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Wie Dichtung entsteht.
Essays von Ted Hughes (2001, Insel).
Besprechung von Jan Wagner aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Die Spur des Fuchses
Eine Auswahl der glänzenden Essays von Ted Hughes

1998, im Jahr seines Todes, überraschte der englische Lyriker und zum "poeta laureatus", zum Hofdichter seiner Majestät der Queen erhobene Ted Hughes die Öffentlichkeit mit seinen Birthday Letters - einer lyrischen summa seiner tragischen Ehe mit der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath, die 1963 durch Selbstmord aus dem Leben geschieden war. Hatte Hughes sich zuvor vor allem mit seinem Frühwerk den Ruf eines zwar herausragenden und in seinem Schaffen konsequenten, doch zugleich radikal-nihilistischen, kulturfeindlichen und einen animalischen "will to live" feiernden Dichters erworben, so belehrte er mit seiner letzten, ebenso bilderreichen wie einfühlsamen Sammlung seine Kritiker eines Besseren - selbst jene, die jahrzehntelang nicht müde geworden waren, ihm den Tod Sylvia Plaths persönlich anzulasten. Nun ist unter dem Titel Wie Dichtung entsteht eine Auswahl seiner Essays auf Deutsch erhältlich, die dazu beitragen mag, sich ein differenzierteres Bild von einem der wichtigsten und faszinierendsten englischen Dichter des vergangenen Jahrhunderts zu machen.

Auf den ersten Blick erscheinen natürlich jene Essays am interessantesten, die sich mit eben den Themen befassen, die Hughes zum Streitfall werden ließen: die Darstellung von Gewalt im Gedicht und seine Beziehung zu seiner Frau Sylvia Plath. Der Text Lyrik und Gewalt ist eine eloquente Selbstverteidigung gegen den Vorwurf, er verherrliche in seinen Versen Grausamkeit und Gewalt. Die Diskussion hierüber, die ungefähr zur selben Zeit stattfand wie jene um das Theater der Grausamkeit etwa eines Edward Bond, hatte sich an Gedichten wie "Drosseln" (aus dem Band Lupercal) entzündet, in dem die Drosseln als "mehr Federstahl als Lebewesen" charakterisiert werden und es unter anderem heißt: "Mozarts Hirn besaß sie und der Hai / Dessen Blutgeruch vom Leck seiner eigenen / Flanke bis zur Selbstverschlingung nachgiert: Effektivität, die / Zuschlägt".

Hughes pariert die Angriffe, indem er zwischen einer moralisch und gesellschaftlich definierten "negativen" und einer "positiven" Gewalt unterscheidet, die für ihn synonym ist mit dem Befolgen eines (gott)gegebenen Schöpfungsprinzips, der Treue gegenüber dem Leben. Hughes beklagt die Heuchelei seiner Kritiker und damit verbundene Phänomene wie "das eines leidenschaftlichen menschlichen Fleischfressers, der beim Anblick von Löwen, die ein Zebra töten und auffressen, angewidert das Zimmer verlässt und verkündet, dass eine Welt, in der solche Dinge möglich sind, einfach zu entsetzlich sei" - Indiz, wie so vieles, für die "kultivierte Spaltung des menschlichen Bewusstseins". Hier wie anderswo, nicht zuletzt in seinen Gedichten selbst, wird deutlich, dass Hughes' scheinbare Negation und Destruktivität in Wahrheit nichts anderes ist als ein manchmal zynischer Lobgesang auf das Leben als solches.

Die Essays zu Plath wirken im Vergleich dazu fast distanziert - Hughes spricht wiederholt von "ihren" Kindern -, doch lässt sich diese Distanz als Schutz gegenüber der eigenen emotionalen Befangenheit lesen; die Essays "Ariel" und "Über Sylvia Plath" sind so ein nüchterneres Gegenstück in Prosa zu den Birthday Letters und dennoch eine sensible Auseinandersetzung mit Plaths Person und Werk: "Hinter ihren Gedichten steckt eine ungestüme, kompromisslose Natur und auch ein hoffnungslos in die Welt vernarrtes Kind. Und es gibt da eine seltsame Muse, die kahl, weiß und wild in ihrer ,Knochenkapuze' über einer wie von primitiven Malern geschaffenen Landschaft schwebt: der lodernden Vision eines Paradieses. Eines gleichermaßen unheimlichen wie erschreckenden Paradieses, einer unabänderlichen, von Scheinwerfern angestrahlten Vision des Todes."

Ein solches zwiespältiges Paradies scheint für Hughes seine eigene Kindheit in Yorkshire gewesen zu sein, die er zunächst im an einer Durchgangsstraße gelegenen Dorf Mytholmroyd und später in der weiter südlich gelegenen Industriestadt Mexborough verbrachte. Sprachlich gehören die Essays, die sich mit seiner Kindheit auseinandersetzen, sicherlich zu den stärksten der Sammlung. Die Beschreibung der Steilwand - Drohung und Begrenzung zugleich -, in deren Schatten er seine ersten sieben Jahre verlebte, wird man kaum vergessen ("Der Felsen"), und die Atmosphäre jener Zeit und jener Landschaft, die ihn in seiner Entwicklung prägen sollte, überträgt sich unmittelbar: "Die Menschen sind den Steinen zu stark verhaftet, als ob die Erde sie nur halb geboren hätte, und die Gräber sind zu dicht unter der Oberfläche. Ein Unglück scheint hier lange Zeit in der Luft zu hängen. Und ich werde den Eindruck nicht los, dass die ganze Region noch wegen des ersten Weltkrieges in Trauer liegt."

Mehr noch als die rege Lektüre von Comics beeinflusste Hughes das Beobachten und Jagen der englischen Tierwelt. Beim Angeln, beim Starren auf den Schwimmer auf der Wasseroberfläche, erlernte er, wie er sagt, das Konzentrieren auf einen Gedanken. Und die Fauna, die in jeder seiner Schaffensperioden ein bestimmendes Moment seiner Lyrik darstellt, dient noch in den Essays als Bildmaterial und als Quelle für Analogien: "Dass ich als Junge während der Erntezeit Mäuse jagte (...) - das und meine heutige Jagd auf Gedichte scheinen mir nur unterschiedliche Grade des gleichen Fiebers."

Mehr als Mäuse aber, mehr als jede andere Tierart, war es der Fuchs, der Hughes schon in jungen Jahren als besonders bedeutsam erschien. Noch in vielen Gedichten des reifen Dichters spielt er eine herausragende Rolle. In seinem Essay "Der verbrannte Fuchs" berichtet Hughes von einem Traum, den er während der ersten Studienjahre in Cambridge hatte und der ihn endgültig vom ihn hemmenden Studium der Anglistik Abschied nehmen ließ. Eingeschlafen beim vergeblichen Versuch, eine wissenschaftliche Arbeit zu verfassen, öffnet sich im Schlaf die Tür seines Studierzimmers, und der Fuchs tritt ein: "Jeder Zentimeter war geröstet, schwelend, schwarzgekohlt, aufgebrochen und blutig. Seine Augen, die auf gleicher Höhe mit den meinigen waren, glänzten vor Schmerz. Er kam näher, bis er schließlich neben mir stand. Dann spreizte er seine Finger und legte seine Hand - eine Menschenhand, wie ich jetzt sehen konnte, doch verbrannt und blutig wie der Rest seines Körpers - mit der Handfläche nach unten, flach auf die leere Fläche auf meinem Blatt Papier, und gleichzeitig sagte er: ,Lass das - du tötest uns.' Dann, als er seine Hand forthob, sah ich den Abdruck, mit allen Linien und Falten, wie das Muster eines Handlesers, in nassem, glänzendem Blut auf der Seite."

Nicht zuletzt diese, sicherlich im Nachhinein dramatisierte Begegnung war es, die Hughes veranlasste, der für ihn zunehmend zweifelhaften westlichen Kultur den ungebändigten Drang der Natur entgegenzusetzen, der "objektiven Wissenschaft" seine Vorstellung vom élan vital und von der dichterischen Fantasie als erlösender Kraft im Konflikt zwischen äußerer und innerer Realität.

Besonders deutlich wird diese Skepsis in Hughes' Essays über andere Autoren und Künstler. Und wie so oft, wenn große Schriftsteller sich mit dem Werk eines Kollegen befassen, fühlt man sich als Leser beidem näher gebracht, dem gewählten Thema wie auch der Gedankenwelt und dem Konzept des Verfassers selbst. Ob Hughes in einem überraschenden Essay den zentralen Konflikt der Shakespeare'schen Dramen als einen zwischen Erotik und Puritanismus beschreibt und vermutet, "dass die Pfahlwurzel dieser Dichtung in einem sexuellen Dilemma von der schwärzesten und hässlichsten Sorte steckt"; ob er sich mit "Hymne und Rätsel, diesen zwei kleinen Haushaltsgeräten" in der Lyrik Emily Dickinsons, mit T. S. Eliot, Isaac Bashevis Singer oder John Baskin befasst - immer umkreist er auch seine eigene Philosophie und stellt sie der von ihm beklagten westlichen Bewusstseinsspaltung gegenüber. Mühelos verbindet er dabei die eigene Vision, das eigene immense Wissen, mit seinem Thema und stellt Verknüpfungen her zwischen Ost und West, Schamanismus und Romantik, zwischen Buddhismus und Christentum, Mystik und Musik, zwischen Leitmotiven also, die die Texte auch untereinander verweben.

Hughes' Essays wollen sich nicht an literaturwissenschaftlichen Standards messen lassen. Es sind keine Abhandlungen, nach deren Lektüre man sagen könnte, man habe etwas gelernt - wohl aber, man verstehe nun besser, worum es bei Dichtung geht. Beim Verfassen des Essays über Eliot, sagt Hughes, habe er "die Haltung eines interpretierenden Musikers angenommen".

Dies zeigt sehr schön, worum es ihm geht: Nicht um Endgültiges, eben nicht um eine objektive Wahrheit, sondern um eine Annäherung an die "ektoplasmische Wesenheit", wie er es nennt, um ein Ertasten der Mysterien Leben und Literatur, die bei kaum einem Lyriker so eng miteinander verbunden sind wie bei Ted Hughes.

Für beide vermittelt er in seinen Essays ein Gefühl - intelligent, sprachlich fesselnd, mit viel Charme und keinesfalls ohne Humor -, so dass man das Urteil nicht teilen mag, das Hughes am Ende seines Lebens fällte: "5 oder 6 Jahre Prosa - nichts als die Füchse zu verbrennen."

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2.)

Wie Dichtung entsteht.
Essays von Ted Hughes (2001, Insel).
Besprechung von Werner von Koppenfels in Neue Zürcher Zeitung vom 13.10.2001:

Unter der Felswand
Der Dichter Ted Hughes als Essayist

Ob die Endphase eines langen Dichterlebens von Wiederholung, Verstummen oder neuem Wachstum gezeichnet war, ist für den späteren Standort auf dem Musenhügel nicht unerheblich. Der nach langer Krankheit 1998 auf der Höhe seines Ruhms verstorbene Ted Hughes gehörte unverkennbar zu denen, die noch, und gerade, im Schatten des Todes entwicklungsfähig sind. Unter den Abschiedsgaben, mit denen er seine Leserschaft eines halben Jahrhunderts beschenkte, finden sich nicht nur die rasch berühmt gewordenen «Birthday Letters» an seine früh und tragisch verstorbene Frau Sylvia Plath, die kühnen Nachdichtungen einiger Metamorphosen des Ovid und eine freie Übertragung der «Alkestis», sondern auch eine stattliche Sammlung seiner Prosaarbeiten, viele davon neueren Datums. Sie erschien unter dem seltsam schönen Titel «Winter Pollen» 1994, herausgegeben von Peter Scammell, einem Kenner und Freund des Autors.:...Fortsetzung

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