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Wiederbelebungsversuche.
Gedichte und Resonanzen von Jayne-Ann
Igel (2001, Verlag Unartig/Zeitzeichen)
Besprechung von Reinhold
Stumpf für die REZENSIONENwelt,
08/2005:
Der Kunstgriff der Distanz
Die Lesereihe "Zeitzeichen - Literatur im Grauen Hof" des Kunstvereins Aschersleben stellt mit diesem schmalen Band die Dichterin Jayne-Ann Igel vor. Sie wurde 1954 in Leipzig geboren und lebt nach einer Bibliothekslehre und einem abgebrochenen Theologiestudium als freie Schriftstellerin am Stadtrand von Dresden. Ihr vorwiegend lyrisches Werk ist u. a. bei Fischer und Reclam erschienen. Im August letzten Jahres veröffentlichte Urs Engeler Editor ihre Erzählung "Unerlaubte Entfernung".
Unter dem Titel "Wiederbelebungsversuche" liegen dreißig Gedichte in feiner Selektion aus zwei Jahrzehnten vor. Das Thema der Entfernung ist von zentraler Bedeutung im Werk Igels. Die Nähe und Weite zu den Gegenständen wird dabei zum eigentlichen Ausdruck der Texte. So werden einzelne Personen, die familiäre Umgebung, das Leben in der Vorstadt, Sprache, Zeit und Transzendenz als "Resonanzen" eingefangen, die zwischen Person und Umwelt je nach eingestellter Distanz klingen. Das Ich wird zu einer Instanz, die erst aus der Entfernung innere und äußere Bewusstseinsströme zu formen vermag. Auf diese Weise entfalten sich starke Bilder, die jedoch immer genug Luft lassen, um der federleichten Sprachkunst der Dichterin Auftrieb zu verleihen: "in die enge getrieben war ich, auf das schmale / wiesenstück zwischen haus, gemäuer und weg, hier gärte das / licht, unter dem ich kriege ersann".
Die Verse vermögen schon mit ihren ersten Takten einen Sog zu erzeugen, der den Leser wie in einer Geschichte durch eine betörende Bilderwelt zieht. Mit leisen und behutsamen Schritten nimmt die Dichterin uns mit durch ein Raum-Zeit-Kontinuum von dramatischer Qualität. Das Dröhnen des Widerhalls kommt erst viel später, nämlich dann, wenn wir selbst in die Bahn steigen, in den Himmel schauen oder einfach nur mit jemand sprechen und die Welt der Dichterin als eine uns alle umgebende erkennen.
Interessant ist auch die zeitliche Ebene des Bandes. Obwohl die Texte aus zwei Jahrzehnten stammen, scheint Igel aus einer scheinbar immer währenden Gegenwart zu schreiben. Die besonderen Umstände in der ehemaligen DDR und ihr Leben als Bernd, bevor sie sich 1990 einer Geschlechtsumwandlung unterzog, werden, wenn überhaupt durch eine kunstvolle Distanz thematisiert, die in einer zeitlichen Einheit aufzugehen scheint. Die kurzen Prosagedichte faszinieren durch ihre stilistische Souveränität, die sich über zwanzig Jahre innerer und äußerer Entwicklungen auf konstant hohem Niveau hinwegsetzt, als hätte die Dichterin sie alle an einem einzigen Tag geschrieben. Unglaublich, dass zwischen diesen Versen ein Leben als Bernd und Jayne-Ann, in Diktatur und Demokratie liegt:
"von tür zu tür fliege ich, eingezwängt in eine grüne flasche / ich fordere das bißchen schnee vom himmel, der uns foppt mit / einem verzehrenden madonnenlächeln" (1980)
"ich sehne mich nach der wärme des wortes, / seiner welten, seiner dichte - es ist die pirouette, die ein / dachreiter im blaugrauen dunst der dämmerung beschreibt" (1999)
Der Kunstgriff der Distanz macht aus dieser unverwechselbaren Individualität ein Werk von lang andauernder Resonanz.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0805 LYRIKwelt © Reinhold Stumpf