1.) -
3.)
Wie
es leuchtet.
Roman von Thomas
Brussig (2004, S.
Fischer).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der
NRZ vom
18.10.2004:
Ein irres Volk rief
"Wahnsinn!"
Thomas Brussig leuchtet uns mit einem
Panorama-Puzzle der Wendejahre heim.
Thomas Brussig hat der Literatur seines Landes eine freche Verjüngungsspritze genau in dem Moment verpasst, als es in sich selbst zusammenfiel. Das Land hieß DDR und nannte sich Leseland; es hatte einen Bücherminister, der die Zensur verwaltete, eine offizielle Literatur und diverse Unterwanderungsstrategien. Um das Land stand eine Mauer, weil es sich sehr ernst nahm, doch ihm fehlte die Farbe. Autoren hatte es mehr als genug, die Besten konstruierten komplizierte Gleichnisse, waren Verschlüssel- und Anspielungsmeister, Gedankentaster, Parallelweltschürfer, Kuckuckseileger, genaue Beobachter und noch genauer Beobachtete in ihren jeweiligen Nestern. Sie wollten, glaubten, hofften und hatten sich eingerichtet in ihrem Käfig. Sie lehrten ihre Leser das Lesen, bis die nach 89 in die Welt laufen durften und nicht zu ihnen zurück fanden. Das war die Stunde des Thomas Brussig. Aus der Gnade des Spätgeborenen heraus rief er: Nun nehmt das doch nicht alles so ernst! Er hatte seinen John Irving gelesen und wusste seither, wie man schreiben muss. Und brachte seine bald nach Hunderttausenden zählenden Leser zum schallenden Lachen, indem er Christa Wolfs Revolutionsalexanderplatzrede wortwörtlich in sein Buch schrieb. Selten ist der Generationswechsel einer Literatur so krampflösend ins Bild gerückt worden. Derlei Attacken sind Brussigs Thema geblieben auch im neuen Buch.
Einer von uns und der Potenzprotz
Das ist so dick wie nie und man liest es wieder gern, denn Brussig ist einer von uns. Er hat den quasi naiven Blick auf alles und jeden behalten. Seine Helden wie wir können staunen, Fehler machen, Rabatz, Slapsticks und Absurdes. Und sie sind so viele, dass sein neues Buch kein bloßer Roman geworden ist, sondern ein gigantisches Panoramabild-Puzzle der Jahre 1989/90. Alles ist mit allem verzahnt wie in der Chaostheorie, und hätte die 19-jährige Physiotherapeutin Lena aus Karl-Marx-Stadt dem Begehren ihres potenzprotzenden Patienten nachgegeben, wäre die Revolution vielleicht ganz anders verlaufen.Unrasierte Dichter
Brussig schreibt aus Brussigs Welt: Sänger müssen einen frechen neuen Ton haben, Fotografen aus der Hüfte ins pralle Leben zielen, Journalisten die kleinen Geschichten fürs Großeganze finden. Und Autoren sind besser nicht wie der kleine unrasierte Dichter (hinter dem man leicht Volker Braun erkennen kann): ein tastender Gedankendrechsler aus dem "Verhau seiner Ideen", ein "kampferprobter Zensurpartisan" mit "raffiniertem Effet".Der neue Brussig ist ein überquellendes Figurenfüllhorn, ein Begegnungszentrum von Ost und West, ein Potpourri simpler Storys, denn da ist im Osten viel Neues: Die Freiheit ist los und ein großes Kommen und Gehen hebt an. Ein irres Volk rief "Wahnsinn!" und hatte später, als es im neuen Alltag ankam, neue Vokabeln zu lernen wie Döner, Fax, Streitwert und Gewinnoptimierung. Drum herum die Luxushobos von der Dresdner Bank im Palasthotel, die Hochstapler, Triebtäter, konfusen Genossen, verkrampften Bürgerrechtler, Genusssüchtigen, Glücksritter und Pechvögel, Wahlkämpfer, Pfarrer, Anwälte, Minister, Makler, Enttäuschte, Erleuchtete. Dieser Autor ertrinkt im Stoff und kann davon erzählen, dass es leuchtet. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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2.)
Wie
es leuchtet.
Roman von Thomas
Brussig (2004, S.
Fischer).
Besprechung von Martina Lainer aus Rezensionen-online
*bn*, 2004:
Ein Land will Freiheit und landet im kapitalistischen Westen. (DR)
15 Jahre sind eine Zeitspanne, die ein erstes Reflektieren erlauben, 15 Jahre liegen schon weit genug zurück, um die Geschehnisse darzustellen, und diese sind noch frisch genug, um einen authentischen Zugang, das Gefühl, es wäre alles erst gestern geschehen, zuzulassen. Vor 15 Jahren, im Herbst 1989, fiel die Berliner Mauer, wurde das Ende der DDR eingeläutet, das in einen Neuanfang in einem wiedervereinigten Deutschland mündete. Lange schon arbeiten SchriftstellerInnen am sehnlichst erwarteten "Wenderoman". Und er kommt nicht. Weder Sven Regner mit seiner Figur des Herrn Lehmann, noch die Fernsehreihe "Heimat" und nun auch das neue Buch von Thomas Brussig halten den hohen Erwartungen der deutschen Literaturkritik stand. Bleiben ja immer noch die Dokumentationen, wenn die Fiktion nicht ausreicht!
Der 1954 in Ostberlin geborene Thomas Brussig ist Zeitzeuge und er ist Schriftsteller. Beides verdichtet er in seinem Roman, dessen erste Kapitel die Stimmungen und Erwartungen des Umbruchs, dessen Ende nicht absehbar war, aber auch die Ängste der DDR-BürgerInnen exemplarisch an einem reichhaltigen, aber gut durchdachten Figurenrepertoire durchspielen. Ab dem sechsten Buch "Von vor und nach dem Geld" wird eines deutlich: Auf dem Weg zur Wiedervereinigung bleiben viele Menschen auf der Strecke, einige können es sich richten und die kommen auch im neuen Kapitalismus zurecht, machen auch als Ossis ihr Geschäft. Und nicht jeder Wessi ist mit Erfolg gesegnet. Literarisch malt der Autor ein buntes Gemälde, ein Wimmelbild, das eine vielfältige Gesellschaft im Wandel der Zeit zeigt. Dass die ersten 400 Seiten die lebendigeren zu sein scheinen, liegt wohl für LeserInnen, die nicht DDR-BürgerInnen waren, daran, dass es hier brodelt, dass etwas Einmaliges geschieht. Und die Geschichte gibt dem Gefühl Recht: Das Ende der DDR war außergewöhnlich. Den Rest kennen wir ja. Plötzlich geht (m)ein Land in den Westen, wie der kleine Dichter resümiert. Aber es kommt auch ein Land in den Osten, die Banker, Immobilienmakler, Manager und Hochstapler, die sich große Geschäfte erhoffen. All das versteckt sich hinter einer reigenhaft angelegten Dramaturgie, die durch die wie selbstverständlich sich ergebenden Begegnungen zusammengehalten wird. Wenn das der Wenderoman war, so hat er mir spannende Lesestunden beschert, wenn nicht, so sind mir weitere "Stimmungsbilder der Wendezeit" willkommen.
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3.)
Wie
es leuchtet.
Roman von Thomas
Brussig (2004, S.
Fischer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 7.11.2009:
An der Tatsache, dass der große und sehnsüchtig herbeigewünschte Wenderoman nie geschrieben wurde, ändern die wunderbaren kleinen Würfe vergangener Jahre, etwa Thomas Brussigs „Wie es leuchtet” (2004) oder Clemens Meyers „Als wir träumten” (2006) ebenso wenig wie Uwe Tellkamps verzweigter Mammutbaum „Der Turm” (2008) – oder der aktuelle Roman „Freispiel”, den FAZ-Redakteur Andreas Platthaus über die Silvesternacht 1989 verfasste. Westdeutsche Studenten feiern in Berlin, treffen Norbert und Marlene aus Pankow – und erfahren zu spät, dass Norbert Funktionär ist: „Die Fronten sind aufgebrochen, und wir sind in einer Bonzenwohnung.” Die Konstellation hat Platthaus gut gewählt, seine Erzählstimme leider nicht: Eine liebesverwirrte Mittzwanzigerin ist nicht dazu angetan, Geschichte zu hauchen.
Dem vielleicht notwendigen Scheitern des Einzelnen hält Autorin Julia Franck einen Chor der Vielen entgegen: als Herausgeberin einer Anthologie, in denen Autoren aus Ost und West sich an Grenzerfahrungen erinnern. Wiederkehrende Motive: Teelichter in westdeutschen Fenstern, gen Osten gerichtet, Bahnhof und Grenzübergang Friedrichstraße. Und die Erkenntnis: „Hier regnet es ja genauso” – wie im Osten. Oder Westen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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