Wie ich mich einmal in alles verliebte von Stefan Merrill Block, 2008, DuMont1.) - 2.)

Wie ich mich einmal in alles verliebte.
Roman von Stefan Merrill Block (2008, DuMont - Übertragung Marcus Ingendaay).
Besprechung von Laura Bader, Focus, 2.09.2008:

Eine Geschichte des Vergessens
Der Amerikaner Stefan Merrill Block erzählt in seinem Roman-Debüt die ergreifende Geschichte einer Familie, die seit Generationen unter Alzheimer leidet.

Philip Mapplethorpe war ein Frauenheld. Mit annähernd 100 Frauen hatte der englische Adelige seinerzeit verkehrt. Den Damen des Städtchens Iddylwahl hatte es vor allem die Diskretion des attraktiven Lords angetan und dass er sie jedes Mal wieder so achtungsvoll wie eine frische Eroberung behandelte. Leider ahnte keine der Beglückten, dass ihr Don Juan Träger eines noch unbekannten Gen-Defekts war, der, als Mapplethorpe 35 Jahre zählte, begann, dessen Erinnerungsvermögen nach und nach aufzuzehren. Der Lord erinnerte sich an keines seiner zahlreichen Stelldicheins und wusste ebenso wenig von seinen 60 Nachkommen, von denen 38 seine genetische Mutation erbten.

Vergangenheit und Zukunft

So beginnt die Geschichte der Alzheimer-Frühform im 18. Jahrhundert in dem Roman-Debüt von Stefan Merrill Block. Der 26-jährige Autor beschreibt in „Wie ich mich einmal in alles verliebte“ (Original: „The story of forgetting“) die Krankheit, die seit Generationen die mütterliche Seite seiner Familie belastet. Die genetische Mutation – Alzheimer ist normalerweise nicht vererbbar – tritt in der Regel im Alter zwischen 40 und 65 auf und führt innerhalb weniger Jahre zum Tod. Blocks Großmutter starb kürzlich an den Folgen der unheilbaren Krankheit. Bei dem Schriftsteller könnte sie ebenfalls einmal ausbrechen. „Schon lange hatte ich vor, ein Buch über das Thema zu schreiben“, sagt der Amerikaner. „Ein Grund war sicher, den bizarren Rollenwechsel zu verarbeiten, wenn man als Kind plötzlich für seine Eltern sorgen muss.“

In dem Roman erkrankt die Mutter des 15-jährigen Seth an der Frühform des Alzheimer-Syndroms. Zunächst vergisst sie nur, den Wecker zu stellen oder die Post zu holen bis Jamie schließlich nicht einmal mehr ihren Sohn erkennt. Seth, der einmal Wissenschaftler werden möchte, beschließt, ein Heilmittel zu finden. Dazu macht er sich auf die Suche nach dem Ursprung der Krankheit und der Geschichte seiner Vorfahren. Der Junge fragt sich, warum seine Eltern ihn überhaupt in die Welt gesetzt haben, wenn sie wussten, dass ihr Sohn auch einmal an der siechenden Krankheit sterben könnte.

Gleichzeitig wartet der zweite Ich-Erzähler, der bucklige alte Einsiedler Abel, Hunderte Kilometer entfernt auf die Rückkehr seiner vor über 20 Jahren verschwundenen Tochter. Diese stammt aus einer leidenschaftlichen Affäre mit der Liebe seines Lebens, der Frau seines Bruders. Abel liebte einfach alles an Mae: die Art wie sie Kaffee eingoss, ihre schiefen Zehen und die Geräusche, die ihr Magen gelegentlich von sich gab. Jetzt vegetiert er von allen verlassen als Überbleibsel einer längst überholten Welt in seinem verfallenen Haus vor sich hin. Lediglich seine Erinnerungen sind dem verkrüppelten Farmer geblieben.

Das Thema Erinnerung ist der Dreh- und Angelpunkt in Blocks Roman. Während den resignierten Abel seine Erinnerungen quälen, kämpft Seth in jugendlich naiver Hoffnung gegen das Vergessen. Die Erzählstränge enden jeweils mit einem Ausschnitt aus dem Märchen von Isidora, einer fiktiven goldenen Stadt, in dem keine Erinnerung existiert und alle Menschen glücklich sind. Auch die Tatsache, dass Seths Vater jeden Abend obsessiv den History-Channel schaut, ist kein Zufall. Vergessen und Erinnern, Vergangenheit und Zukunft kreisen in Blocks Roman um die traurigen Figuren, die alle mit einem Makel behaftet sind: Abel hat einen Buckel, Seth schlimme Akne, Jamie leidet an Alzheimer, und ihr Mann ist ein Ignorant, der sich mit Alkohol tröstet.

Im Schatten der Krankheit

Blocks emotionale Betrachtungsweise macht die Familiengeschichte so rührend. Sein Roman ist deshalb so glaubhaft, weil der Autor aus eigener Erfahrung spricht. Seth und Abel schuf er nach seinem Vorbild, dem physisch gezeichneten Außenseiter – er litt früher selbst an extremer Akne. Außerdem verarbeitet er, mit einem ironischen Unterton, seine Erlebnisse mit der mutierten Alzheimer-Form und dem ewigen Schatten der erblichen Belastung, der über dem jungen Mann schwebt. Ergreifend porträtiert Block die teils kuriosen, teils tragischen Symptome, welche die Krankheit auslösen kann: Ein Verwandter Seths lässt jeden Besucher ein Formular ausfüllen, weil er sich danach nicht mehr an denjenigen erinnern kann, Jamie zieht nachts mit einem Koffer voll rohem Fleisch los, und ein entfernter Angehöriger geht mit einem Messer auf seine Tochter los, weil er glaubt, ihr eine Fledermaus aus dem Gesicht schneiden zu müssen.

In Blocks Familie beginnt das Leiden meist im Alter von Anfang 60. Seine Mutter ist jetzt 58 Jahre alt. „Jedes Mal wenn sie meinen Namen mit dem meines Bruders verwechselt oder etwas vergisst, was wir kürzlich besprochen haben, suche ich nach Ausreden, die nichts mit der Krankheit zu tun haben: Sie ist nur müde oder gestresst ...“, schreibt Block in einem Aufsatz für die britische Tageszeitung „The Guardian“. „Dennoch muss ich mich auf die Möglichkeit vorbereiten, dass ich sie ebenso sterben sehen könnte wie meine Großmutter: langsam, in hundert Stückchen jeden Tag.“

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Wie ich mich einmal in alles verliebte von Stefan Merrill Block, 2008, DuMont2.)

Wie ich mich einmal in alles verliebte.
Roman von Stefan Merrill Block (2008, DuMont - Übertragung Marcus Ingendaay).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 03.01.2009:

Das Vergessen verbindet
. . . eine Familie, über der der Fluch einer seltenen Erbkrankheit liegt. Stefan Merrill Block schrieb einen erstaunlichen Debütroman voller Leiden- und Wissenschaft

Wie wird man die Liebe los? Abel, der Bucklige, liebt Mae – die Frau seines schöneren, erfolgreicheren Zwillingsbruders Paul. Wie soll Abel sie bekämpfen, diese verbotene Leidenschaft? Er beschließt, Mae nur noch bei nicht so schönen Tätigkeiten zuzusehen, Fehler an ihr zu suchen, die hässlichen Seiten. Und muss feststellen: Er mag auch diese. Sehr! Immer mehr!

„Wie ich mich einmal in alles verliebte" ist der Titel eines erstaunlich klugen Buches, das ein erstaunlich junger US-Amerikaner geschrieben hat: Mit nur 26 Jahren gelingt es dem Texaner Stefan Merrill Block, seinem Erzähldrang Struktur und Form zu geben, die Balance der Tragikomik zu halten und leichthändig die großen Themen zu jonglieren: Schuld, Vergessen, Liebe.

Abel hätte sie gerne vergessen, diese Liebe zu Mae, die schrecklich-schönerweise Gestalt annimmt in einer gemeinsamen Tochter: Jamie. An Alzheimer aber erkrankt sein Bruder Paul.

Hier nun unternimmt Stefan Merrill Block einige längere Ausflüge in die genetische Historie der (fiktiven) Alzheimer-Frühform EOA-23, die 1826 beginnt mit der Geburt des britischen Adligen Alban Mapplethorpe IV – und sich rasant ausbreitet, als die Frauen des Dorfes Iddylwahl die Verschwiegenheit des schönen, jungen Grafen zu schätzen lernen (dass ihm die Affären tatsächlich schlicht entfielen, bemerken sie zu spät.)

Wie kann man Liebe nur vergessen? Wie kann Seths Mutter nur vergessen, dass er ihr Sohn ist? Aus der Perspektive eines 15-Jährigen erst wird die ganze Tragik der Krankheit deutlich. Seth flüchtet sich in „wissenschaftliche Forschung" und enthüllt so das Geheimnis der Gute-Nacht-Geschichten, die ihm seine Mutter einst erzählte und die auch Abel kennt: von Isidora, dem Land des Vergessens.

Dem Land der Glücklichen.

Hier gerät das Vergessen ins Politische – Schuld vergessen zu können, das ist ein Segen; so zumindest lautet die Lehre aus dem Großen Isidoranischen Krieg. Nun mag man die Fantasy-Ausflüge in die Welt Isidoras befremdlich finden, sie zeigen aber doch, wie vielseitig der junge Erzähler ist.

Mit der Figur des Seth etwa hat er einen dieser klassischen, sich selbst suchenden Heranwachsenden geschaffen, der sich dem klassischen Heranwachsendenproblem der unerfüllten Liebe stellen muss. Cara heißt die Unerreichbare: „Ich hatte nie eine Chance, würde nie eine haben. Ich war zu schräg." Wie kann man nur die Liebe vergessen? Stefan Merrill Block hat keine Antworten auf die Fragen, die er aufwirft. Aber eine schöne Art, Fragen zu stellen.

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