Dinge nie, niemals, zu vergessen, und um sie nicht zu
vergessen, schrieben wir sie auf.
Man kann Tragik auf den kommenden Seiten vermuten, erwarten sollte man sie aber
nicht. Bereits auf Seite 14 gibt der Autor weitere Erklärungen: In dem Zimmer im
Siebenten wollte ich mein erstes Buch schreiben. Es sollte ein ganz einfaches
Buch werden, das von ganz einfachen Dingen handelte, und am Anfang dachte ich
noch, dieses Buch würde dort, in dem Zimmer im Siebenten, auch ganz einfach zu
schreiben sein. Muscheln zwischen Blumen vor einem Zimmerfenster, das im
siebenten Wiener Gemeindebezirk in einen Innenhof zeigt. Das ist nett. Und das
ist eigentlich auch, was man vom 70er Jahre Design auf dem Buchcover, dem
harmlos statt psychodelisch anmutenden Kreismuster erwarten kann.
Ich-Erzähler als Indianerhäuptling
Der erste Abschnitt des Buches ist leider an manchen Stellen aufgrund der
Wiederholungen und des sehr eigenwilligen Erzähltons etwas langatmig - der
ständige Wechsel zwischen auktorialem Erzähler und Ich-Erzähler wirkt
unentschlossen. Man fragt sich, was die plötzliche Wandlung des Ich-Erzählers
zum Indianerhäuptling soll. Ständig nennt er sich selbst beim Namen, also "ich,
Andreas, ..." - das klingt nicht innovativ sondern prätentiös. Witzig und
intelligent werden diese Passagen allerdings durch eingestreute Zitate
aufgefrischt. Anfangs werden Autoren wie
Čechov (der Kanon lässt grüßen) zitiert, später auch Musiker bzw. deren
Liedtexte. Unterweger stellt auch einen kurzen Vergleich zwischen Autor und
Detektiv an.
Gegen Ende des Romans werden die Querverweise auch auf eine optische Ebene
gehoben, indem der Text durch zwei ansprechende und passende
Schwarz-Weiß-Fotografien unterstützt wird. Dies wirkt allerdings nicht
detektivisch, sondern im Stile der neuen Popliteratur archivarisch, da die
Bilder mit Fußnoten versehen sind, die Lexikoneinträgen gleichen. Die letzten
Kapitel des Romans sind den Liebesbeziehungen von
Bob Dylan und John Lennon gewidmet. Man muss wohl ein eingeschweißter Fan
zumindest von einem der beiden sein - nicht etwa, weil man etwas Neues über sie
erfahren würde, sondern, um ihre Begegnungen mit ihren Frauen noch einmal
erzählt bekommen zu wollen. Es schleicht sich beim Lesen dieser letzten Seiten
der Gedanke ein, dass Unterweger sich bzw. seine Beziehung mit der von
Dylan und Lennon vergleicht. Überzogen? Oder
konsequentes und ehrliches Darlegen von Recherchematerial? Es werden keine
direkten Vergleiche angestellt, sondern - wie auf den Seiten davor die Beziehung
zwischen Andreas und Judith - nun zwei andere Beziehungen aufgezeichnet.
Gefahr zu ersaufen groß
Liebe kann verunsichern. Sie kann auch zu Orientierungslosigkeit führen.
Besonders, wenn man grundsätzlich selbst noch auf der Suche ist, kann Liebe zu
Verwirrung führen, das Liebesmeer Wellen hervorbringen, die einen schon mal
überrollen. Wenn man sich in einer Beziehung selbst finden will oder muss, dann
ist die Gefahr zu ersaufen sehr groß. Wichtig ist also immer wieder durchzuatmen
und sich weiterumzusehen. Man sollte nicht gleichgültig oder zynisch werden,
scheint uns der Autor sagen zu wollen. Vielleicht muss man sich auch einmal mehr
mit Fragen des Erwachsenwerdens und des Verantwortung-Übernehmens neben dem
ausgiebigen Genießen konfrontieren. Auch die Erkenntnis, dass man noch immer
keine Antwort hat, ist eine Erkenntnis: Denn das war das Problem bei dem Spiel
namens Leben: so simpel es auch schien - man konnte sich nie, niemals, sicher
sein, ob man nicht alles völlig falsch verstanden hatte. So waren sich zwar alle
darin einig, dass es von ganz entscheidender Bedeutung sei, ob man nun viele
oder wenige Karten hatte. Doch dummerweise war noch nicht geklärt, was besser
war: viel haben - oder wenig.
Andreas Unterweger nimmt den Leser sehr behutsam an der Hand und nimmt ihn mit
in seine Welt. Manche Erklärung mag wie eine Rechtfertigung für das Schreiben
dieser Geschichte klingen. Die ehrlichste unter ihnen erschien mir folgendes
Hemingway-Zitat: Alles, was du tun musst,
ist, einen wahren Satz schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du weißt. So
schrieb ich schließlich einen wahren Satz hin, und von da an machte ich weiter.
Durch den sehr ehrlichen Umgang mit den eigenen, kleinen Unsicherheiten (sowohl
inhaltlich, als auch stilistisch) und die insgesamt runde Darstellung des
männlichen Protagonisten wirkt dieser Debütroman letztlich nie selbstverliebt,
sondern immer charmant. Orientierung und Selbstfindung sind die Hauptthemen des
Autors und der zwei Personen in der Beziehung.
Fazit: Nette und unaufgeregte, aber dabei eben auch wenig aufregende
Samstagnachmittagslektüre für ein Cafe in der Siebensterngasse.
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