Wie der Soldat das Grammofon repariert von Sas Stanisic, 2006. Luchterhand1.) - 2.)

Wie der Soldat das Grammofon repariert.
Roman von
Saša Stanišic (2006, Luchterhand).
Besprechung von Hauke Hückstädt in der Frankfurter Rundschau, 4.10.2006:

Wenn Hochhäuser musizieren könnten
Auf jeden Fall eine große Entdeckung der Saison: Sasa Stanisic' Debütroman erzählt auf staunenswerte Weise eine Geschichte aus der Zeit des jugoslawischen Bürgerkriegs

Es wird Einladungen regnen. Voraussichtlich. Senderchefs werden sich eingeschweißte Exemplare kommen lassen, weil ihre Gattinnen jetzt schon danach fragen. Interessant, dieser junge Mann. Aber der Name dann doch schwer auszusprechen. Talkmasterinnen werden genau das zum Aufhänger machen, als Opener. Wie spricht man das jetzt eigentlich aus? Herein kommt ein Beau, aus dem vertrackten ethnischen Hintergrund direkt ins fiebrige Licht der Studios. Was fühlen Sie? Haben Sie das alles so ähnlich erlebt? Wann gehen Sie wieder zurück? Sie haben uns den Völkermord sehr kurzweilig erklärt.

Nein, ja. Danke für die Missverständnisse. Im Gegenteil, das wundervolle, bestaunenswerte wie punktgenau akrobatische Debüt Wie der Soldat das Grammofon repariert wird sich nicht vereinnahmen lassen. Es wird resistent sein gegen jede Tendenz, Balkanpunk dazu auflegen zu wollen oder der Sache einen Diskoschmiss zu verpassen. Und keine Szene oder Generation wird sich daran laben, denn dieser Roman schert sich nicht um Kalamitäten überqualifizierter Akademiker oder um Sehnsucht nach Folklore.

Es gibt ihn, den unendlichen Opa

Sasa Stanisic, Ende der Siebziger im Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowina geboren, kam als Vierzehnjähriger nach Deutschland und legt, so sieht es aus, vierzehn Jahre später einen Roman vor, der keine Erhebung aufwirft, sondern ein Gebirge, ein zerklüftetes Erzählungsmassiv: überraschende Perspektiven, zerfurchte Hänge, schwindelnde Höhen, überbordende Schussfahrten, verschüttete Ebenen, harte Grenzen und liebliche Grenzerweiterungen.

Als Erstes springen den Leser die schönen Kapitel-Argumente an. Stanisic hat sich an Stelle von Titeln oder Nummerierungen für die seit Grimmelshausen und Cervantes etablierten Inhaltszusammenfassungen vor Kapiteln entschieden. Eine formale Entscheidung, die aber etwas über den Charakter des Romans verrät: keine fehlverstandene Spannungsverpflichtung, keine Sinnhuberei, aber auch keine avantgardistische Zurückhaltung: "Wie lange ein Herzstillstand für hundert Meter braucht, wie schwer ein Spinnenleben wiegt, warum mein Trauriger an den grausamen Fluss schreibt und was der Chefgenosse des Unfertigen als Zauberer draufhat." Das klingt nicht nur schön, sondern führt dann - auf 30 Seiten ausgeführt - unverzüglich ins Herz dieses Romans, der von Verlusten erzählt ohne diese ihres Charmes zu berauben. Stanisic' Debüt ist eine maßlos wärmende Hommage an einen Großvater, der sich im Moment höchster muskulärer Geschwindigkeit ("ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Carl Lewis") zu Tode verlangsamt - vor dem Fernsehgerät am 25.August 1991, wenige Monate vor der Flucht der Familie.

Dieser Großvater ist für den erzählenden Protagonisten, den Heranwachsenden Aleksandar Krsmanovic die starke Figur, das verlässliche Geländer, der durch den Tod zu einem "unendlichen Opa" wird, der Aleksandar zuvor zum "mächtigsten Fähigkeitenzauberer der blockfreien Staaten" ernannt hatte und dem Enkel das Erzählen und Fantasieren als höchste Verpflichtung und Aufgabe mitgibt. Unter solch idealem Gestirn entfaltet Stanisic sein Erzählgebirge, das Erinnerungen vergraben trägt und dafür viele Formen kennt: Brief, Gedicht, Aufsatz, Protokoll, Miniatur, Vorwort und sogar die Aufzählung (einmal hält jemand einen springenden Fußball mit der Stirn in der Luft und das Buch zählt auf zwei Seiten in voller Ausschreibung bis 192 mit).

Wie der Soldat das Grammofon repariert ist ein Familienroman, der das Staunen und die ringende Vitalität von Tragik und Komödie adelt. Und es ist ein gutes Buch über Topographie, über einen Ort und die Menschen darin, über Typen und Köpfe. Auch dann nämlich, wenn Stanisic seinen Helden vom Flussstädtchen Visegrad im Nordosten Bosniens erzählen lässt, auch dann ist Hommage das Motiv. Wobei solcherlei Erklären schwerer wird, je dichter die Einschüsse kommen.

Die Familie Krsmanovic reißt es auseinander, Jugoslawien torkelt und wankt im Bürgerkrieg. Es ist das Frühjahr 1992. Ein Jahr später schreibt der um seine Pubertät gebrachte Aleksandar erste Briefe aus Deutschland an Asija, ein Waisenmädchen aus Bombennächten. Das alles ist von Stanisic wunderbar arrangiert. Um sich der Schuttlast der erdrückenden Chronologie zu entziehen, setzt der Roman in seine Mitte eine Miniaturensammlung aus einer Zeit "Als alles gut war". Hier geht es ums Angeln, darum wie Hochhäuser klingen, wenn sie musizieren könnten, oder noch einmal darum "Wie lange ein Herzstillstand für hundert Meter braucht" - eine weiße offen gelassene Seite.

Ganz viele Höhepunkte hat dieser Roman, der so eigenwillig gebaut ist, dass sich keine Vergleiche anbiedern wollen. Ein traumhaft genauer Brief erzählt von Integrationsschwierigkeiten der Familie im Westen, am leichtesten fällt es dem Jungen: "Ich freue mich für fünf Nationalmannschaften." Einfacher lässt sich nichts sagen über ein zersplittertes Jugoslawien, Balkankrieg, Genozid, Exodus und Asylantendasein in Westeuropa. Und ebenso beiläufig die Erwähnung, zentnerschwer, der Geschichte einer Bäckerin, "die in einer Sommernacht '92 dreißig Säcke Mehl über die Visegrader Straßen, über die Brücke und über die Schande ausstreute und sich danach in ihrem kleinen Laden..." - ein Kapitel, das mit Auslassungszeichen endet.

Eine andere große Szene, aus dem Erzählen Dritter wie aus fürchterlichem Dunkel hervorgezogen, evoziert ein Fußballspiel serbischer gegen territoriale Truppenteile während einer Waffenstillstandspause - auf einer Lichtung, die Seitenlinien aus lebenden Soldaten, Serben, hinter den Linien Minenfelder, jeder verschossene Ball fast schon ein Menschenleben. Der Romantitel schließlich spielt auf eine Erinnerung des jungen Erzählers im Moment großer Aggression an. Die Okkupanten schlafen in den Betten der Bewohner, die wiederum in den Treppenhäusern übernachten müssen. Wütende, entgleiste Stimmungen sind das.

Ein "Siegerschädel" schleift ein Grammofon herbei, als es nicht funktioniert, richtet er den Lauf seiner Waffe in den Trichter, dann knackt es, "die Nadel sticht in die Platte". Die Soldaten tanzen. Oder am Ende, in einer seiner beklemmenden Zuspitzungen: Aleksandar Krsmanovic reist, zehn Jahre nach seinem Exodus, zurück in seine Heimat, er zählt die Schritte der alten täglichen Wege, er sucht all die Orte auf, sogar Gerüche, im Versuch, das Verlorene wieder entdecken zu können. Das ist grausam und schön erzählt. Sehr traurig, sehr klug, zurückhaltend und beherrscht. Der Weg vom Elternhaus zu dem der Oma hat sich um 99 Schritte verkürzt. Nur Stumpfsinn würde das Kitsch nennen. Sasa Stanisic hat einen erstaunlichen Erstling geschrieben, weitherzig, rasant, mutig, und auch wenn er die Hürde des Deutschen Buchpreises noch nicht nehmen konnte, so sei sein Roman doch dringlich empfohlen. Es steht vieles darin, das wir unbedingt jetzt wissen sollten.

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Wie der Soldat das Grammofon repariert von Sas Stanisic, 2006. Luchterhand2.)

Wie der Soldat das Grammofon repariert.
Roman von
Saša Stanišic (2006, Luchterhand).
Besprechung von Katrin Schuster aus den Nürnberger Nachrichten vom 9.11.2006:

Echo des Krieges
Saša Stanišic liest heute in Nürnberg

Der aus Ex-Jugoslawien stammende Schriftsteller Saša Stanišic stellt heute, 20 Uhr, im Nürnberger Zeitingscafé (Eingang Peter-Vischer-Straße) seinen Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ vor.

Saša Stanišic kam 1992 als 14-Jähriger aus dem implodierenden Jugoslawien nach Deutschland. Seit 2004 studiert er am Leipziger Literaturinstitut, im vergangenen Jahr gewann er den Publikumspreis des Bachmannwettbewerbs, mit einer Erzählung, die leicht verändert Eingang gefunden hat in seinen Erstling. „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ beginnt mit dem Tod des geliebten Großvaters und dem Gelübde, das der Ich-Erzähler Aleksandar vor ihm ablegt: „niemals aufhören zu erzählen“.

Dementsprechend erscheint die Kindheit als unbändige Abfolge von Schwänken, Anekdoten, Schelmereien, Aphorismen, Mythen. Stanišic sprüht vor schrägen Einfällen, surreal, irrwitzig, melancholisch, weise, fantastisch, pathetisch. Wie zum Beweis dessen treibt der Text anfangs von hier nach dort, vom Opa zu Carl Lewis, von Leben und Tod zum Gurkensalat, von Augenklappen über Brennnesseln zu Marx und Pflaumenernte. Allzu oft verlässt er sich dabei darauf, dass Witz und Poesie sich schon von selbst einstellen, wenn man nur an Absurditäten und Widersprüchen entlang schreibt.

Und wenn der Leser langsam beginnt, all der zankenden Alten, all der leidenschaftlichen Männer und mütterlichen Ikonen, all der Jungenstreiche und Lebensweisheiten, des ganzen Kusturica-Aromas und der gänzlich urteilsfreien Naivität des Erzählers überdrüssig zu werden, bricht der Krieg aus. Na endlich, atmet man auf - nicht, weil man sensationslüstern der ersten Granaten harrte, sondern weil Stanišic kreisender Stil mit dem Eindringen der Soldaten endlich seine erschreckende Mitte gefunden hat.

Aleksandar trägt zwar keinen „falschen Namen“, die Familie verlässt Visegrad dennoch in Richtung Deutschland. Und der Roman zerfällt noch augenfälliger: Er enthält nun auch Briefe des Erzählers an eine Kinderfreundin, dann ein Buch im Buch von Aleksandar inklusive eines Schulaufsatzes sowie Geschichten aus anderem Munde. Dem Text tut das nur gut: Der formale Flickenteppich scheint Stanišic eine ruhigere Hand abzuverlangen, und je mehr Distanz der Autor gewinnt, desto näher rückt der Leser heran.

Bojen der Erinnerung

Aleksandar geht es ähnlich. Nach zehn Jahren fern der Heimat will der ehemalige „Chefgenosse des Unfertigen“ nun doch wissen, wie es weiterging und -geht. Als Vorbereitung auf die Rückkehr fertigt Aleksandar Listen an, von Kneipen, Straßen, Fischen und anderen Bojen der Erinnerung. Und natürlich von den Menschen der Vergangenheit. Manche findet er wieder. Von anderen sind nur Todesarten geblieben: erhängt, geschleift, verbrannt, erschossen. Aleksandar wird zum Zuhörer. Und Stanišic beweist endgültig, dass er mehr kann als sich durchs Kuriositätenkabinett des eigenen Lebens zu schlängeln. Nämlich: in fremden Zungen sprechen und die Leerstellen der Wirklichkeit mit der richtigen Dosis Erfindung füllen.

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